Tauberbischofsheim

Badische Landesbühne Carsten Ramm inszenierte das Stück „Der Illegale“, eine Collage aus Texten, Szenen und Songs von Konstantin Wecker

Wie die Welt besser werden kann

Archivartikel

Die Badische Landesbühne gedachte mit der literarischen Revue „Der „Illegale“ des Dichters und Antifaschisten Günther Weißenborn und erinnerte an dessen Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

Tauberbischofsheim. Die Lebenserinnerungen des 1902 in Velbert geborenen und 1969 in Berlin verstorbenen Dichters und Antifaschisten Günther Weisenborn blätterte Intendant Carsten Ramm für die Badische Landesbühne mit „Der Illegale“ auf: eine Collage aus Texten, Szenen und Songs von Konstantin Wecker mit viel Herzblut.

Der Liedermacher ließ es sich nicht nehmen, im Vorfeld der Tournee persönlich mit den Schauspielern die Lieder mit den von ihm vertonten vierzehn Texten Weisenborns einzustudieren. Allein schon dieses Engagement des bekannten Liedermachers lohnte die Ausgrabung eines heutzutage fast vergessenen, in den 1920er Jahren sehr erfolgreichen Schriftstellers und Autors. Die Texte spiegeln die persönlichen, tief poetischen Empfindungen im Widerstand gegen Hitler und während seiner eigenen Haftzeit wider.

Im aktiven Widerstand

Bereits im März 2019 hatte Ramm ein Lesebuch mit Erzählungen, Liedern, Gedichten und Essays des Autors herausgegeben. „Bist du ein Mensch, so bist du auch verletzlich“ ist der Titel des Buches, mit dem auch der Theaterabend in der Tauberbischofsheimer Stadthalle überschrieben sein könnte. Ramm nennt seine Produktion „Der Illegale“ in Anlehnung an „Die Illegalen“, ein Theaterstück, das in der Nachkriegszeit häufig gespielt wurde.

Günther Weisenborn schrieb es nach seiner Befreiung 1945 aus dem Zuchthaus Luckau. Mit seiner Frau Margarete Weisenborn war er 1942 von der Gestapo verhaftet und der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ zugerechnet worden. Kurz vor der Festnahme des Ehepaares war auch dessen Freund Harro Schulze-Boysen als Kopf ihrer Gruppe aufgeflogen.

Während Margarete 1943 aus der Haft entlassen wurde, musste Günther Weisenborn bis zuletzt mit der Vollstreckung eines Todesurteils rechnen. Der im Hauptquartier der Luftwaffe in Potsdam arbeitende Schulze-Boysen versuchte über die sowjetische Botschaft in Berlin vor dem bevorstehenden Überfall auf die Sowjetunion zu warnen. Ein von der Gestapo entschlüsselter Funkspruch von Moskau nach Brüssel enthielt seinen Namen nebst Adresse. Am 22. Dezember 1942 wurden er, seine Frau als Mitwisserin und Helferin sowie zahlreiche Mitglieder seiner Widerstandsgruppe, in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Die im Hinrichtungsraum auf Hitlers Weisung angebrachte Eisenschiene mit Fleischerhaken erinnert in der heutigen Gedenkstätte an ein schauerliches Kapitel deutscher Geschichte. Bis zu seinem Tod 1969 setzte sich Günter Weisenborn als unerschrockener Mahner gegen die Wiederbewaffnung, den Atomkrieg und für die politische Aufarbeitung des Dritten Reiches ein.

Überzeugter Pazifist

So bescheiden die sängerischen Qualitäten von Evelyn Nagel, Vivien Prahl, Colin Hausberg, René Laier und Tim Tegtmeier sein mögen: eindrucksvoll gelingt es dem engagiert auftretenden Ensemble, die Stimmungen eines nie den Glauben an eine bessere Zukunft verlierenden Künstlers mit viel Poesie und Verve vorzutragen. „So groß wie unser Mut und Zuversicht, sind Hitlers ganze Schergen nicht“, heißt es in einem Lied.

Weisenborn muss sich innerlich wie zerrissen gefühlt haben. Er war Gründer des Berliner Hebbel-Theaters und gehörte als Dramaturg am Schillertheater seit 1941 zum nationalsozialistischen Kulturbetrieb, führte also ab diesem Zeitpunkt ein Doppelleben. Als überzeugter Pazifist begnügte sich Weisenborn unter der Herrschaft der Nationalsozialisten nicht mit der Rolle eines Zuschauers, sondern leistete aktiven Widerstand, um dem System des Terrors und des Krieges trotz Lebensgefahr etwas entgegenzusetzen. „Wo das Unrecht Gesetz ist, wird das Recht illegal“, ist das prägnante Fazit des Schriftstellers.

Misstrauen und Verrat

Regisseur Carsten Ramm begann die Inszenierung mit einer Szene aus Weisenborns erstem Theatererfolg „U-Boot S 4“, das 1928 vom Berliner Publikum viel Zuspruch bekam. Das wüste, enervierend lange Klopfen auf Holzschemel unterstrich die Entschlossenheit der U-Boot-Besatzung endlich den Befehl zum Abfeuern der todbringenden Torpedos zu bekommen und brachte nachdrücklich das erschreckende Phänomen der enthusiastischen Kriegsbegeisterung im Jahr 1914 in Erinnerung. Die literarische Revue konzentrierte sich auf die Geschehnisse und Empfindungen einer im Untergrund tätigen, auf Gedeih und Verderben aufeinander angewiesenen Widerstandsgruppe. Misstrauen und Verrat lauerte überall und selbst in der Zelle endete es fatal, als sich eine vermeintliche Mitgefangene, der man nach kurzem Zögern restlos vertraute, als Sekretärin der Gestapo entpuppte.

Die Bühne war karg eingerichtet; eine Videoleinwand verstärkte die Wirkung der Originaltexte und Lieder, die von Oliver Taub am Klavier und dem Cellisten Konstantin Malikin im „Konstantin Wecker-Sound“ mitreißend begleitet wurden. Am überzeugendsten gelang dies mit dem vielstimmigen Song „Wir sind die Illegalen“, den das Ensemble als Zugabe und „Rausschmeißer“ wiederholte. Das Publikum in der eher mäßig gefüllten Stadthalle spendete enthusiastischen Beifall. ferö