Tauberbischofsheim

Besondere Klasse zur Rekrutierung von Pädagogen Angehörige des ersten Aufbauzugs am Matthias-Grünewald-Gymnasiums trafen sich

Von 27 Schülern wurden 23 Lehrer

Archivartikel

Tauberbischofsheim.Der Abiturjahrgang 1969 half mit, den Bildungsnotstand Ende der 60er Jahre zu beheben. Als 1949 die Bundesrepublik Deutschland gegründet wurde, hatte sich das dreigliedrige Schulsystem aus Volksschule, Mittelschule und Gymnasium entgegen einer Empfehlung der Alliierten 1947 doch wieder durchgesetzt.

Durch den starken wirtschaftlichen Aufschwung der jungen Republik wurde nun aber eine stärkere Ausrichtung der Schulen an wirtschaftliche Erfordernisse nötig. Ein von Bund und Ländern einberufener „Deutscher Ausschuss für das Erziehungs- und Bildungswesen“ legte 1959 einen Rahmenplan vor, in dem davon gesprochen wird, „dass das deutsche Schulwesen den Umwälzungen nicht nachgekommen sei, die in den letzten 50 Jahren Gesellschaft und Staat verändert haben.“

Der Philosoph und Professor für evangelische Religionsphilosophie an der Universität Heidelberg, Georg Picht, ruft in einer Artikelserie der Wochenzeitung „Christ und Welt“ im Februar 1964 „Die deutsche Bildungskatastrophe“ aus. Er schreibt: „Eines der tragenden Fundamente jedes modernen Staates ist sein Bildungswesen“ und sieht die Bundesrepublik am untersten Ende der europäischen Länder.

Und weiter: „Bildungsnotstand heißt wirtschaftlicher Notstand. Wenn das Bildungswesen versagt, ist die gesamte Gesellschaft in ihrem Bestand bedroht.“ Picht bemängelt, dass es zu wenig Abiturienten und zu wenig Lehrer gäbe. Und „wenn nicht sofort Notmaßnahmen ergriffen würden, könnte spätestens 1970 nur noch die Hälfte der Lehrerstellen an den Volksschulen besetzt werden.“

Das Land Baden-Württemberg reagierte mit der Einrichtung sogenannter Aufbauzüge an den Gymnasien (WG und TG gab es noch nicht). Sie sollten vor allem Realschüler in drei Jahren zu einem fachgebundenen Abitur mit Studienberechtigung an Pädagogischen Hochschulen führen.

In Tauberbischofsheim startete im Dezember 1966 der erste (von insgesamt nur drei) solcher Jahrgangszüge mit zwei Kurzschuljahren, um von Schulbeginn Ostern auf September umzustellen. Da es ein musischer Zug war, galt Musik als Hauptfach und jeder musste ein Instrument beherrschen (überwiegend Flöte und Gitarre). Die erste Abiturklasse dieses Zuges traf sich nun nach 50 Jahren wieder. Und tatsächlich wurden von den 27 Absolventen insgesamt 23 Lehrer.

Die Organisatoren Angelika Schönsiegel (geborene Albiez), Ortrud Sacher (geborene Reep), Berthold Keller, Werner Both und Bernd Klumpp konnten 18 Mitschüler willkommen heißen. Nach der Besichtigung der heutigen Bildungsstätte Matthias-Grünewald-Gymnasium mit seinen Neuerungen ging es zu Kaffee und Kuchen. Dann machten die Teilnehmer einen geführten Stadtrundgang, bevor es nach dem Abendessen mit Vorstellung des jeweiligen Werdegangs und dem Austausch von Erinnerungen lange weiterging. jgbek