Tauberbischofsheim

Tauberbischofsheimer Schlosskonzerte Klavierabend im Rathaussaal mit Mikhail Voskresensky / Altmeister seines Fachs mit großer Ausstrahlung

Sofort in die Herzen des Publikums gespielt

Archivartikel

Ein klassisch-romantischer Klavierabend mit Mozart, Chopin und Tschaikowsky und einem 84-jährigen Grandseigneur alter Schule, der sich mit seinem ebenso souveränen und unprätentiösen Auftritt sofort in die Herzen des Publikums spielte: Das jüngste Schlosskonzert der laufenden Saison hatte wirklich einiges zu bieten.

Mikhail Voskresensky, 1935 in Berdjansk geboren und seit Jahrzehnten als Lehrer am Moskauer Konservatorum tätig, präsentierte sich im gut besuchten Rathaussaal als genuiner Altmeister seines Fachs von internationalem Rang und mit großer persönlicher Ausstrahlung, obwohl oder gerade weil er dem gängigen Bild des Tastenvirtuosen so gar nicht entspricht: Ein stattlicher, freundlicher älterer Herr im grauen Anzug mit Fliege, der da in den Saal kommt und sich kurz verbeugt und dann ohne Notenblätter einfach loslegt. Ohne die Tricks und Kniffe pianistischer Selbstinszenierung, die vielen Kollegen der jüngeren Pianistengeneration unentbehrlich erscheinen. Dafür mit beeindruckender Ruhe, Gelassenheit und Abgeklärtheit – dazu Bestimmtheit und gelegentlich eigenwilligen Akzentuierungen in Mozarts kleiner Fantasie d-moll, mit der Voskresensky das Konzert eröffnete. Gefolgt von einer der bekanntesten und beliebtesten Mozart-Sonaten (KV 331) mit dem legendären und endlos zitierten, inzwischen längst auch zur internationalen Popmusik zählenden „alla turca“-Finale.

Nicht weniger volkstümlich geworden ist das 6/8 Thema des Variationensatzes, in dem der Interpret zum ersten Mal seine exorbitante technische Klasse aufblitzen ließ und – nach einem wunderbar natürlichen, zu Herzen gehenden Menuett – zum zunächst überraschend dezent und gezügelt vorgestellten (und nicht herausgehämmerten) „türkischen Marsch“ überging.

Das motorische Potenzial des Rondos entlud sich erst nach und nach. Unter anderem in den markant herausgemeißelten Bass-Arpeggien der linken Hand.

Einem ganz anderen Mozart begegnete man dann nach der Pause in Gestalt des ergreifenden h-moll Adagio-Satzes, entstanden 1788 in einer schwierigen, nicht nur von finanziellen Nöten beherrschten Lebensphase des Künstlers, eines seiner persönlichsten und zugleich düstersten Klavierwerke, beherrscht von einer vom Gefühl der Ausweglosigkeit und Verzweiflung kündenden Stimmung.

Hier erstand sie neu in einer unerhört dichten und schmerzlich meditativen, im besten Sinne abgeklärten Interpretation, die längst auf äußerlichen Wirkungsmittel und Manierismen verzichten kann.

Mit sehnsüchtigen und schwelgerischen Klängen aus seiner russischen Heimat hatte der Pianist zum Schluss des ersten Teils das Publikum im gut besuchten Rathaussaal verzaubert: Mit einer Auswahl aus Peter Tschaikowskys zwölfteiligem „Jahreszeiten“-Klavierzyklus von 1876. Das Ganze war ein willkommenes Auftragswerk für den damals mit Mitte 30 noch hart um Anerkennung kämpfenden Komponisten.

Die insgesamt zwölf Charakterstücke entsprechen den zwölf Monaten, von denen hier eine Auswahl von sechs gegeben wurde, deren wechselnde Stimmungen der Interpret mit bezaubernder intuitiver Sicherheit erfasste und mit herrlicher Farbenfülle und urwüchsig slawischem Temperament zum Leben erweckte.

Sei es nun die schüchterne, gleichsam zögernde Liedhaftigkeit des „April“-Allegretto, die träumerisch-entspannte, fast somnambul klingenden Barcarole des „Juni“ (wohl eine Reminiszenz ihres Schöpfers an einen Venedig-Aufenthalt), die kraftvollen Bauerngesänge im „Juli“ und – als starker Kontrast – die elegische und unerhört nuancenreich wiedergegebene Herbstmelancholie des „Oktober“.

Nicht weniger eindrucksvoll danach die schwermütigen Panoramen der russischen Winterlandschaft im „November“, kontrastiert mit dem lustigen Geläute einer vorbeiziehenden Troika, gefolgt von einer fröhlichen Weihnachtsfeststimmung im Walzertakt.

Den ganz großen Auftritt hatte sich der Interpret freilich für die zweite Hälfte des Konzerts aufgespart in Form von Frederic Chopins großer, etwa 30-minütigen h-moll Sonate.

Durchaus majestätisch, doch nicht überlaut, intonierte Voskresensky die Eingangsakkorde des Allegro, das wie von einer unerbittlichen, unwiderstehlichen Macht gedrängt dahin rollte. Das Scherzo mit seinen dynamischen Extremen bestätigte einmal mehr den Rang des Virtuosen. Im gedankenverlorenen Largo lotete der Pianist – ohne sentimental zu werden – die ganze Tiefe der slawischen Seele aus und steigerte sich schließlich im elektrisierenden, unwiderstehlichen Presto-Finale zu überbordender Bravour.

Riesenbeifall gab es schon vor der Pause im Rathaussaal. Und für die minutenlangen Schlussovationen bedankte sich Mikhail Voskresensky noch großzügig mit Schumann (dem Thema aus den „Geistervariationen“) und einem umwerfend exerzierten „Hummelflug“ von Rimsky-Korsakoff.