Tauberbischofsheim

„Der Steppenwolf“ Abschlussklassen der Gymnasien erlebten beeindruckende Aufführung von Hermann Hesses Werk

Schonungslose Suche nach der Identität

Archivartikel

Tauberbischofsheim.Man stelle sich vor, man steht in einem Spiegelkabinett und sieht sein Spiegelbild mehrfach, vielleicht ein dutzend Mal. Jetzt stelle man sich vor, jedes Spielbild würde einen Teil seines Selbst verkörpern und mit den anderen in Konflikt stehen. – So in etwa geht es Harry Haller in „Der Steppenwolf“.

In einer schulübergreifenden Veranstaltung zwischen der Tauberbischofsheimer Kaufmännischen Schule (Wirtschaftsgymnasium) und dem Matthias-Grünewald-Gymnasium wurden zwei Vorstellungen von Hermann Hesses „Der Steppenwolf“ gegeben. Die rund 120 Schüler der Abschlussklassen wurden Zeugen der Darbietung von „TheaterMobileSpiele“ aus Karlsruhe und erlebten so ihre Abitur-Lektüre“ einmal anders.

Herman Hesses Romanvorlage, die in den 1960er-Jahren bei der Hippie-Bewegung Kultstatus erreichte, hat auch heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Die existenzielle Suche nach der eigenen Identität, der Konflikt zwischen Lebenslust und Lebensfrust und die Konfrontation der Facetten der eigenen, scheinbar multiplen Persönlichkeit sind omnipräsent für die Hauptfigur Harry Haller (sehr glaubhaft dargestellt von Julian W. König).

Der zeitlose Themenkomplex wird zum Gegenstand des Stücks und führt durch eine Art Reifeprozess zu einer einfachen und ebenso vorbildhaft klassischen Lösung. Ganz in Weiß und minimalistisch gehalten stand die fast klinisch sauber anmutende Kulisse schonungslos für den harten Kampf Harry Hallers mit sich selbst und der Welt.

Die Schüler sahen ein Ein-Mann-Stück, bei dem geschickt mit digitaler Technik weitere Protagonisten durch Videoszenen und Projektionen ersetzt wurden. Besonders beeindruckend war Königs blitzschnelles Umschalten zwischen den Figuren, ihren Emotionen und Stimmen. Er lieferte eine Performance, die ihm verdient den Respekt der Schüler einbrachte. Gespielt wurde ein Ausschnitt der über 200 Seiten fassenden Romanvorlage, exakt, schonungslos, wahrhaftig und pointiert inszeniert von Thorsten Kreilos.