Tauberbischofsheim

125 Jahre Kirchenchor St. Martin (Teil 1) Durch regelmäßige Aufzeichnungen früherer Chormitglieder lässt sich die Entwicklung des Klangkörpers gut nachvollziehen

Mit Paul Julier begann die Blütezeit

Der Tauberbischofsheimer Kirchenchor St. Martin blickt am 24. November auf 125 Jahre erfolgreicher Chorgeschichte zurück.

Tauberbischofsheim. 125 Jahre sind eine lange Zeitspanne, die sich aber dank regelmäßiger Aufzeichnungen früherer Chormitglieder gut nachvollziehen lässt.

Die Geschichte des Chores beginnt laut einem Schreiben der Tochter von Josef Fischer, dem Dirigenten des Chores ab 1898, spätestens 1894 unter dem Dirigat von dessen Vorgänger Julius Pfeiffenberger, der zu Zeiten von Pfr. Johann Schott in den Jahren 1892 bis 1898 als Chordirigent in der Stadtkirche St. Martin tätig gewesen sei.

Die erste schriftliche Dokumentation einer Choraktivität findet sich aber erst 1895, und zwar im Programm eines „Kirchengesangsfestes“ in Hardheim, in dem unter anderem von der Mitwirkung des „Kirchenchores aus Tauberbischofsheim“ unter dem Dirigat von Julius Pfeiffenberger (mit Pfr. Rudolf Freidhof (1893 bis 1899) als Präses), die Rede ist.

Der Nachfolger von Pfeiffenberger war Josef Fischer, wie sich in der Folgezeit den immer wieder auftauchenden Berichten in der heimischen Presse entnehmen lässt. Für die Dauer des Ersten Weltkrieges fehlen allerdings Nachweise, was wohl den Wirren jener Zeit geschuldet ist. Erst ab 1925 findet sich in den Unterlagen wieder die eine oder andere Erwähnung öffentlicher Auftritte des Chores.

Seine eigentliche Blütezeit begann jedoch wohl erst mit der Übernahme der Chorleitung durch Paul Julier im Jahr 1937, der sein Amt unter den Präsides Erich Weick (1927 - 1946), Anton Ullrich (1946-1963) und Ludwig Mönch (1963-1979) ausübte und als außerordentlich begeisternder und wirkungsintensiver Dirigent in die Annalen des Chores einging. Der Sänger erstes „schwungvolles“ Wiederauftauchen am Chorhimmel gelang laut Programm der Stadt Tauberbischofsheim anlässlich einer Weihnachtsfeier am 26. Dezember 1945 mit diversen Liedbeiträgen.

Eindrucksvolle Aufführungen

In den insgesamt 39 Jahren seiner fruchtbaren Arbeit führte Julier den Chor zu einer musikalischen Reife, die besonders bei den eindrucksvollen Aufführungen der „Krönungsmesse“ von W. A. Mozart am 6. Juli 1947 und Haydns „Schöpfung“ im April 1950 , bei Mozarts „Requiem“ am 7. Dezember 1956 sowie im Oratorium „Die sieben Worte Jesu am Kreuz“ von Joseph Haydn am Ostersonntag 1971 zum Ausdruck kam.

Doch nicht nur diese Höhepunkte bestimmten die Aufgabe des Chores im Folgenden. Vielmehr entwickelten sich die Anforderungen zunehmend dahingehend, sich auch mehr und mehr regelmäßig an der Mitgestaltung der Liturgie zu beteiligen.

Diese neue Zielsetzung war besonderes Anliegen des Nachfolgers von Paul Julier, Waldemar Bohner, der 1976 sein Amt antrat.

Er sorgte nicht nur maßgeblich für die Einführung und Einübung des neuen „Gotteslob“-Gesangbuches in der Gemeinde, sondern ihm verdankten Chor und Kirchengemeinde auch neue Impulse für den Choralgesang und die kontinuierliche Weiterentwicklung von Kantoren und Schola im Gottesdienst.

Neben all den liturgischen Aufgaben für die Sänger gewann bald auch das gesellige Miteinander immer mehr an Bedeutung. Vor allem die jährlichen Faschingsfeiern und Sommerfeste mit dem anno 1983 zum Bezirkskantor und neuem Chorleiter gewählten Nachfolger von Bohner, Thoma Drescher, und nicht zuletzt dessen Frau Christiane hinterließen bei den Chormitgliedern nachhaltigen Eindruck.

Unbeschwerte Zeit

Auch in kirchenmusikalischer Hinsicht begann eine unbeschwerte Zeit für den Chor, weil wohlwollend gefördert, anerkannt und in allen Belangen unterstützt von dem zu Dreschers Zeiten amtierenden Dekan Fritz Ullmer (1980 - 1992), der auch auf Grund seines Interesses für die Kirchenmusik sein Amt als Präses sehr ernst nahm.

Als weiterer glücklicher Umstand in jenen Tagen erwies es sich, dass Frau Drescher die Leitung des inzwischen neu in der Stadt gegründeten Kirchenchores St. Bonifatius übernahm.

So hatte es diese Konstellation zum Beispiel möglich gemacht, unter ihrer Leitung mit beiden Chören anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Städtepartnerschaft mit Vitry-le-François dort einen feierlichen Gottesdienst mit Mozarts „Missa brevis“ mitzugestalten.

In Dreschers Ägide fielen als besondere Glanzstücke darüber hinaus noch die Aufführung der „Weihnachtshistorie“ von Heinrich Schütz sowie Valentin Rathgebers „Orchestermesse“.

Das Jahr 1992 brachte für den Chor mit der Neuorientierung der Familie Drescher nach Mainz und dem gleichzeitigen Weggang von Präses Fritz Ullmer einen gravierenden Einschnitt. An Ullmers Stelle wurde Pfarrer Werner Florian neuer Präses. Das Amt des Bezirkskantors und Chorleiters übernahm Michael Meuser, der, ähnlich wie sein Vorgänger, ebenfalls eine nicht nur kirchenmusikalisch gebildete und sozial engagierte Frau an seiner Seite hat. Brigitta Meuser sollte sich auch bei Auftritten des Chores häufig als sehr willkommene Bereicherung erweisen, zumal sie auch zeitweise die Leitung des Schwesterchores St. Bonifatius übernahm, mit der sehr erfreulichen Folge, dass beide Chöre das eine oder andere Mal erfolgreich freudig miteinander musizieren.

Wenn auch der Fortgang von Fritz Ullmer als besonders engagiertem Förderer der liturgischen Musik für den Chor sehr schmerzlich war und blieb, so wirkte sich zumindest der Wechsel im Amt des Dirigenten nicht negativ auf die Sangesfreude und das Können des Chores aus, wie sich zeigen sollte.

Doch zunächst durfte sich der Chor am 27. November 1994 über die Verleihung der Palestrina-Medaille durch den Diözesanpräses des Cäcilien-Verbandes, Geistlichen Rat Pfarrer Schäfer freuen Die Ehrung wurde von Chor und Dirigent als großer Ansporn empfunden, weiterhin mit viel Engagement sowohl den Chorgesang im Gottesdienst zu pflegen, als auch mit dem einen oder anderen weltliche Konzert außerhalb der Kirchenmauern dem guten Ruf des Martinschores immer wieder gerecht zu werden.