Tauberbischofsheim

Krankenhaus Fachsymposium zum 40-jährigen Bestehen der Psychiatrie-Abteilung / Immer mehr Menschen benötigen Hilfe

Leuchtturmprojekt mit großer Strahlkraft

Das Fachsymposium zum 40-jährigen Bestehen der Abteilung am Krankenhaus Tauberbischofsheim zeigt deutliche Verbesserung bei den Therapiemöglichkeiten für psychisch kranke Menschen.

Tauberbischofsheim. Vor 40 Jahren am 1. Oktober 1979 wurde die Abteilung für Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Krankenhaus Tauberbischofsheim gegründet. Sie war damals eine der ersten psychiatrischen Hauptfachabteilungen an einem Allgemeinkrankenhaus in Baden-Württemberg. Mit einem Fachsymposium feierte das Krankenhaus in den Räumen des 2016 eingeweihten Neubaus jetzt diesen Geburtstag. Dabei verwiesen alle Referenten auf die deutlich verbesserten Therapiemöglichkeiten von psychisch kranken Menschen und lobten die hohe Qualität der Behandlung.

Lobende Worte

Landrat Reinhard Frank unterstrich die besondere Bedeutung der Abteilung für die Versorgung von psychisch kranken Menschen für die gesamte Region: „Das Leuchtturmprojekt von damals hat bis heute nichts von seiner Strahlkraft verloren und ist beispielhaft für den ländlichen Raum“, sagte er.

Tauberbischofsheims Bürgermeisterin Annette Schmidt sagte: . „Ich bin dankbar und stolz, dass Sie in Tauberbischofsheim ansässig sind und die Menschen aus der Stadt und der Region hier wohnortnah Hilfe finden.“

Als Vorsitzender der Kreisärzteschaft unterstrich Sebastian Gerstenkorn, die „sehr gute Zusammenarbeit“ zwischen Krankenhaus und niedergelassenen Ärzten. „Wir können unsere Patienten in psychischen Krisen hier immer in die Klinik geben. Die psychiatrische Abteilung am Krankenhaus Tauberbischofsheim ist hervorragend aufgestellt und bietet eine hohe Kompetenz in der medizinischen und pflegerischen Versorgung.“

Rückblick

Chefarzt Dr. Mathias Jähnel gab einen kurzen Rückblick auf die Entwicklung der Abteilung für Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Krankenhaus Tauberbischofsheim. Dabei verwies er auf die 1975 von Experten vorgelegte Analyse der Situation von psychisch kranken Menschen in Deutschland, die sogenannte „Psychiatrie-Enquete“.

„Psychisch kranke Menschen wurden damals in großen Anstalten mehr oder weniger verwahrt. Ärzte, Pfleger und Therapeuten gab es kaum.“ Die Empfehlungen der Psychiatrie-Enquete leiteten davon eine Neuausrichtung der psychiatrischen Versorgung in Deutschland ab, mit dem Ziel einer Gleichstellung von psychisch und körperlich kranken Menschen. Dies sollte auch durch die Integration von beiden stationären Therapien in einem Krankenhaus gelingen.

„Mit der Gründung der Psychiatrischen Abteilung am Krankenhaus Tauberbischofsheim haben einige weitsichtige Kommunal- und Landespolitiker diese Ideen umgesetzt. Sie haben damals einfach gemacht und nicht lange gezögert“, so Dr. Jähnel. 2002 wurden dann die Psychosomatische Medizin und die Psychotherapie in die Abteilung integriert. „Der manchmal etwas umständliche Name unserer Abteilung demonstriert unseren Anspruch an die Behandlung unserer Patienten in allen drei Bereichen: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.“

Mit einigen Zahlen unterstrich Jähnel die Entwicklung der Abteilung: wurden im Jahr 1980 etwa 400 Patienten jährlich stationär behandelt, steigerte sich die Zahl im Jahr 2006 auf 900 stationäre Patienten bis zum Jahr 2018 auf 1600 Patienten. Zusätzlich wurden 6400 Patienten ambulant versorgt. Um diese erfolgreiche Arbeit fortzusetzen, brauche es vor allem kompetente und engagierte Mitarbeiter. Jähnel: „Die habe ich und darauf bin ich stolz.“

Ambulanz ist Kern der Versorgung

Diesen Rückblick ergänzte Professor Gerhard Längle mit einem Blick auf die Geschichte der Sozialpsychiatrie der letzten 40 Jahre am Beispiel der drei Landespsychiatriepläne, die seit 1974 vom Land Baden-Württemberg vorgelegt wurden. Dabei habe es immer wieder Diskussionen um eine verstärkte Spezialisierung in großen Kliniken einerseits gegen eine verstärkte Regionalisierung andererseits gegeben.

Der Landesplan 2018 lege nun insgesamt eine klare Reihenfolge fest: „Kern der Versorgung ist die Ambulanz, dann folgt die Tagesklinik, dann erst die stationäre Versorgung.“ Längle: „Sie haben hier in Tauberbischofsheim also alles, was eine moderne Psychotherapie und Psychosomatik braucht; sie sind mit der Klinik hier sehr gut ausgestattet.“

Dr. Gabriel Eckermann setze sich in seinem Vortrag mit der Entwicklung von Psychopharmaka in den letzten Jahrzehnten auseinander.

Psychopharmaka

Vor 1950 habe es keine Medikamente zur Behandlung von Depressionen, Schizophrenien oder anderen schweren psychischen Erkrankungen gegeben. Erst in den 50er und 60er Jahren wurden wirksame Psychopharmaka entwickelt, teilweise aber mit erheblichen Nebenwirkungen. Seither habe es immer neue Entwicklungen bei Psychopharmaka gegeben.

„In den folgenden drei Jahrzehnten sank die Population in den Krankenanstalten um 80 Prozent“, machte Dr. Eckermann die Erfolge der Psychopharmakotherapie deutlich. Er setzte sich auch kritisch mit den Neben- und Wechselwirkungen von Psychopharmaka auseinander. Häufige Nebenwirkungen seien etwa sexuelle Funktionsstörungen, Gewichtszunahme, ständige Müdigkeit oder ständige innerliche Unruhe. „Wenn zwei dieser Effekte auftreten, führt dies häufig zum Absetzen des Medikaments und damit zu einer hohen Rückfallquote“, betonte er. Seit den 90er Jahren gebe es jedoch Antidepressiva und Antipsychotika der zweiten Generation mit deutlich weniger Nebenwirkungen. Zugleich warnte er vor dem Risiko von – teils erheblichen – Wechselwirkungen dieser Antidepressiva mit anderen Medikamenten etwa Blutdrucksenkern und warnte vor Selbstmedikation, zum Beispiel mit Johanniskraut.

„Die Probleme, die Psychopharmaka schaffen, können erheblich sein, aber sinnvoll eingesetzt, sind sie eine der wichtigsten Fortschritte der modernen Medizin“, zog er Bilanz.

Geschichte der Psychotherapie

Der Geschichte der Psychotherapie widmete sich Prof. Elmar Etzersdorfer. Bei der Psychotherapie stehe das Gespräch und die Beziehung zum Patienten im Mittelpunkt. Zu den wichtigsten Verfahren gehören die Psychoanalyse sowie die daraus abgeleiteten tiefenpsychologisch orientierten Therapien, kognitive Verhaltenstherapie und systemische Verfahren. Die wissenschaftlich fundierte Psychotherapie sei inzwischen ein integraler Bestandteil der psychiatrischen Behandlung geworden. In vielen Fällen werde die Psychotherapie auch mit einer psychopharmakologischen Behandlung kombiniert. Mit Ausschnitten aus verschiedenen Spielfilmen über Psychiater und ihre Patienten fand das Symposium einen unterhaltsamen Ausklang. Karenberg leitete daraus die unterschiedliche Wahrnehmung von Psychiatern in der Gesellschaft ab: Von Dämonisierung und Glorifizierung bis zu Neutralität und unpolitischer Komödie. khtbb