Tauberbischofsheim

Corona-Pandemie In einem Video-Talk äußern sich an vorderster Stelle Verantwortliche zur augenblicklichen Situation und zur beginnenden Impfkampagne

„Hohe Motivation“ bei niedergelassenen Ärzten erkennbar

Archivartikel

Main-Tauber-Kreis.Die Corona-Pandemie werde die Gesellschaft noch einige Zeit beschäftigten – dieser These schlossen sich alle Teilnehmer der Video-Talkrunde an. Nach Meinung von MdL Dr. Wolfgang Reinhart hätten nicht nur Krankenhäuser, sondern auch die niedergelassenen Ärzte größte Herausforderungen zu bewältigen. „Was dort geleistet wird, ist beachtlich. So ist es den niedergelassenen Medizinern binnen kürzester Zeit gelungen, neben der Regelversorgung einen zweiten ,Strang’ für die ambulante medizinische Versorgung von Infizierten oder sich in Quarantäne befindlichen Patienten aufzubauen.“ Damit bildeten sie einen Schutzwall für Kliniken, die sich auf jene Fälle konzentrieren könnten, die der stationären Behandlung bedürfen.

Für Daseinsvorsorge wichtig

„Wir als CDU-Landtagsfraktion wissen nicht erst seit der Pandemie, wie wichtig ein ausreichendes ärztliches Angebot als Bestandteil der regionalen Daseinsvorsorge ist“, teilt Reinhart mit. So habe man mit dem bislang letzten Doppeletat nicht nur das Volumen der Haushaltsmittel zur Niederlassungsförderung nochmals erhöht, sondern auch eine Aufstockung der Medizin-Studienplätze um zehn Prozent, verbunden mit der Landarztquote, beschlossen. Erfreulich sei zudem, dass mit der Tarifeinigung für Medizinische Fachangestellte (plus zwölf Prozent bis 2023) in den Arztpraxen ein erster Schritt gegangen werden könne, um die dort bestehende Gehaltslücke zwischen niedergelassenem und stationärem Bereich zu schließen. Zur Pandemie meinte der Politiker, es benötige noch Durchhaltevermögen.

Diese Aussage teilt Dr. Christoph Schauder, Erster Landesbeamter im Main-Tauber-Kreis: „Bis 10. Januar werden wir noch lange nicht über dem Berg sein.“ Es brauche für die Zeit danach „tragfähige Konzepte für Schulen und Kindertagesstätten“, deren vorzeitige Schließung im Übrigen sehr geholfen habe. Schauder bezeichnete dies als „alternativlos“, da auch der Main-Tauber-Kreis mit „großer Dynamik“ von der zweiten Welle erfasst worden sei. Die Mitarbeiter im Gesundheitsamt arbeiteten „am Anschlag“, so der Erste Landesbeamte, weil die Personallage alles andere als berauschend sei; hier gelte es weiter nachzujustieren. Dankbar sei der Kreis über die tatkräftige Unterstützung durch die Bundeswehr. Es werde wohl nicht nur eine Verlängerung dieses hilfreichen Engagements erwogen. Nach Möglichkeit strebe man auch eine Personalaufstockung an.

Noch „überschaubar“

Die Situation in den Senioren- und Pflegeeinrichtungen nannte Dr. Christoph Schauder als „überschaubar“. Bei kleinsten Anzeichen, etwa in Form eines positiven Antigenschnelltests, sei man darauf aus, sofort zu reagieren und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Deshalb sehe es hier zurzeit relativ gut aus. Er hoffe, dass in diesem Bereich die Strategie weiterhin entsprechend funktioniere, um nach Möglichkeit in diesen Einrichtungen keine weiteren Hotspots zu akquirieren. Dennoch sei nichts zu beschönigen: „Es ist auch bei uns eine Minute vor Zwölf.“

Die Antigenschnelltests nannte er „eine Momentaufnahme“, die lediglich eine „trügerische Sicherheit“ darstellten. Schauder mahnte auch in den nächsten Wochen einen „verantwortungsvollen Umgang“ miteinander an. Für den Moment sei das Niveau zwar stabil, doch „wir müssen schnell mit den Zahlen weiter runterkommen.“

Dr. Franz Hoch, Ärztlicher Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums am Caritas Krankenhaus Bad-Mergentheim, wird an verantwortlicher Stelle beim Impfzentrum in der Großen Kreisstadt verantwortlich sein. „Der Aufbau der Infrastruktur, die das Landratsamt organisiert, läuft supergut an“, betont der Mediziner. Die Vorgaben würden alle erfüllt, bis zum geplanten Impfstart am 15. Januar werde es noch einen Probelauf geben, doch schlussendlich werde man infrastrukturell perfekt aufgestellt sein.

Insgesamt nennt Dr. Hoch die Situation bei den Ärzten im Kreis derzeit als „extremes personelles Problem“. Rund die Hälfte seiner Kollegen sei bereits über 60 Jahre alt, 15 Prozent schon im Rentenalter. Für sie gelte prinzipiell auch die Vorgabe, mit größter Vorsicht vorzugehen, da sie der gefährdeten Altersgruppe zuzuordnen seien. Wenn die Impfungen starteten, seien die Ärzte in erster Linie für die Aufklärung zuständig, wohingegen der eigentliche Impfvorgang von Medizinischen Fachangestellten übernommen werde.

Weiteres Personal nötig

Was die mobilen Impfteams betreffe, könnte man durchaus noch weiteres Personal gebrauchen, lässt Hoch weiter wissen. Vielleicht sei es möglich, die Impfungen in den Pflegeheimen komplett von den Hausärzten vornehmen zu lassen, was die Situation deutlich entspannen würde.

Von einer „hohen Motivation“ bei den niedergelassenen Ärzten spricht Dr. Sebastian Gerstenkorn, Vorsitzender der Kreisärzteschaft Tauberbischofsheim. Er und seine Kollegen hätten jene Erfahrung, die nötig sei, um den Impfmarathon zu bewältigen. „Im letzten Vierteljahr haben wir bundesweit 18 bis 20 Millionen Grippeimpfungen verabreicht – völlig geräuschlos. Wir haben die Logistik.“ Gerstenkorn setzt zunächst darauf, besser zu informieren, um die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, zu steigern. Weiterhin hoffe er, dass parallel zum Impfzentrum dezentral vorgegangen werde. Denn nicht jeder 80-Jährige sei in der Lage, nach Bad Mergentheim zu kommen, um sich dort schützen zu lassen. Deswegen plädiere er dafür, die Hausärzte stärker einzubauen und ihnen zeitnah die Impfdosen zu liefern. Wenn weitere Impfstoffe zugelassen würden und sich deren Zahl nach oben bewege, erhöhe sich auch automatisch die Summe der Lieferungen, was sich positiv auswirken werde. Bilder: Klaus T. Mende