Tauberbischofsheim

Leserbrief Zu „SWR-Beitrag zum Gasthofsterben“ (FN, 16. August) und der Fernsehausstrahlung am gleichen Tag

„Hauptproblem ist: Es fehlt schlichtweg an Personal“

Reiner Populismus, Herr Professor Dr. Reinhart. Bei Ihrer Feststellung, dass ein Wirtshaussterben (leider auch Metzgereien, Bäckereien und Tante Emma-Läden) stattfindet – übrigens bereits seit Jahrzehnten – bin ich voll bei Ihnen. Das ist aber nichts Neues.

Allerdings ist es mit Fördermitteln nicht getan, denn die Probleme liegen ganz woanders. Zum Einen sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen einfach schlecht, denn der Zeitaufwand für Dokumentationen und neuer Deklarationen nimmt ständig zu. Zum Anderen fehlt es schlichtweg an Personal, was das Hauptproblem darstellt. Dabei rede ich noch nicht einmal von Fachpersonal, sondern auch von ungelernten Aushilfen (früher konnte man vieles mit Abiturienten abdecken, seit Einführung von G 8 haben diese keine Zeit mehr). Und wenn man jemanden findet, ist die Zuverlässigkeit heute leider auch nicht mehr vorhanden, genau wie der Blick für die Arbeit. Außerdem fehlt es bei den meisten jungen Leuten an der Teamfähigkeit und leider auch an den Grundrechenarten (Absenkung des Bildungsniveaus, damit bald jeder Abitur machen und studieren kann, denn ein Handwerk zu erlernen oder eine sonstige Berufsausbildung zu absolvieren, wird bei uns ja schon als minderwertig angesehen). Somit ist jede Annahme einer Veranstaltung ein Risiko für uns, ob man diese auch zur Zufriedenheit des Veranstalters abwickeln kann. Auch muss eine Einschränkung der Plätze und des Angebots vollzogen werden.

Des Weiteren ist es heute auch nicht möglich, die Wochenarbeitszeit frei zu gestalten. Denn das Arbeitnehmerschutzgesetz verhindert, dass das noch vorhandene Personal gezielt bei Bedarf eingesetzt werden kann.

Ein weiterer Grund, dass keiner mehr in der Gastronomie arbeiten will, sind Wochenendarbeit und Arbeit am Abend (Partygesellschaft). Wobei die Erwartungshaltung der Gäste (übrigens auch von Ihnen, ich erinnere an unseren Biergarten im letzten Jahr, als Sie nach Küchenschluss mit Ihren Kollegen kamen und man meinte, ob der Koch denn nicht mehr da sei) immer größer wird. „Aschenputtel“ gibt es, Gott sei Dank, nicht mehr. Zudem ist eine Betriebsübergabe auch immer damit verbunden, dass ein Betrieb neu bewertet wird was Vorschriften anbelangt, so dass häufig erst einmal immens investiert werden muss (zu überteuerten Preisen, weil Gewerbebereich), so dass jeder erst einmal eine Analyse erstellt, ob dies überhaupt zu stemmen ist.

Unsere Kinder sehen den großen Zeitaufwand und den Umgang (Beschimpfungen sind bei allen Dienstleistern inzwischen normal) mit uns Gastwirten. Da sagen die meisten „Nein, danke“ was auch verständlich ist, wenn man sieht, wie hoch der Aufwand für einen vernünftigen Ertrag ist, ohne zu wissen, ob sich die Lage in den nächsten Jahren nicht weiter verschlechtert, geschweige denn verbessert.

Außerdem ist die Diskussion meines Erachtens nur deshalb, weil in den vielen Vereinsheimen und Dorfgemeinschaftshäusern(gefördert durch die CDU-Landesregierung, ab den 1970er Jahren, durch Streichung von Paragrafen im Gaststättengesetz) auch immer weniger Leute bereit sind, den „Deppen“ für die anderen Mitglieder zu machen. Früher hat man auch bei EM und WM seinen Gastwirt unterstützt, es gab Stammtische und Feierabend-Biertrinker. All dies ist, im Zeichen der Digitalisierung und der Veränderung der gesellschaftlichen Interessen, verloren gegangen.

Fakt ist, dass auch bei uns in einigen Jahren die Lichter ausgehen werden, da es nicht möglich sein wird, einen Nachfolger zu finden. Und dies nach über 150 Jahren Familienbesitz in der vierten Generation im „Engel“ in Dittigheim.

Aber vielleicht braucht man dann in Dittigheim ein Alten- und Pflegeheim, was auf meinem Grund genügend Platz finden würde.