Tauberbischofsheim

Todesfall Otto Michel starb im Alter von 90 Jahren / 60 Jahre im Beruf tätig und mit dem Diamantenen Meisterbrief ausgezeichnet

Geschätzter Friseurmeister und Chronist

Archivartikel

Tauberbischofsheim.Der von vielen geschätzte Tauberbischofsheimer Friseurmeister Otto Michel starb im Alter von 90 Jahren.

Geboren wurde Otto Michel im ehemaligen Wirtshaus „Zur Bretze“, dem heutigen Müller Drogeriemarkt. Die Profession des „Bischemer Urgesteins“ war das Friseurhandwerk. Doch der Weg zum Wunschberuf war nicht geradlinig.

Zwar war Otto Michel Friseurmeistersohn, doch seine Jugend im Nationalsozialismus sollte ihm diesen zunächst unmöglich machen. Friseure nämlich waren nicht gefragt, sondern Männer, die in damals sogenannten kriegswichtigen Berufen arbeiteten. Deshalb bot das Arbeitsamt Michel zunächst eine Ausbildung als Flugmotorenschlosser in Rhamel (Westpreußen) bei Gotenhafen an.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, zu dem er noch im März 1945 als 15-Jähriger eingezogen worden war und in amerikanische Gefangenschaft geriet, war er 60 Jahre als Friseurmeister tätig und davon 50 Jahre auch als Fußpfleger. In Hochzeiten hatte sein Geschäft 17 Angestellte in mehreren Filialen in Werbach, Großrinderfeld, Königshofen und Tauberbischofsheim.

Von der Kreishandwerkerschaft durfte er den Diamantenen Meisterbrief entgegennehmen.

Seine inzwischen verstorbene Frau Margarete, die er 1955 heiratete, unterstützte das Familienunternehmen maßgeblich. Insgesamt hat das Paar vier Kinder, die heute fast alle noch in der Nähe wohnen.

Otto Michel war als echter Bischemer Mitglied in zahlreichen Tauberbischofsheimer Vereinen, unter anderem bei Kolping, in der Stadtkapelle, dort spielte er die Zugposaune, beim Vogelschutz- und im Spessartverein.

Seine Motivation und sein langjähriges Engagement als Pfarrgemeinderat, als Lektor und als Leiter der franziskanischen Gemeinschaft war in seinem Glauben verankert. Ein Einschnitt in seinem Leben war die Einberufung. Zum Schanzen wurde er mit einigen hundert jungen Männern im Spätjahr 1944 ins südelsässische Pfetterhausen geschickt.

„Blödsinn“, nennt er diese Aktion heute. Danach ging es nach Oberfranken. Doch weil die Front immer näher rückte, setzten sich bereits etliche Jungsoldaten ab. Über Tirol kam Michel schließlich in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der der eben 16-Jährige aber schnell entlassen wurde.

Otto Michel, gläubiger katholischer Christ, hatte in dieser kurzen Zeit der Kriegsgefangenschaft Kontakt zu einem Priester, der täglich die Messe zelebrierte. Mit ihm führte er intensive Glaubensgespräche, und so wurde ein Grundstein für eine monastische Zukunft gelegt.

Otto Michel wollte Mönch werden und machte auch einen Anfang in Hadamar. Wiederum war es die Familie, der er sich verpflichtet fühlte. Der Vater erwartete, dass sich Sohn Otto ins Geschäft einbringen sollte. Und Otto, hin- und hergerissen, folgte letztlich dem väterlichen Ruf.

Da er durch seinen Beruf über die aktuellen Geschehnisse der Stadt immer bestens informiert war, schrieb er über 20 Jahre hinweg monatlich Briefe über sein Leben und aktuelle Themen aus Tauberbischofsheim und schickte diese gerne an die Fränkischen Nachrichten oder auch an das Stadtoberhaupt. Seine Aufzeichnungen sind heute ein interessantes Geschichtszeugnis über das Leben der Bürger Tauberbischofsheims in den vergangenen Jahrzehnten.