Tauberbischofsheim

Wider das Vergessen 22 Tauberbischofsheimer Bürger wurden am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert / Schlusspunkt jahrelangen Terrors in der Stadt

Für viele Juden eine Fahrt in den Tod

Archivartikel

Es war sicherlich einer der schwärzesten Tage der jüngeren Stadtgeschichte. Am 22. Oktober 1940 wurden 22 Tauberbischofsheimer Juden ins Konzentrationslager nach Gurs deportiert.

Tauberbischofsheim. „Es geschah am helllichten Tag und mitten unter uns“, sagte der damalige Tauberbischofsheimer Bürgermeister Wolfgang Vockel bei der offiziellen Enthüllung des Gedenksteins an der Peterskapelle im Jahr 2008. Das Mahnmal erinnert an 22 Juden, die am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert wurden. Für viele von ihnen bedeutete der Ort in Südfrankreich nur eine Zwischenstation auf dem Weg in das Vernichtungslager von Auschwitz. Für die meisten dieser „wegverbrachten“ Tauberbischofsheimer Bürger mit jüdischem Glauben war es eine Reise in den Tod.

Chana Sass überlebte

Als Jüngste der letzten Tauberbischofsheimer Juden wurde auch Chana Sass am 22. Oktober 1940 in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich deportiert, in dem mehr als 5500 jüdische Bürger aus Baden und der Pfalz unter menschenunwürdigen Bedingungen dahinvegetieren mussten.

Die meisten wurden von dort in das Vernichtungslager Auschwitz wegverbracht und ermordet. Viele der Deportierten jedoch starben bereits während der Transporte. Nur einigen gelang es zu fliehen.

Während ihrer Zwangshaft im Lager Gurs wurde Hannelore Simons alias Chana Sass als Hilfskraft in der „Krankenstation“ benötigt. Das rettete ihr das Leben. Mit Hilfe eines Arztes und einer Krankenschwester wurde sie vor der Deportation nach Auschwitz bewahrt und kam schließlich auf vielen verworrenen Wegen nach Jerusalem.

Eine kurze Chronik des Terrors

Die Deportation 1940 war den Endpunkt des jahrelangen Terrors durch die Nationalsozialisten.

Mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 hat nicht nur die Stimmung und Hetze gegen jüdische Mitbürger, sondern auch deren Auswanderung eine ganz neue Dimension bekommen. Es ging ums nackte Überleben. Schließlich hatte sich das neue Regime die „Vernichtung der jüdischen Rasse“ auf die Fahnen geschrieben. Rücksichtslose Verfolgung und physische Vernichtung waren die Folge.

Im Heimatbuch „Tauberbischofsheim“ von Pfarrer Franz Gehrig und Hermann Müller wurden die immer schlimmer werdende und für viele tödlich endende Bedrohung der jüdischen Mitbürger wie folgt beschrieben: Am 1. April 1933 begann der Boykott jüdischer Geschäfte. 1934 erhielten die Juden Marktverbot. Der jüdische Friedhof war bereits 1931 geschändet worden. 1935 ordneten die Nationalsozialisten ein Niederlassungsverbot und weitere Beschränkungen an.

In der Reichskristallnacht zerschlugen Nazi-Schergen die Inneneinrichtung der Synagoge und verbrannten die Trümmer auf dem Marktplatz. Trotz der drohenden Gefahr für Leib und Leben waren es erstaunlich wenige der Tauberbischofsheimer Juden, die ihre Heimat verließen. Erst mit der Zunahme des Terrors und den immer unverhüllteren Vernichtungsdrohungen entschlossen sich mehr und mehr zur Auswanderung, vorwiegend nach Palästina. Doch nicht alle wollten oder konnten ihre Heimatstadt verlassen.

Seit Sommer 1939 wurde jüdischen Mitbürgern die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt und deren Vermögen beschlagnahmt. Am ersten Sonntag nach Kriegsausbruch am 3. September 1939 führten SA-Leute und Mitglieder des Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps die noch in Tauberbischofsheim wohnenden Juden über den Marktplatz in die Bachgasse. Dort mussten sie vor der Synagoge auf die Straße knien und den Boden ablecken.

Anschließend trieb man sie zu dem in der Nähe vorbeifließenden Bach und befahl ihnen, sich ins Wasser zu legen.

Die Männer trugen bei ihrem Marsch ein Plakat mit der Aufschrift „Wir sind die Kriegshetzer“.

Im Gemeindehaus eingesperrt

Bis zum 15. Oktober 1939 wurden die etwa 15 noch in Tauberbischofsheim lebenden jüdischen Familien im jüdischen Gemeindehaus eingesperrt, das sie nicht verlassen durften. Es war ihnen nicht einmal erlaubt, die Fenster zu öffnen. Die Betten reichten in diesem „Ghetto“ nicht für alle.

Da Baden nach dem Willen der Partei schon 1940 „judenrein“ sein sollte, erfolgte die Deportation der letzten 22 jüdischen Mitbürger in Tauberbischofsheim schließlich am 22. Oktober jenes Jahres.

Sie wurden von NS-Schergen am Badischen Hof auf Lastwagen getrieben, zu zentralen Sammelbahnhöfen gefahren und von dort nach Gurs gebracht. Es sollte nur eine Zwischenstation vor Auschwitz sein. „Als die Juden verschleppt wurden, „regte sich in der Bevölkerung kaum Protest. Fast alle wussten, was geschah, und schauten weg, viele aus Angst vor dem Terrorregime, mehr noch aus Gleichgültigkeit. Für die gequälten Menschen war das vielleicht die bitterste Erfahrung, dass sie von ihren ehemaligen Nachbarn, Freunden und Bekannten ihrem Schicksal überlassen wurden“, stellten Franz Gehrig und Hermann Müller in ihrem Heimatbuch fest.

Von den am 22. Oktober nach Gurs deportierten Tauberbischofsheimern jüdischen Glaubens kamen nur vier mit dem Leben davon: Sechs starben im französischen Lager, zwei im Lager Noe und zehn wurden im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

Baden und Württemberg

Bei den Deportationszielen fällt ein markanter Unterschied zwischen Juden aus dem damaligen Baden und Juden aus dem damaligen Württemberg auf, stellte Dr. Dieter Thoma bei seinen Recherchen fest.

In den badischen Altkreisen Tauberbischofsheim, Buchen und Mosbach war das erste Deportationsziel „22. Oktober 1940, Internierungslager Gurs“ in den französischen Pyrenäen. Wer in den überfüllten, feucht-verwahrlosten Baracken ohne Licht, Strom, Decken, im sumpfig-schlammigen Gurs und in benachbarten französischen Lagern überlebte und nicht entkommen konnte, wurde ab August 1942 in die Konzentrations- und Vernichtungslager im Osten „transportiert“, meist nach Auschwitz.

Im württembergischen Altkreis Mergentheim gab es hingegen kein vorherrschendes erstes Deportationsziel. Das zeitlich erste Ziel lautete „1. Dezember 1941, Riga-Jungfernhof“, ein Hofgut mit leergeräumten Scheunen und Ställen, das als provisorisches Außenlager des Ghettos der lettischen Hauptstadt Riga diente. Weitere tödliche Deportationsziele waren Auschwitz, Theresienstadt, Kowno), Treblinka, Sobibor.

97 Juden ermordet

Die Gesamtzahl der jüdischen Opfer im Tauberbischofsheimer Raum (zumeist zugleich Todesopfer) liegt bei 97 und somit deutlich höher als die 22 Juden, die 1940 nach Gurs deportiert wurden.

Im Register des städtischen Einwohnermeldeamtes erhielten die Karten der „Abtransportierten“ den Vermerk „am 22. Oktober 1940 wegverbracht“.