Tauberbischofsheim

Leserbrief Zu „Wertschätzung ist uns sehr wichtig“ (FN, 24. März)

„Druck“ von der Basis

45,5 Tage Bearbeitungszeit sollen wirklich gut sein? In Ihrem Artikel mit Herrn Kremer vom Finanzamt Tauberbischofsheim wird die dortige Bearbeitungsdauer von 45,5 Tagen (gut sechs Wochen) für Einkommensteuererklärungen zur Spitzengruppe in BW gehörend genannt. Das Finanzamt Tauberbischofsheim versucht dieses Level zu halten.

In der privaten Wirtschaft, in der ich arbeite, sind nationale und auch internationalen Kundenanfragen – zum Beispiel schriftliche, komplexe Angebotserstellungen, Vertragsausarbeitungen, individuelle Konzepterstellungen, die auch etliche gesetzliche Regelungen einzuhalten haben, und zum Teil in Teams erarbeitet werden müssen – innerhalb von 48 Stunden (höchstens zwei Tagen) zu bearbeiten.

Quantitativ haben meine Kollegen und ich einige „Fälle“ je Tag zu bearbeiten. So dass wir sicher auch 1000 „Fälle“ pro Jahr (wie das Finanzamt) je Mitarbeiter haben. Eine Bearbeitungszeit von sechs Wochen wäre völlig inakzeptabel für unsere Kunden und auch unser „Überleben“ am Markt.

Die Bildsprache des Artikels, das Führungsteam des Finanzamts mit vier netten Herren (wohl alle gut 50 Jahre alt), alle mit Papier vor sich, hinterlässt für mich nicht unbedingt den Eindruck eines im Jahr 2018 passend aufgestellten und auf rasche Digitalisierung aller Prozesse agierenden – von der Führung denkend und einfordernd – Teams. Ein etwas mehr heterogenes Führungsteam, neben den dort Erfahrenen (immer gut), auch jüngere Engagierte aktiv ins Führungsteam zu holen und auch mindestens eine Frau, wären förderlich.

Auch wenn es eine regionale Behörde ist, kann aus meiner Sicht durchaus deutlicher „Druck“ von der Basis ausgeübt werden, um kürzere Bearbeitungszeiten mit gleichbleibend hoher Qualität zu erreichen. (Einfachere) Est-Erklärungen könnten, um die Bearbeitungszeit deutlich zu verkürzen, von anderen Finanzämtern übernommen werden. Durch die möglichst rasche Einführung eines einheitlichen Systems einer digitalen Kapazitätsplanung aller relevanten Mitarbeiter (zum Beispiel landesweit oder auch erstmal regionaler) kann das ein erster Schritt sein.

Auch die in vielen Unternehmen bereits eingesetzten „agileren“ Führungsmethoden (zum Beispiel „Scrum“) könnten im Finanzamt Tauberbischofsheim/Bad Mergentheim die Bearbeitungszeit verkürzen.

Ich möchte hier aber auch ausdrücklich lobend erwähnen, dass ich die persönliche Hilfsbereitschaft der Kollegen, zum Beispiel bei offenen Est-Fragen, im Finanzamt Tauberbischofsheim immer vorbildlich erlebt habe. Bitte beibehalten.

Ich komme da nur selten rein, fühle mich dann jedes Mal etwas an die späten 1980er Jahre erinnert, was auch eine gewisse Entschleunigung und durchaus etwas „Heimeliges“ an sich hat.