Tauberbischofsheim

Leserbrief Zur Berichterstattung über den Schlachthof Tauberbischofsheim und zum Thema Afrikanische Schweinepest

Den Respekt vor den Tieren nicht verlieren

Nach einer Jagd wird Strecke gelegt und dem Tier die „letzte Ehre“ erwiesen. Das mag altmodisch klingen, doch gerade heute ist es wichtig mal einen Moment inne zu halten und sich darüber im Klaren zu sein, dass man einem Tier das Leben genommen hat – aber auf eine humane Art, ohne unnötiges Leid.

Das traurige Beispiel des Schlachthofs zeigt, dass in der Fleischproduktion der Profit wichtiger ist, als der Versuch einer humanen Tötung.

Fleischqualität wird kontrolliert – Tierwohl nicht. Zurecht geht ein Aufschrei durchs Land. Es wäre schön, wenn Konsequenzen resultierten und ein Umdenken stattfände.

Ein Umdenken gab es wegen der zu erwartenden Afrikanischen Schweinepest (ASP) in Teilen der Bevölkerung zum Thema Jagd.

Überall hört man, dass Jäger mehr Schweine töten sollen, um eine Seuchenverbreitung zu erschweren.

Wurde die Jagd gestern noch verteufelt, schreit die selbe urbanisierte Bevölkerung heute um Hilfe. Auch bei manchen Jägern gab es ein Umdenken. Aus meiner Sicht oft in die falsche Richtung, denn sie lassen sich als Schädlingsbekämpfer genau vor diesen Karren spannen. Jagdzeiten und -methoden verrohen unter dem Deckmantel der ASP Prävention zusehends. Ich bin wohl für eine scharfe Bejagung des Schwarzwilds, jedoch dürfen wir ethische und menschliche Prinzipien nicht über Bord werfen: waidgerechte Prinzipien.

Auch in der Politik gab es ein Umdenken. Wurde 2016 mit dem Jagd- & Wildtiermanagementgesetz die Bejagung der Wildschweine noch mutwillig erschwert, so fordert Landrat Frank heute Abschussprämien und suggeriert, Jäger würden für Geld mehr schießen. Es sollen 70 Prozent der Bestände getötet werden.

Ob hohe Wildschweinbestände aber auf zu geringen Jagddruck oder eher auf exzessiven Maisanbau zurückzuführen sind, habe ich noch keinen Politiker fragen hören.

Eine effektive Möglichkeit der Bestandsreduktion ist die Drückjagd. Da ist nicht nachvollziehbar, weshalb dies per Gesetz an Sonntagen nur stark beschnitten gestattet ist, wo doch genau dann die Jäger Zeit hätten. Parallel sollen aber Dinge erlaubt werden, die bisher noch unter Strafe gestanden hätten, wie der Einsatz von Nachtzielgeräten.

Landwirtschaftsminister Hauk schlägt Saufänge vor. Diese wohl grausamste Art Wildschweine zu töten ist ethisch und tierschutzrechtlich nicht vertretbar. Wilde Tiere in Gattern zu fangen und abzuschießen bedeutet maximalen Stress, wenn sie erleben, wie ein Artgenosse nach dem anderen exekutiert wird. Das ist keine Jagd, sondern unmenschlich und darf es nicht geben, ASP hin oder her.

Das Land weichte den Elterntierschutz auf: Pressesprecher Wippel vom zuständigen Ministerium: „Ein fahrlässiger Abschuss einer für die Aufzucht notwendigen Bache im Rahmen von Bewegungsjagden im Zeitraum vom 15. Oktober bis 31. Januar ist künftig nicht mehr als Ordnungswidrigkeit zu verfolgen, da in der Regel kein öffentliches Interesse an der Verfolgung besteht.“

Das meine ich: Kein öffentliches Interesse, wenn Tierkindern fahrlässig die Mutter weggeschossen würde? Ernsthaft? Denkt irgendjemand wirklich so?

Das alles ist verfehlter Aktionismus und eine Fehlinterpretation der Zusammenhänge. Tiere schleppen die Seuche nicht ein, sondern der Mensch. Ist die Seuche da, ist es egal ob 50 oder 150 Wildschweine in Taubertäler Wäldern leben.

Diese Entwicklungen nehme ich mit Sorge zur Kenntnis. Als zivilisierte Menschen haben wir eine Verantwortung und dürfen nicht zu Barbaren werden. Es bedarf auch eines Umdenkens seitens der Industrie. Turbokapitalismus, bei dem Ethik keinen Platz hat, ist definitiv die falsche Richtung.

Muss es sein, dass die Mitarbeiter des Schlachthofs das Töten unter Zeitdruck machen, der zu Stress bei Tier und Mensch führt, nur damit das Fließband nicht steht?

Muss es sein, dass Jäger – wie beschrieben – im Prinzip jedes Wildschwein töten dürfen, auch wenn es ein Muttertier ist?

Muss es sein, dass die Politik mit Prämien lockt und mancher Jäger sich animiert fühlt, Mitte Februar mit Hunden und Treibern zu jagen, obwohl mit hochträchtigen Bachen und neugeborenen Frischlingen zu rechnen ist?

Muss es sein, dass die Republik über Milliarden-Risiken eines ASP-Ausbruchs diskutiert und ein Discounter seelenruhig Rohwurst aus Polen als Aktion anbietet?

Unsere Gesellschaft manövriert in eine komische Schräglage und keiner sieht hin.Trägt nicht jeder von uns einen Teil dazu bei? Muss ich täglich Fleisch essen? Muss Fleisch so billig sein?

Lasst uns das Maß und den Respekt vor den Tieren nicht verlieren, egal ob eine Seuche droht oder Discounter nach Billigfleisch rufen.