Tauberbischofsheim

Kunstverein Tauberbischofsheim Ausstellung im Engelsaal mit Bildern des international erfolgreichen Architektur-Fotografen Dieter Leistner

Außergewöhnliche Fotografien, auf denen die Zeit stillsteht

Archivartikel

Tauberbischofsheim.Ein alltägliches und ein nicht alltägliches Motiv stehen im Mittelpunkt der jüngsten Foto-Ausstellung im Engelsaal des Kunstvereins Tauberbischofsheim: Zum einen Ansichten von Haltestellen mit wartenden Menschen, in Farbe und Schwarzweiß, gesehen in verschiedenen Ländern und Kontinenten, zum anderen Innenraumansichten öffentlicher Hallenbäder, erbaut gegen Ende des 19. Jahrhunderts, aufgenommen an Orten wie Leipzig, Halle, Potsdam, Nürnberg, München oder Köln.

Der Fotograf ist kein geringerer als Dieter Leistner, geboren 1952 in Salzgitter, seit 192 freiberuflich tätig, und von 1983 bis 2018 als Lehrer in Dortmund und Würzburg, zuletzt als Professor (seit 1999) für Fotografie an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt.

Er zählt zu den bedeutendsten deutschen Architekturfotografen und war mit seinem Werk seit den 1980er Jahren auf zahllosen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland vertreten.

Worin besteht der spezielle Reiz der in zwei Reihen gehängten Arbeiten? Menschenleer oder auch von Menschen verlassen sind die Aufnahmen der imposanten, nach damaliger im historischen Stilen gebauten „Bädertempel“.

Man bekommt in der Tat den Eindruck säkularer (oder auch „neuheidnischer“) Kultstätten mit ihren mächtigen Gewölben, die von Pfosten und Säulen getragen werden und sich in ihrer prunkvollen, dekorativen, dabei leicht bedrückenden und beklemmenden Monumentalität dem Blick öffnen. Manchmal hat man das Gefühl, sie seien dennoch belebt – von unsichtbaren Geistern.

Anders die an Straßen oder Gleisen gelegenen Haltestellen, die in ihrer öden, meist etwas ungepflegt und verwahrlost wirkenden Banalität alle irgendwie gleich aussehen, seien sie nun in Paris, Rom, Zürich, Peking, Seoul, Pyöngyang (Leistner hatte 2006 die Möglichkeit, auch die Hauptstadt von Nordkorea fotografisch zu dokumentieren), irgendwo in Argentinien, auf Cap Verde oder in Würzburg gelegen.

Sie sind von wartenden Menschen belebt, einzeln oder in Gruppen, und sind meist von einer Aura von Gelassenheit oder auch stiller Melancholie umgeben. Die Zeit steht still auf diesen Fotos, und die Kunst des Fotografen bewirkt, dass sich diese Empfindung des Stillstands auf den Betrachter überträgt, je länger er sich selbst Zeit zur Betrachtung nimmt. Diese unsichtbare Zeit-Dimension so zu visualisieren, das erfordert Einfühlsamkeit und auch jahrzehntelange Erfahrung, denn Dieter Leistner pflegt sein Lieblingsmotiv schon seit 40 Jahren.