Tauberbischofsheim

Gesundheit Ein kleiner Piks kann vor der lebensbedrohlichen Influenza schützen / Ältere, Schwangere und Personal im Medizin- und Pflegebereich sollten sich schützen

Ärzte rufen zur Impfung gegen Grippevirus auf

Main-Tauber-Kreis.„Die vergangene Grippesaison hat uns mit dramatisch schwerkranken Patienten heftig erwischt“, blickt Prof. Dr. Christian Eingartner, Ärztlicher Direktor des Caritas-Krankenhauses Bad Mergentheim, zurück. Das ist auch der Grund, warum Kliniken, Ärzte und Gesundheitsamt gemeinsam zur Grippeschutzimpfung aufrufen. Sie kritisieren die nachlassende Impfmoral, die sie auch beim medizinischen Personal feststellen. Dennoch: In diesem Jahr nimmt aufgrund der Erfahrungen in der vergangenen Saison die Impfbereitschaft wieder zu.

Engpässe hatten dazu geführt, dass die Betten in den Krankenhäusern knapp wurden. „Zu den normal Kranken kamen die Grippekranken hinzu“, so Eingartner. Da Personal aufgrund von Krankheit ausfiel, stieg die Belastung. „Wir haben trotzdem keine Betten geschlossen“, blickt der Ärztliche Direktor zurück.

In der Wertheimer Rotkreuz-Klinik sah die Lage noch dramatischer aus, erinnert sich Dr. Wilhelm Freiherr von Lamezan, Ärztlicher Direktor. „Wir mussten Patienten teilweise nach Hanau ins Krankenhaus fahren, weil es dort noch Intensivbetten gab, teilweise brachten wir sie mit dem Hubschrauber bis nach Limburg.“

Ernste Lage

Mit schwerkranken Menschen mit Lungenentzündung, denen es sehr schlecht ging, hatte es auch Dr. Sebastian Gerstenkorn, niedergelassener Arzt in Königheim und Vorsitzender der Ärzteschaft Tauberbischofsheim, in der vergangenen Grippesaison immer wieder zu tun. „Erstmalig haben wir unsere Patienten nicht mehr in Kliniken untergebracht, weil sie überfüllt waren und Personal wegen Krankheit ausfiel“, so sein Resümee der vergangenen Grippesaison. Fünf Todesfälle, die im Zusammenhang mit der Influenza stehen, bilanziert allein er.

„An der Grippe wird gestorben. Das betrifft auch junge, gesunde Menschen“, fügt Dr. Jochen Selbach, Vorsitzender der Ärzteschaft Bad Mergentheim an. „Man kann sich nur davor schützen, wenn man sich impfen lässt.“

Was ihn ärgert: Die vielen Fakenews, die über das Impfen verbreitet werden. Dabei seien allergische Reaktionen sehr selten. Gerade die Mär, dass sich Menschen nach der Grippeschutzimpfung kränker fühlten, wurmt auch seinen Kollegen Gerstenkorn. Nach dem Piks schmerze vielleicht für ein bis zwei Tage der Arm, mehr aber nicht.

„Hygiene und Impfen sind die Riesenfortschritte in der Medizin. Beides hat europaweit die meisten Leben gerettet“, meint Dr. Mathias Jähnel, Ärztlicher Direktor des Krankenhauses Tauberbischofsheim. Bei der Spanischen Grippe vor 100 Jahren seien weltweit 25 bis 40 Millionen Menschen ums Leben gekommen – mehr als im Ersten Weltkrieg. Nur wer sich impfen lasse, handele präventiv und schütze letztlich auch die eigene Familie oder die ihm anvertrauten Personen und Patienten.

Idealer Zeitpunkt

„Jetzt ist der ideale Zeitpunkt zum Impfen“, stellt Dr. Heiner Thierolf, Leiter des Gesundheitsamts Main-Tauber-Kreis, fest. Er verweist auf die aktualisierte Schutzimpfungs-Richtlinie des Robert-Koch-Instituts, nach der in dieser Grippesaison die Kosten für den Vierfach-Grippeschutzimpfstoff von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Im vergangenen Jahr war es noch ein Dreifach-Impfstoff.

Bei den Zahlen des Gesundheitsamts handele es sich immer nur um die Spitze des Eisberges, erläutert der Amtsleiter. Denn dort würden nur die eindeutig klassifizierten und gemeldeten Fälle registriert. Sei etwa eine komplette Familie an Grippe erkrankt, zähle sie in der Regel nur einmal, weil der Abstrich zum Nachweis nur bei einer Person vorgenommen werden kann.

Dennoch belegen die Zahlen, wie enorm die Grippewelle im Main-Tauber-Kreis in der vergangenen Saison grassierte: Von Oktober 2017 bis zum Mai dieses Jahres seien 381 Fälle gemeldet worden, ein Jahr zuvor waren es 221, in den Jahren davor habe die Zahl deutlich unter 200 gelegen.

Thierolf plädierte eindringlich, zur Grippeschutzimpfung zu gehen und auch andere Standardimpfungen aufzufrischen. Denn nur so sei ein Schutz vor schweren Erkrankungen zu gewährleisten.