Sommerserie

Zeitreise in die Vergangenheit

Das Freilandmuseum in Gottersdorf bietet den Besuchern viele Informationen zu den Häusern und ihren Bewohnern

Auf eine spannende und informative Zeitreise geht man im Odenwälder Freilandmuseum in Gottersdorf. Die historischen Gebäude ermöglichen tiefe Einblicke in die meist schlichte, aber auch sehr fesselnde Vergangenheit der früheren ländlichen Lebens- und Arbeitswelt. Die Bandbreite der 18 fertiggestellten Häuser reicht vom bescheidenen Taglöhnerhäuschen bis zum stattlichen Großbauernhof, von der dörflichen Postagentur bis zur Landschusterei, von der Grünkerndarre bis zur Ziegelhütte, wobei ein Zeitraum vom 17. bis 20. Jahrhundert erfasst ist. Die Häuser wurden an den ursprünglichen Standorten abgetragen und auf dem Museumsgelände originalgetreu wiederaufgebaut. Durch die Zuordnung von Gebäuden zur Baugruppe Odenwald beziehungsweise Baugruppe Bauland wird den jeweiligen landschaftlichen Besonderheiten Rechnung getragen.

Der Fokus der Darstellung liegt dabei nicht alleine auf den Gebäuden, sondern auch auf der Geschichte der Bewohner. Die Häuser sind der Schauplatz, an dem der Alltag der ehemaligen Bewohner in den Mittelpunkt gestellt wird. Die Sozialgeschichte der Menschen in der Region, das soll gezeigt werden.

Wobei der erste Eindruck täuschen kann; das zeigt das Beispiel des Tagelöhnerhäuschens. Auf den ersten Blick wirkt alles idyllisch. Fast schon heimelig schmiegt sich das kleine Haus im Odenwälder Freilandmuseum in die Landschaft. „Niedlich“, „schnuckelig“ oder „wie ein Puppenhaus“ – das sind oft Reaktionen von Besuchern des Freilandmuseums, wenn sie das kleine, schiefe rote Häuschen sehen und betreten. Mit der Lebensrealität der damaligen Bewohner hat das freilich nur wenig zu tun. Das zeigt sich, wenn man sich näher informiert.

Enge und Armut

Das Tagelöhnerhaus ist ein reines Funktionshaus. Das äußerst beengte Gebäude zeigt schon auf den ersten Blick, unter welchen finanziell wie auch räumlich bedrückenden Verhältnissen seine Bewohner lebten. Es führt eindringlich die seinerzeitige Wohnsituation der untersten sozialen Schichten in ländlichen Regionen vor Augen. Hier wohnten Menschen, die sich bei Bauern oder später in gewerblichen Betrieben im Taglohn verdingten.

Und dennoch: Trotz Enge und Armut wollten sich die Bewohner das Leben doch angenehm gestalten. Untersuchungen eines Restaurators ergaben, dass viel Wert auf eine ästhetisch ansprechende Wanddekoration gelegt wurde.

Noch interessanter ist ein anderer Aspekt: Im hinteren Bereich des Hauses gab es ein eigenes Kinderzimmer. Außergewöhnlich wenn man bedenkt, wie arm die Familie war, und dass Kinder zu jener Zeit auch in besseren Verhältnissen nur selten eigene Räumlichkeiten beanspruchen konnten.

„Badisch Sibirien“ nannte man den Odenwaldteil des Großherzogtums Baden früher; bezogen war dies auf die Abgeschiedenheit der Gegend, das raue Klima und die durch karge Böden bedingten bescheidenen Lebensgrundlagen der damaligen ländlichen Bevölkerung. Hierher wurden Beamte strafversetzt. Die Zeiten haben sich in vieler Hinsicht geändert und heute schätzt der ruhesuchende Urlauber die schöne Landschaft und die Randlage abseits der großen Verkehrsströme, genießt die Lage des Museums am ehemaligen Fischteich des Klosters Amorbach. Platz, Ruhe und etwas Abgeschiedenheit – das sind in Zeiten der Corona-Pandemie durchaus Werte, die mehr geschätzt werden, als das vor wenigen Monaten noch der Fall war.

Geschichte erspüren

Die Gebäude des Museums zeugen von den ungleichen Lebensverhältnissen ihrer Bewohner und bringen Kulturgeschichte sicht- und nachvollziehbar zum Ausdruck. Im Freilandmuseum lassen sich Zeitgeschichte und Geschichten der Bewohner intensiv und beeindruckend erspüren. Die Häuser sind bis in kleinste Details äußerst liebevoll und der dargestellten Zeitepoche entsprechend authentisch eingerichtet. Historische Dokumente erzählen von der Entwicklung der Gebäude und den Lebensgeschichten ihrer einstmaligen Bewohner.

Kein „Disneyland“

Von Beginn an wird im Museum auf eines Wert gelegt: Authentizität! „Disneyland“ werden die Besucher hier nicht finden – das war stets das Credo des ersten Museumsleiters Thomas Naumann. Das nahtlos von seiner Nachfolgerin Margareta Sauer fortgesetzt wird. Auf Schau und Pomp wird hier kein Wert gelegt.

Das gilt auch für die historischen Darstellungen. „Living History“ ist auch in Gottersdorf ein beliebtes Instrument zur Vermittlung von Geschichte und Geschichten. Auch wenn das zumindest in diesem Jahr Corona-bedingt nicht möglich ist. Der 30-jährige Krieg, badische Revolution und Auswanderung, der amerikanische Bürgerkrieg oder das Kriegsende 1945 wurden schon thematisiert. Dabei gibt es für die Vorführungen keine starren Vorgaben, es soll kein nachgestelltes Theaterstück gezeigt werden, das in einer Rahmenhandlung nur auf bestimmte im Drehbuch festgelegte, von den Akteuren einstudierte Handlungen oder gar Stereotypen eingeht. Vielmehr ist es ein Rollenspiel, das gewisse Freiheiten innerhalb eines Rahmens bietet und ein freies Spiel darstellt.

Einen Besuch wert

Zudem ist das Publikum nicht auf die Rolle des reinen Zuschauers beschränkt. Wer will, kommt mit den Akteuren ins Gespräch, kann sich austauschen. Und die Reaktionen und die Meinungen der Besucher sind wichtig. So gibt es etwa bei der Thematik Kriegsende 1945 immer wieder Zeitzeugen, die Wissenswertes beisteuern können. Das können die Gäste des Museums auch im Besucherbuch tun. Dort finden sich viele interessante Einträge. Das Museum und die Art der Geschichtsvermittlung kommen an. Das Odenwälder Freilandmuseum liegt abseits der touristischen Hotspots und schwimmt nicht auf jeder Welle des Mainstreams mit. Einen Besuch ist es aber immer wert!

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