Sommerserie

Der Geschichte auf der Spur

Archivartikel

Auf Schusters Rappen unterwegs über der Tauber. Kloster Bronnbach, Gamburg, Pfeifermuseum Niklashausen – auf Schritt und Tritt Bekanntes und Neues entdecken. Oder Bekanntes neu entdecken.

Der Kultur-Rundweg über 21 Kilometer ist ein Thema mit Variablen und kann der eigenen Kondition, Tagesform oder jeweiligen Lust und Laune beliebig angepasst und in Etappen erwandert werden.

„Kloster Bronnbach, Gamburg, Pfeifermuseum – kenn’ ich doch alles schon.“ Wer das von sich sagen kann, ist für diese Wanderung ebenso prädestiniert wie derjenige, der das Taubertal nur von der Durchfahrt mit dem Auto kennt. Und wer gar erstaunt feststellt: „Da war ich ja noch nie“, hat dringenden Nachholbedarf. Wanderschuhe geschnürt? Im Rucksack außer Proviant etwas Zeit und Muße und eine Portion Neugierde? Also, los geht’s! Begeben wir uns wandernd auf Entdeckung und staunen wir (mal wieder) über die Schönheit einer unglaublich vielseitigen Kulturlandschaft.

„Auch dort wird ein Kloster meines Ordens gegründet werden.“ Kein Geringerer als der heilige Bernhard von Clairvaux gab Mitte des 12. Jahrhunderts den Anstoß zum Bau des Klosters Bronnbach. Die Besichtigung der ehemaligen Zisterzienserabtei ist einen eigenen Ausflug wert. Heute lassen wir die Klosteranlage hinter uns und folgen dem Wanderzeichen, gelbes Schiff mit Sternen auf blauem Grund. Wir laufen ein Stückchen der Bundesstraße (Richtung Gamburg) entlang, um links in den „Bronnbacher Klosterlandschaftspfad“ einzubiegen. Weinbau, Schafzucht und ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem machten das Kloster wirtschaftlich unabhängig und prägen bis heute das Landschaftsbild. An der Weggabelung entscheiden wir uns für den Weg nach Höhefeld. Links gesäumt von Obstbäumen, rechts von Getreidefeldern, erreicht der Pfad den Waldrand. Wir lassen den Blick über weite Felder und blühende Wiesen schweifen, bevor wir in die Kühle des sommerlichen Waldes eintauchen.

Herr des Schattenreiches

Herr des Schattenreiches ist der Waldgeist „Bilwis“. Durch das Waldstück „Pülverloch“, was so viel bedeutet wie „Wald des Bilwis“, verläuft noch heute die alte Gamburger Gemeindegrenze. Eine Weinbergschnecke mit ausgestreckten Fühlern kreuzt in Schneckentempo den Weg. Entschleunigung pur! Wir treten aus dem Wald und folgen dem Wiesenweg nach Höhefeld.

1231 erstmals urkundlich erwähnt, hat der Ort in seiner wechselvollen Geschichte Kriege und Seuchen erlebt. Anlässlich des 400. Geburtstages des Reformators pflanzten Schulkinder 1885 die mächtige Luthereiche. Das rätselhafte Steinkreuz daneben könnte eine Aufforderung an vorbeiziehende Wallfahrer gewesen sein, eine Opfergabe durch die mittige Öffnung in einen Behälter dahinter zu werfen. Wir machen einen Abstecher auf den Neuberg und werden mit herrlichem Panoramablick ins südliche Taubertal belohnt. Nach zwei Kilometer Abstieg erreichen wir Niklashausen, reizvoll gelegen im Talkessel am Unterlauf der Tauber. Berühmt wurde der Ort durch die Geschichte von Hans Böhm, auch „Pfeiferhannes von Niklashausen“ genannt. Durch seine Predigten zog er große Volksmassen an, wurde 1476 auf Anordnung des Würzburger Bischofs festgenommen und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ein ihm gewidmeter Rundweg und ein Museum erzählen seine Geschichte. Wir überqueren die Tauber und folgen ein Stück dem Radweg, passieren die Unterführung und biegen auf der anderen Seite der Bahnlinie in einen stillen Waldweg ein. Die Motorengeräusche der Bundesstraße dringen nur gedämpft wie aus weiter Ferne hierher und werden von einem vielstimmigen Vogelkonzert übertönt. Ganz in der Nähe ist das rhythmische Hämmern eines Spechts zu hören. Der Wald schließt sein grünes Blätterdach über uns und umfängt uns mit angenehmer Frische.

Der Wald öffnet sich

Unerwartet öffnet sich der Wald und gibt den Blick auf die Gamburg mit dem mächtigen Bergfried frei. Ursprünglich als Grenzbefestigung des Mainzer Erzstifts in der Mitte des 12. Jahrhunderts erbaut, ist sie heute eine der ältesten Burgen in weitem Umkreis. Götz von Berlichingen ist es zu verdanken, dass sie den Bauernkrieg unbeschädigt überstanden hat. Ihre zweite Rettung erfuhr die Gamburg durch die Familie von Mallinckrodt, die sich engagiert an die Restaurierung und Erforschung wagte. Anders als viele Burgen in Privatbesitz, ist die Gamburg der Öffentlichkeit zugänglich. Hans-Georg von Mallinckrodt selbst gibt sich die Ehre und führt seine Besucher durch die Burg. Nicht weniger unterhaltsam als sein Vater erzählt Goswin von Mallinckrodt, wie 1986 die berühmten „Barbarossa-Fresken“ im romanischen Rittersaal bei Restaurierungsarbeiten entdeckt wurden.

Etwas erschöpft vom Schauen und Staunen, ergehen wir uns lustwandelnd im barocken Burggarten. Burgherrenfeeling stellt sich ein, wenn wir vom Terrassencafé ins Taubertal blicken. Mit einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen, charmant kredenzt von der Burgherrin, füllen wir unsere Kraftreserven auf und überlassen uns wieder der Führung durch das „Euroschiff“. Bevor wir nach kurzem sonnigem Aufstieg den Wald betreten, werfen wir einen Blick zurück zur Gamburg. Auf romantischem Pfad steigen wir zum Ort Gamburg hinunter und machen einen Abstecher ins Maisenbachtal zur ehemaligen Bimssteinfabrik.

Wir durchwandern den Ort, vorbei am Dorfbrunnen, und überqueren die Tauber, die in der Nachmittagssonne freundlich zu uns heraufblinkt. Wer würde ahnen, dass unter den Brückenbögen der „Hokemo“, der Hakenmann, lauert, der, so erzählt die Sage, Kinder mit seinem Haken in den Fluss zieht.

Wir halten uns rechts und erreichen kurz darauf den Bahnhof. In wenigen Minuten bringt uns die Bahn bequem nach Bronnbach. Wenn die Kondition noch reicht, laufen wir dem Wanderzeichen folgend die letzten fünf Kilometer auf schönen Waldwegen zurück zu unserem Ausgangsziel.

Ein bisschen müde vielleicht, aber reich an vielen schönen Eindrücken von einer Tour zwischen ehrwürdigen Mauern und Naturparadies, sehen wir den Sandsteinbau des Klosters vor uns liegen.

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