Sommerserie

Comic-Kelten gibt’s hier nicht

Archivartikel

Das keltische Oppidum bei Creglingen-Finsterlohr bietet neben landschaftlichen Reizen auch starke bildhafte Einblicke in die Lebenswelt der Kelten vor 2100 Jahren.

Asterix und Obelix mögen die vielleicht bekanntesten Kelten sein – repräsentativ für die Kelten ihrer Zeit sind die beiden urigen Gallier allerdings nur bedingt. Wie sie wirklich waren, wie sie lebten, was sie dachten, wie sie arbeiteten und was sie uns hinterließen, das erfahren Geschichtsinteressierte eher bei einem Besuch des keltischen Oppidums nahe des Creglinger Stadtteils Finsterlohr. Die ehemalige keltische Siedlung im südöstlichen Zipfel des Main-Tauber-Kreises war kurz vor Christi Geburt die siebtgrößte ihrer Art in Europa – und Schutzort für die zahlreichen kleinen Siedlungen in der Umgebung. Dass man bei einem Besuch der frei zugänglichen Anlage zufällig auf einen kriegerischen Kelten trifft, ist eher nicht zu erwarten. In traditioneller Montur sieht man die Finsterlohrer Kelten-Nachkommen eher beim Creglinger Pferdemarkt oder dem autofreien Sonntag des Landkreises.

Der Keltenverein Finsterlohr-Burgstall pflegt das Oppidum mit großem ehrenamtlichen Einsatz, und bei einer Führung durch das großflächige Areal wird Geschichte greifbar. Allerdings setzen sie in Finsterlohr auf sanften Tourismus, wie Vereinsvorsitzender Helmut Kopanitsak aus Creglingen betont. Große Touristenscharen sind nicht das Ziel der Vereinsarbeit. „Natürlich wollen wir die Anlage einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen, aber wir wollen keinen Massentourismus“. Das sieht Klaus Geissendörfer aus Burgstall genauso: „Wir wollen hier kein professionelles Disneyland“.

Die Anlage, so sehen das die Kelten, spricht für sich. Ein mehrere Kilometer langer Wall mit einer rekonstruierten Pfostenschlitzmauer, ein aussagekräftiger Lehrpfad, ein Keltenhaus und ein Backofen: Das sind die Zutaten, die inmitten einer malerischen Landschaft hoch über dem Taubertal für sich sprechen.

Die Instandhaltung des Oppidums verlangt dem Keltenverein großes Engagement ab. So müssen etwa die naturbelassenen Wege kontinuierlich frei gehalten werden, damit die Besucher den Rundweg überhaupt begehen können. Gerade in Corona-Zeiten sei die Weitläufigkeit des Oppidums ein großer Vorteil, sagt Manfred Schuch aus Finsterlohr, der die Anlage „einfach schön“ findet. Und während man die Landschaft genießt, lernt man fast nebenbei viel über eine Kultur, die vor gut 2100 Jahren prägend in der Region war. Die Kelten waren die erste europäische Hochzivilisation mit gemeinsamer Sprache und Religion. „Die keltischen Frauen hatten mehr Rechte als die Römerfrauen“, erzählt Angela Kopanitsak. Viele Errungenschaften seien schlicht in Vergessenheit geraten. Und da die Kelten keine Schrift hatten, sind auch keine eigenen Dokumente überliefert. „Wir wissen viel über sie nur von ihren Feinden“, meint Helmut Kopanitsak.

Das Oppidum bei Finsterlohr diente den keltischen Siedlern der Umgebung vermutlich als Zufluchtsort. „Die Zeiten damals waren unsicher, und die kleinen Dörfer waren schwerer zu verteidigen“, so Helmut Kopanitsak.

Die Lage sei „genial“. Fast drei Viertel der Anlage lagen zum steilen Taubertal hin, der Rest wurde mit einer hohen Mauer geschützt. Noch heute lassen sich die beeindruckenden Ausmaße anhand der Geländeform erahnen – und an der rekonstruierten Pfostenschlitzmauer auch ganz plastisch nachempfinden.

Neuere archäologische Erkenntnisse lassen darauf schließen, dass die Kelten in der Zeit vor Christi Geburt nicht vertrieben wurden, sondern dass sie sich mit den Germanen vermischten.

Ganz friedlich dürfte das nicht vor sich gegangen sein, denn die Kelten „waren schon ein bisschen streitsüchtig“, wie Helmut Kopanitsak schmunzelnd erzählt. Viele arbeiteten bei den Römern als Söldner, und der Ruhm, den man sich im Kampf erwarb, war den Kelten wichtig. Die Guerillataktik war eine Stärke der keltischen Kriegsführung, sie erfanden wohl auch den Streitwagen und das Kettenhemd.

Inzwischen hat das Land Baden-Württemberg eine Keltenkonzeption auf den Weg gebracht, das unter anderem die Vernetzung der verschiedenen keltischen Stätten im Land vorsieht. Sowohl Grüne als auch die CDU wollen Baden-Württemberg als „Keltenland“ stärker ins Bewusstsein bringen. In Finsterlohr sehen sie das pragmatisch. Hier ist man froh, wenn man das in den letzten 16 Jahren Geschaffene erhalten kann. Neue Projekte sind momentan nicht angedacht.

Selbstbewusst sind die Finsterlohrer Kelten aber trotzdem: „Wir sind zwar nur ein kleiner Baustein, aber nicht der unwichtigste“, so der Vereinsvorsitzende. Spricht’s und greift sich dann seinen Schild und sein Schwert. Schließlich soll es noch ein Erinnerungsfoto in voller Kampfmontur für den Besucher geben. Nur auf den Hinkelstein spekuliert man vergebens. Den gibt es nur bei Asterix und Obelix, nicht aber bei den Kelten der Marke Finsterlohr. Denn die leben ihr Keltentum nicht wie im Comic, sondern so nah wie möglich an der damals realen Keltenwelt.

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