Seckach

Besuch in Großeicholzheim Nachfahren der Familien Kälbermann und Westheimer gingen im Ort auf Spurensuche

Die früheren jüdischen Mitbürger sind nicht vergessen

Archivartikel

Großeicholzheim.Die Großeicholzheimer arbeiten noch immer die Ereignisse der Zeit des Nationalsozialismus auf. Sie beschäftigt viele Mitbürger bis heute, denn so manch einer war befreundet gewesen mit seinem jüdischen Nachbarn, der dann auf einmal fliehen musste oder verschwand.

Die verstorbenen Gründungsmitglieder des Vereins „Großeicholzheim und seine Geschichte“, Arthur Vogt und Erich Bender, sowie der noch immer sehr aktive Museumsführer Helmut Kegelmann hatten vor Jahren angefangen, die Kontakte zu den Nachfahren der ehemals in Großeicholzheim lebenden Juden aufzubauen.

Diese Arbeit wurde nun in kurzer Zeit gleich doppelt belohnt. Am 14. Oktober waren die Nachfahren der Familie Kälbermann aus Uruguay und schon zehn Tage später auch die Nachfahren von Samuel und Klara Westheimer aus den USA auf der Suche nach ihren Wurzeln in der Baulandgemeinde.

Gräber besucht

Unter der fachkundigen Führung von Reinhart Lochmann besuchten sie jeweils zunächst die Gräber ihrer Vorfahren auf dem jüdischen Verbandsfriedhof in Bödigheim. Noch heute erzählen sich die Großeicholzheimer Geschichten von ihren angesehenen jüdischen Mitbürgern. Max Kälbermann, damals bekannt als „Schuhherz“ zum Beispiel verkaufte vor dem Zweiten Weltkrieg in der ganzen Region die sogenannten Herz-Schuhe. Sie hatten diesen Namen, weil sein Vater Herz Kälbermann eine Schuhfabrik in Tuttlingen hatte. Auch sie mussten die menschenverachtende Verfolgung der Nationalsozialisten erleiden.

Beim Abtransport 1940 in das Internierungslager Gurs in Frankreich schenkte Max Kälbermann dem Polizeidiener Ludwig Siegrist, der ihn begleiten musste, ein Paar Stiefel mit den Worten: „Lud, ich hab dir ein Paar Stiefel in den Stall gestellt.“ Selbstverständlich war es für die nachfolgende Generation wichtig und interessant, zu wissen und zu sehen: Wo lebten unsere Vorfahren? Wie lebten sie in ihrer damaligen Heimat und wie leben die Menschen heute dort? Stehen die Häuser noch, in denen die Vorfahren gewohnt haben?

Gang durch das Dorf

Die Antworten ergaben sich beim anschließenden Gang durch das Dorf: Nahezu alle ehemaligen jüdischen Häuser stehen noch. Die Nachfahren der Westheimer bestaunten natürlich vor allem das ehemalige Wohnhaus von Samuel Westheimer und die Synagoge. Die ehemalige Synagoge, 1886 neu erbaut, nachdem die alte Synagoge wegen Baufälligkeit abgerissen werden musste, war vom neuen Besitzer vorbildlich restauriert worden. Noch heute hat sie für das Dorf eine besondere Ausstrahlungskraft mit der in Stein gehauenen Inschrift am Eingangsportal: „Denn mein Haus wird ein Haus des Gebets für alle Völker genannt.“ Doch auch das Heimatmuseum im Wasserschloss, vor allem die Gestaltung des christlich-jüdischen Raums, beeindruckte die Gäste bei der Führung mit Walter Winkler und Reinhart Lochmann, was sie durch mehrere Einträge im Gästebuch ausdrückten.

Und selbstverständlich wurde die Tafel mit der Firmengeschichte des Busunternehmens Knühl am meisten begutachtet und fotografiert, denn in dieser Chronik ist erwähnt, dass der Gründer des Busunternehmens einst als Postkutschenfahrer bei Samuel Westheimer angestellt war.

In großer gegenseitiger Achtung und Freude verlief dieser Besuch für alle zur vollen Zufriedenheit. Eine große Ahnentafel, die Pablo Kälbermann mit seiner Familie aus Uruguay mitgebracht hatte, wurde mit Eintragungen aus dem Gemeindearchiv bestätigt. Dankbar, um einige Erfahrungen reicher und mit der Gewissheit, dass die ehemaligen jüdischen Mitbürger von Großeicholzheim nicht vergessen sind, verabschiedeten sich die Gäste. L.M.