Seckach

Jubiläum der St.-Bernhard-Schule Vor 50 Jahren begann der Unterricht / Blick in die Annalen

Am Anfang stand die Schule am Abgrund

Archivartikel

Ein Jubiläum steht in diesem Jahr in der Klinge an: Die St.-Bernhard-Schule gibt es seit 50 Jahren. Zahlreiche Schüler haben die Einrichtung in dieser Zeit besucht.

Seckach-Klinge. Die großen Feierlichkeiten zum 50. Geburtstag der St.-Bernhard-Schule im Kinder- und Jugenddorf Klinge mussten wie so viele andere Jubiläen verschoben werden, doch die Geschichte und die Entwicklung dieses das Dorfbild prägenden Gebäudes mit seiner großen Turnhalle und der Pädagogik in seinen Räumen verdient einen Jubiläumsbericht, bei dem Peter Schmackeit als Chronist und ehemaliger Lehrer in der Klinge zahlreiche Informationen lieferte.

Große Begeisterung

An sein erstes Zusammentreffen mit Pfarrer Magnani erinnert er sich, als sei es gestern gewesen. In seiner Begeisterung über dieses besondere, noch „in den Kinderschuhen und im Aufbau“ befindliche Kinderdorf stellte er damals dem Dorfleiter die Frage: „Kann man hier auch als Lehrer arbeiten?“ Und bekam zur Antwort: „Sie müssen sich nur bewerben“.

Am 2. April 1957 trat er 22-Jährig hier seine erste – und auch einzige – Stelle als Grund- und Hauptschullehrer an, noch weit entfernt vom Beamtentum und sicherer Entlohnung. Es war eine Herausforderung, denn es gab so gut wie nichts an dieser privaten „Schule“, noch weitere zwölf Jahre kein Schulhaus, die Erstellung der Lehrmittel war sowieso zum großen Teil der Kreativität des Lehrkörpers überlassen. Dennoch oder gerade deswegen blieb er und widmete seine Arbeit dann nach der Hälfte seiner Dienstzeit lernbehinderten Kindern und Jugendlichen.

Doch Peter Schmackeit erinnert sich noch sehr gut an die sehr schwierige und finanziell immer „am Abgrund“ schwebende Anfangszeit, bis Hilfe von höherer Stelle in Form einer neuen Verwaltungsstruktur geleistet wurde, deren Grundlagen bis heute greifen. Damals wurde der tägliche Unterricht in fast allen tagsüber zur Verfügung stehenden provisorischen und umfunktionierten Räumen geleistet.

Dazu gehörten außer einigen Kellerräumen, zum Beispiel im Kindergarten, auch Teile des heutigen Verwaltungsgebäudes und eine Nähstube ebenso wie die Tages- beziehungsweise Speiseräume der Kinder und Jugendlichen in den Baracken der Organisation Todt, die vom Krieg noch übrig geblieben waren. Außerdem war eine Bubengruppe auf der Bühne des Bernhard-Saales untergebracht, vorübergehend, für mehrere Jahre.

Auch hatte man vor den 1960er Jahren für die vielen Jugendlichen, die keine Lehrstelle bekommen konnten, einige Jahre lang eine provisorische Lehrwerkstatt für das Maurerhandwerk eingerichtet, damit ihnen wenigstens die Chance einer „Vorlehre Bau“ geboten werden konnte.

Echte Herausforderung

Unterricht gab es in der Klinge sicher schon seit 1952 unter den Schulleitern H. Brennfeld, Otto Maier und bis 1961 Walter Franke. Das Lehren war eine echte Herausforderung für das zehn- bis zwölfköpfige wechselnde Lehrerkollegium. Denn zu den provisorischen Unterrichtsräumen kam auch die sehr unterschiedliche Alters- und Herkunftsstruktur der damals etwa 250 Schüler.

Sie setzten sich je etwa zur Hälfte aus Sozialwaisen und aus damals so genannten Förderschülern aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten zusammen. Sie kamen als deutschstämmige Vertriebene aus Ländern wie Jugoslawien, Polen, Ungarn, auch aus Spanien, die wenigstens so viel Deutsch lernen sollten, dass sie in ihren neuen Heimatorten in der Bundesrepublik dem Regelunterricht folgen konnten. Deutsch zu sprechen war ihnen bisher bei Strafe verboten gewesen. Klassen von über 40 Schülern in den gemischten Altersklassen von sechs bis 19 Jahren waren normal. Schwerpunkte bei den Fächern der Volksschule lagen besonders in Deutsch, Geschichte und Gemeinschaftskunde.

Die Jugendlichen und Kinder kamen aus kommunistischen Systemen und hatten von hiesigen Anschauungen und dem Leben im Westen noch wenig Ahnung. Nachdem der Zulauf der Heimatvertriebenen abgeebbt war – Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre – gab es mehr und mehr „Problemfälle“ aus dem näheren und weiteren Umfeld, und der Unterbringungs- und Schulungsbedarf war steigend.

So wurde der Bau eines eigenen Schulgebäudes dringend notwendig, doch seine Finanzierung, von der Klinge als Kinderheim allein unmöglich, benötigte Zeit und Cleverness. Man tastete sich langsam heran und begann Anfang der 60er Jahre mit den Vorbesprechungen und Planungen für ein neues Schulgebäude: Wohin sollte das Schulhaus gebaut werden? Wie sollte sie aussehen, wie konnte die Finanzierung gelingen? Wie können die Lehrer, die bis dahin ja nicht verbeamtet waren, bezahlt werden?

Erste Planung verworfen

Mit der ersten Planung wurde der Architekt Hubert Reichert von der Technischen Hochschule Karlsruhe und guter Freund von Pfarrer Magnani beauftragt. Dieser stellte auf Wunsch des Pfarrers eine Schule im Pavillonsystem vor, was aber vom Oberschulamt Karlsruhe verworfen wurde. Daraufhin entstand, nun auch unter aktiver Mitberatung des Lehrerkollegiums, der Plan des heutigen Baus, der in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre von der Buchener Firma Baumbusch begonnen und 1969 fertig gestellt wurde, bis auf die noch unbefestigten Zugangswege, die erst nach Fertigstellung der Turnhalle angelegt werden konnten.

Pfarrer Magnani segnete die Klassenräume, damit der Unterricht endlich zentral, damals unter Schulleiter Hans-Joachim Schüler, der von 1961 bis 1995 im Amt war, anlaufen konnte. Doch bis die Turnhalle fertig war, bildete roter Sandbelag auf dem Lehmboden einen provisorischen Weg zum Hintereingang der Schule. Schüler und Lehrer wechselten im Keller des Hintereingangs mehrmals täglich – je nach Stundenplan – die Schuhe beziehungswiese Hausschuhe, um das neue Gebäude nicht in einen Sandplatz zu verwandeln.

Offizielle Einweihung

Die offizielle Einweihung des gesamten Gebäudekomplexes, also Schule und Turnhalle, fand 1970 unter Regie des damals neuen Dorfleiters Pfarrer Herbert Duffner als Nachfolger des Gründers Pfarrer Magnani im Beisein einer großen Festgesellschaft statt. Von 1995 bis 2016 leitete Brigitte Kellner-Ix die St. Bernhard-Schule und führte sie in die pädagogische Neuzeit.

Stephanie Bechle trat ab dem Schuljahr 2017/18 deren Nachfolge im Amt der Schulleiterin an für aktuell 97 Schüler sowie 18 Lehrkräfte. Die St. Bernhard-Schule gilt heute als Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum für emotionale und soziale Entwicklung mit den möglichen Bildungsgängen Grundschule, Werkrealschule, Förderschule.

Außerdem verfügt man über einen Sonderpädagogischen Dienst, ist befugt zur Gutachtenerstellung im Auftrag des Schulamtes Mannheim und stolz auf den Schulkindergarten St. Theresia.