Rhein-Main-Neckar

Carmen Würth Forum in Künzelsau Jan Josef Liefers begeistert mit einer fesselnden Lesung über seine Kindheit

Pflaumenkuchen vom Spionagechef

Künzelsau.Charmant, unterhaltsam, ehrlich und manchmal nachdenklich – so begegnet Jan Josef Liefers, dem „Tatort“-Fernsehpublikum als Rechtsmediziner Professor Boerne bestens bekannt, seinen gespannt lauschenden Zuhörern im Carmen Würth Forum Künzelsau. Hier liest er aus seiner Biografie „Soundtrack meiner Kindheit“ (Rowohlt Verlag), fesselt durch die authentischen Geschichtchen aus dem Alltag der DDR und bekennt spontan: „Ich mache drei Kreuze, dass es diesen Staat so nicht mehr gibt.“

„Im November 1963 wurde ich eines Nachts unter nicht sonderlich spektakulären Umständen in Dresden gezeugt“ – in diesem lockeren Stil schreibt Liefers an vielen Stellen. Es gibt da ein „Anstandsbett“ für junge, unverheiratete Leute im Wohnzimmer der Eltern, das aber nicht benutzt wird. Und als am 8. August 1964 „die Sonne Republikflucht in den Westen begeht“, kommt er zur Welt.

Mit Wärme und Augenzwinkern

Seine Jugend schildert er mit Wärme und Augenzwinkern. Die liebevollen Anekdoten des Familienlebens mit Mutter, Oma und Stief-Oma zeigen, wie sehr er sich in seiner Familie geborgen fühlt.

Über den DDR-Kindergarten hat er eher negative Gefühle und flüchtet manchmal ins nahegelegene Theater, wo seine Eltern Schauspieler sind. Was gibt es Schöneres, als unter und hinter der Bühne herumzulungern, in die Maske zu gehen und sich einen Vollbart anzukleben?

Hier im Theater ist sein Zuhause. Heute noch mag er den Geruch von Staub, Schminke, Puder und Holzleim.

Während seiner Schulzeit wird die Mutter des Öfteren einbestellt und ermahnt: „Der Junge hat zu viele Freiheiten.“ Die DDR wünscht sozialistische Schülerpersönlichkeiten. Weil er schließlich eine „4“ in Betragen erhält, ist die erwünschte Künstlerlaufbahn unmöglich.

Dazu kommt, dass der Staat eine Quote für die Zulassung zum Studium vorgibt. Arbeiter- und Bauernkinder sollen es hauptsächlich sein. Schauspieler-Eltern gehören aber zur Schicht der Intelligenz, für die es nur wenige Plätze gibt.

Jetzt kommt Liefers Seitenhieb, auf die Gegenwart bezogen: „Ich habe inzwischen viele Schauspieler kennengelernt und frage mich manchmal, ob die DDR nicht doch recht damit lag.“ Kichern im Publikum.

So bleibt Jan nur die Möglichkeit, die Schule nach der 10. Klasse zu verlassen und – quasi als Umweg – eine Tischlerlehre am Staatstheater Dresden zu beginnen.

Die Verbundenheit mit seiner Heimat wird auch deutlich, als er erzählt, wie sehr es ihn immer wieder berührt, heute die wunderschöne Semperoper und die Frauenkirche zu sehen, die er in seiner Jugend nur als Schuttberge kannte und deren Wiederaufbau er miterlebte.

Lage spitzt sich zu

1989 macht die Regierung der DDR alles falsch, meint Liefers. Die Stimmung im Volk wird von ihr ignoriert. Und als Krenz, der „Mann mit 200 Zähnen“ 99 Prozent Ja-Stimmen für die Nationale Front bei der Kommunalwahl verkündet, spitzt sich die Lage in der DDR zu. Die Flüchtlingswelle in den Westen wird größer und größer.

Vier Tage vor dem Fall der Berliner Mauer, am 4. November 1989, ist eine Demonstration auf dem Alexanderplatz angemeldet, wo Oppositionelle und Vertreter des Regimes zum Thema Demonstrations- und Meinungsfreiheit sprechen dürfen. Es kommen bis zu einer Million Menschen. Im Café Espresso hinter der Bühne, wo die Redner sich versammeln, spricht ihn ein schlanker Mann mit graumeliertem Haar an: „Möchten Sie auch ein Stück Pflaumenkuchen?“ Es ist Markus Wolf, Chef der Auslandsspionage und stellvertretender Minister der Stasi. Liefers überlegt: „Was hat diese Begegnung zu bedeuten? Der bestgetarnte und meistgesuchte Spion der Welt hat mir eben Kuchen serviert, das muss das Ende der DDR sein. Es war ein Stück Pflaumenkuchen, aber ein historisches.“

Mit viel Herz

Mit dieser Buchpassage endet auch die Lesung. Sie holte die untergegangene Welt der DDR wieder hervor. Jan Josef Liefers hat sie amüsant, mit viel Herz und zugleich tiefgründig erzählt. Es war wie fesselnder, lebendiger Geschichtsunterricht. Der beliebte Fernsehstar überzeugte durch seine Ausstrahlung. Was Liefers sympathisch macht: Immer wieder spricht er die Zuhörer direkt wie Freunde an: „Versteht ihr Sächsisch?“ und erkundigt sich nach dem Hohenloher Dialekt, den er sympathisch findet. Für sein ungeübtes Ohr klingt er wie Sächsisch, gibt es zu verstehen.

Organisatorisch hat trotz Corona alles bestens geklappt. Die Bestuhlung ermöglichte sechs Quadratmeter Privatsphäre für jeden Zuhörer. Liefers über die vielen Lücken: „Früher wäre das ein Problem gewesen. Heute Abend ist es Glück!“

Obwohl der gemütliche Ausklang ausfallen musste, konnte Liefers augenzwinkernd kleine Äpfel oder Sonnenblumenkerne von der Bühnendekoration anbieten, aber auch Würth-Schokoladenherzen empfehlen, die auf dem Platz ausgelegt waren.