Rhein-Main-Neckar

Theater Heilbronn Spielzeit-Auftakt im Großen Haus mit „Der Fall der Götter“ von Tom Blokdijk

Machtgier gebiert Krieg, Hass und Verrat

Archivartikel

„Was machst du denn hier?“ fragt Baron Martin von Essenbeck leicht irritiert seinen Neffen. Könnte ihm, dem Sieger im Macht-Poker des Rüstungsunternehmens, der Jungspund Günther gefährlich werden? „Ich schaue zu“, wiegelt jener ab.

Zwei einfache Sätze, von deren Beiläufigkeit man sich aber nicht täuschen lassen sollte, denn unter scheinbarer Harmlosigkeit lauern Machtgier, abgrundtiefe Verachtung und Korrumpierbarkeit, Nährboden faschistoider Strukturen: Am Ende ist Martin Alleinherrscher der Stahlwerke, Leichen pflastern den Weg an die Spitze, bezahlt wird mit Abhängigkeit: Martin ist der Willkür der Nationalsozialisten ausgeliefert, rettungslos. Lapidar beendet eine der drei Erzählerinnen den kurzen Wortwechsel zwischen Martin und Günther: „Der Irrsinn hat ein Publikum verdient!“ Die Tragödie „Der Fall der Götter“ auch.

Das Schauspiel „Der Fall der Götter“ beruht auf Luchino Viscontis Filmmonument „Die Verdammten“ (1969). Sie untersucht die Epoche des aufkommenden Nationalsozialismus. Mit der Adaption fürs Theater von Tom Blokdijk, inszeniert von Marc von Hennig, eröffnete das Theater Heilbronn die Spielzeit im Großen Haus. Das Stück, zweieinhalb Stunden inklusiv einer Pause, liefert eine faszinierende Faschismus-Analyse, die Regisseur von Hennig (Bühne: Marc von Hennig und Karin von Kries; Video: Johannes Buchholz) mit einem fulminanten Ensemble zu einer vielschichtigen Collage verarbeitet. Die Überlagerungen verschiedener Erzähl–ebenen und Kameraperspektiven, sowie Rollenwechsel auf offener Bühne schaffen eine dramaturgische Komplexität, die dem Zuschauer hohe Konzentration abverlangt.

Inhaltlich zeigt der Film wie auch das Stück die enge Verflechtung von Nationalsozialismus und Großindustrie am Beispiel einer fiktiven Dynastie, derer von Essenbeck – eine Anspielung auf die Geschichte der einflussreichen Essener Industriellenfamilie Krupp, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts vom einfachen Handwerksbetrieb zum größten deutschen Waffenproduzenten aufstieg. Sie war nicht nur maßgeblich an der Kriegsgeschichte Deutschlands wie der ganzen Welt beteiligt – Hitler setzte ihr ein Denkmal, das zum geflügelten Wort wurde: Der Deutsche solle „schnell wie ein Windhund, zäh wie Leder und hart wie Krupp-Stahl“ sein.

Im Stück wird keine Schwarz-Weiß-Malerei betrieben, böse Nazitäter da, gute Widerständler dort. Vielmehr führen politisch unterschiedliche Positionen innerhalb der Familie zum Konflikt, der sich zuspitzt, als die Nachricht vom Reichstagsbrand in die Geburtstagsfeier des Patriarchen Baron Joachim von Essenbeck platzt. Der alte Stahlwerks-Generaldirektor beschließt, den Posten seines Stellvertreters an seinen zweitgeborenen Sohn Konstantin, einen SA-Mann, zu übertragen. Damit beginnt die Selbstzerfleischung des Familien-Clans.

Der Irrsinn hat Methode: Die Inszenierung verdeutlicht die strukturelle Wechselbeziehung von drinnen (Familie) und draußen (Politik). Hatte Visconti im Film eine Volte zurück zu den Wurzeln des Schauspiels à la Shakespeare gemacht, schafft der Einsatz einer Steadicam, geführt von Gabriel Kemmether (Erzähler/Kamera) Nähe zu den Schauspielern, zeigt kleinste Gefühlsregungen in Großaufnahme oder dringt in dunkle Verstecke der Hinterbühne vor.

„Der Irrsinn hat ein Publikum verdient.“ Mit diesem Satz nimmt das Finale Fahrt auf. Statt eines Showdowns, Martin versus Günther, fluten Shakespeare-Zitaten die Szene und schwemmen das Zuschauerbewusstsein in eine – wie man glaubte – längst vergangene Epoche: Die drei Strippenzieherinnen, die mal den Text soufflierten, mal die Handlung kommentierten, sind die Hexen aus „Macbeth“. Der Mord an Joachim von Essenbeck durch die Hand Friedrich Bruckmanns, dem Geliebten der Sophie (Lady Macbeth), entspricht dem an König Duncan durch Macbeth. Bruckmanns zweites Opfer ist Konstantin (Banquo), den der alte von Essenbeck als seinen Nachfolger vorgesehen hatte. Nicht gerechnet hat Bruckmann auf dem Höhepunkt seiner Macht mit Martin (einem der Söhne von Duncan), der pädophil und feige, erst angestachelt durch seine Mutter Sophie den Anspruch auf den Thron durchsetzt, seine Mutter zur Ehe mit Bruckmann zwingt und anschließend beide zum gemeinsamen Selbstmord auffordert.

„Der Nazismus übt auf mich jene Art von Terror und geheimnisvoller Anziehung aus, die der Henker stets auf sein Opfer ausübt“, bekannte Luchino Visconti. Diese merkwürdige Ambivalenz findet sich auch in der Personenführung und der Besetzung mit Doppelrollen: genial, wenn Bruckmann (als filmische Projektion) den alten von Essenbeck (auf der Bühne) erschießt, beide verkörpert durch Nils Brück.

Selten war die Adaption eines Films für die Bühne so schlüssig, erkenntnisreich und überzeugend, auch ohne die charismatische Erotik des jungen Helmut Berger, seinerzeit Viscontis Lover, der als bisexuelle, narzisstische Ikone in den 1970er Jahren Furore machte.

Anstelle von Ästhetik und Dekadenz setzt die Inszenierung im Großen Haus in Heilbronn auf die Wechselwirkung theatraler und filmischer Mittel sowie auf Kraft, Sensibilität und Verwandlungsfähigkeit des Ensembles.