Rhein-Main-Neckar

Kunsthalle Vogelmann Ausstellung „Hans Purrmann – Kolorist der Moderne“ noch bis 9. Februar 2020 zu sehen / Virtuosität im Umgang mit Farbe

Auch ein schöner Rücken kann entzücken

Heilbronn.Wer der Blütenpracht des vergangenen Buga-Sommers nachtrauert findet in der Ausstellung „Hans Purrmann – Kolorist der Moderne“ in der Kunsthalle Vogelmann Trost: Farben–frohe Sträuße, wunderschöne Stillleben, Interieurs und Landschaften sind Sujet des Malers Hans Purrmann (1880 bis 1966), der, wie kaum ein anderer, das Licht des Südens und die Farben des Sommers eingefangen hat.

Purrmann stammte aus einem Handwerksbetrieb in Speyer. Schon zu Lebzeiten wurde er von Künstlerkollegen und Kulturschaffenden als großer Kolorist geschätzt. „Die Kunst liegt nicht im Inhalt, sondern im Zusammenwirken von Farbe, Ton und Kontrast“, zu dieser Auffassung war Purrmann 1922 gelangt. Vom Glauben an die Möglichkeiten der Malerei gestützt, verband er die französische Moderne mit der deutschen Tradition. Sein Œuvre zeichnet sich durch handwerkliches Können, kompositorische Klarheit und ein besonderes Gespür für Farbklänge und Schattierungen aus.

Insbesondere beim Betrachten der Darstellung menschlicher Haut erkennt man Purrmanns Virtuosität im Umgang mit Farbe. Aus der Distanz fasziniert vor allem die Bildkomposition – mit geöffneten Fenstern und Türen gewährt Purrmann Ausblicke, holt einen Ausschnitt der Landschaft ins Interieur und schafft so räumliche Tiefe.

In Nahsicht fasziniert der ungeheuer subtile Farbauftrag: Die Haut setzt sich aus hunderten unterschiedlicher Töne zusammen. Die Haut als Hülle modelliert die Plastizität des Körpers, zugleich reflektiert ihr feiner Glanz die Farben der Umgebung. Um beim Thema „Haut“ zu bleiben: Werke unterschiedlicher Schaffensperioden – „Morgen–toilette“ (1902), „Sitzender Akt (Polnische Kunstreiterin)“ (1905), „Rückenakt vor Spiegel“ (1919) und „Liegender Akt“ (1940) – ergeben im Vergleich eine Schule des Sehens. Auch das „Selbstbildnis“ (1952) imponiert (neben dem entschlossenen, geraden Blick) durch die oszillierende Farbigkeit der Gesichtshaut.

„Um nichts besorgt als um das Gleichgewicht von Rot und Braun und Gelb, die Harmonie im Kräfte–spiel der Farben, das im Licht der Schöpferstunde strahlt, schön wie noch nie“, kein Geringerer als Hermann Hesse, der sein Gedicht „Alter Maler in der Werkstatt“ (1953) mit Dezemberlicht und den Farben Blau, Rosa und Gold beginnen lässt, hat seinem Nachbarn ein lyrisches Denkmal gesetzt.

Purrmann, in Nazi- Deutschland als „Französling“ verpönt, gilt als „entartet“. Seine Werke werden aus Museen entfernt, er flüchtet 1935 nach Florenz. Rechtzeitig vor der deutschen Übernahme Italiens flieht Purrmann in die Schweiz.

In Montagnola treffen sich 1943 zwei naturverbundene Seelen: Der schreibende Maler Purrmann hält das „Hesse-Zimmer in der Casa Camuzzi“ (1950) im Bild fest. Der drei Jahre ältere, malende Schriftsteller Hermann Hesse widmet dem „alten Meister, der sein Antlitz malt, wie es der Spiegel ihm entgegenstrahlt“ mehrere Gedichte. Purrmanns Selbstportrait, ein Charakterkopf, ist Teil der Heilbronner Ausstellung. Ergänzt wird es durch ein unvollendetes Selbstbildnis des 81-Jährigen, das die Haut dünn und durchsichtig schimmern lässt, zugleich mit dem leeren Blick von Modigliani-Portraits einer Totenmaske ähnelt.

Dem Trend der Abstraktion entzieht sich Purrmann. Er verweilt mit einer gewissen melancholischen Grundhaltung und heiterer Gelassenheit still bei den Gegenständen: „Die Natur ist stark und geheimnisvoll. Es liegt in unserem Interesse mit ihr in guten Beziehungen zu leben. Mit ihr pflege ich dauernden Umgang. Und so gering auch mein Werk sein mag, der Natur entrücke ich mich niemals, um nicht ins Leere darauflos zu phantasieren und Gefahr zu laufen, auf der Flucht vor der Natur im Nichts zu enden.“ Das schrieb er 1954. Zur Vernissage sind die Enkelin Regina Hesselberger-Purrmann, ihr Bruder Marsilius Purrmann sowie Urenkel Robert Wieland aus München angereist: „Mit 23 Jahren kam er völlig mittellos nach Paris, teilte sich mit seinem Freund Albert Weisgerber Mantel und Zimmer, das unvorstellbar klein war, wollte man sich den Mantel anziehen, musste man die Tür auf machen“, erzählt Wieland, der die Künstlerkarriere seines Urgroßvaters mit berührenden Details erdet. Leonore Welzin