Regionalsport

Spässle-Salz in Tore-Suppe

Archivartikel

Tante Käthe wird am Sonntag 80. Mist. Ausgerechnet, wenn unsere Mannschaft um den Aufstieg spielt. Früher gab’s da nur „entweder – oder“. Heute längst „sowohl – als auch“. Käsesahnetorte und trotzdem Elfer, Rote Karten, Tore – der Live-Ticker bannt das Spiel aufs Smartphone. Der Genießer schweigt und glotzt aufs Handy. „Jaaaa!“ – entfährt’s ihm lautstark in die erschreckte Verwandten-Runde. „Tooor“ liest er bei „Fußball.de“ in apartem Grün. Die Herrn, die diese Ticker speisen, verzeichnen brav hier alle Wechsel mit dem adretten Spielerköpfchen und der genauen Spielminute – und meistens bleibt’s bei eher gähnendlangweiliger, rein statistischer, neutraler Chronologie. 1:0. 2:0. 3:0. Spiel aus. Gewonnen. Punkt.

Doch an manchem Rasen grinsen sie verschmitzt: die kleinen gehörnten Ticker-Teufelchen, die verkannten Mario Barths und Bülent Ceylans der Fußballkenner-Szene. Die streuen gern mal Spässle-Salz in die öde Ticker-Zahlen-Suppe.

(Über-)Lebenswichtige Hinweise für die Damen und Herren an der Bande: „Die Menge tobt. Zum einen vergibt Mayer aus aussichtsreicher Position, zum anderen hat der Pilswagen jetzt geöffnet“, wechseln mit ganz unverhofften frech-intimen Einblicken ins Sexualleben eines Spielers, und es sei ausdrücklich erwähnt, ja, genauso stand das jüngst in einem Pokalspiel-Ticker: „XY versenkt, trotz Regen, wie gestern bei seiner Alten, das sehen wir gerne“. (Frage: Woher weiß der das von gestern Abend überhaupt so genau?)

Natürlich entscheidet allein der selbsternannte Sonntags-Ticker-König, ob der Schiri nur pfeift oder gewissermaßen selbst eine solche (Pfeife) ist: „Der Ball ist die ärmste Sau auf dem Spielfeld, der weint bitterlich bei dieser Schiri-Granate.“

Richtig spaßig wird’s vor allem dann, wenn der bei Tante Käthe Kaffee-Schlürfende mit hineingenommen wird ins Bild, das sich dem Tickernden dort offenbar gerade bietet. Das bezieht spontan auch Akteure anderer beliebter Sportarten aktiv ins Geschehen ein: „Wichtig: An unsere Freunde der benachbarten Minigolfanlage: Bei euch müssten zwei Bälle gelandet sein. Bitte um Rückgabe!“ Wie sollen die das denn bitte mitbekommen? Die schlagen doch gerade selbst so kleine, harte Kugeln…

Ja, und dann, ja dann – dann sieht man ihn vor dem geistigen Auge förmlich unter feierlichem Orgelklang wie in Zeitlupe einmarschieren, ronaldo-lewandowski-gleich – IHN, den unerreichten Stürmergott von Hüchtelstücht bei Hinterdupfing, gewürdigt vom quasi knienden, tippenden Untertanen mit den fast heiligen Worten: „51. Minute – Die Legende betritt das Feld.“ Das sind dann die erhebenden Momente, wenn dem Tickerer das vor Ehrfurcht überquellende Herz direkt in die zuckenden Wischefinger läuft.

Aber jetzt, jetzt wird der Kerl beleidigend. Wie: „Die Gäste spielen einen Müll zusammen, der seinesgleichen sucht.“ Hat der sie noch alle? Der Smartphone-Fußballgucker schnauft tief mit roter Birne, denn: Objektiv sind die Kommentare zum Spiel in den meisten Fällen nicht. Was stimmt dort, und was stimmt nicht? Tja, da gibt’s nur eins: Gib Tante Käthe beim Fünfundachtzigsten einen Korb und stell dich selber an die Bande. Bei allem digitalen Überall-Dabeisein-Wahn – eines gilt doch nach wie vor: Nur leibhaftig mittendrin ist wirklich live dabei...