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„Denkbar, den Modus noch während der Saison zu ändern"

Archivartikel

Interview: Felix Wiedemann zeigt auf, dass der Badische Fußball-Verband auf viele Szenarien vorbereitet ist, nicht aber auf alle vorbereitet sein kann / Der Spielleiter des BFV glaubt nicht, dass der Aufstiegsverzicht Schule macht

Wie plant man eigentlich eine „Corona-Saison“? Wir haben im Vorfeld der Spielzeit 2020/21 mit Felix Wiedemann gesprochen, dem Abteilungsleiter „Spielbetrieb“ beim Badischen Fußball-Verband (BFV). Er gibt in diesem Interview interessante Einblicke und liefert wichtige Informationen für die Vereine – auch was neue Spielmodi betrifft. Hier hat sich der BFV auf die „doppelte Einfachrunde“ festgelegt – nach der Hinserie geht es da mit einer Meister- und einer Abstiegsrunde weiter. Dadurch wird die Anzahl der Spiele reduziert.

Herr Wiedemann, freuen Sie sich auf die neue Saison oder haben Sie doch ein wenig Bauchweh?

Felix Wiedemann: Ich freue mich total, dass es wieder losgeht. Nach der monatelangen Pause ist es super, dass wir wieder Fußball spielen können – wenn auch unter etwas „neuen Spielregeln“ mit den Hygienekonzepten in den Vereinen. Uns ist klar, dass dies für die Vereine noch einmal Mehrarbeit bedeutet, aber ich bin optimistisch, dass sie das packen. Bauchweh habe ich aber auch ein bisschen, vor allem weil die Infektionszahlen während der Urlaubszeit wieder gestiegen sind. Die Pandemie ist keineswegs vorbei. Für uns als Verband gilt es, genau hinzuschauen, wie sich das weiter entwickelt.

Welche Reaktionen der Vereinsvertreter kommen denn bei Ihnen als handelnde Personen auf dem Turmberg in Durlach an?

Wiedemann: Wir merken schon, dass die Vereine froh sind, wieder Spiele austragen zu dürfen. Es kommen aber natürlich noch viele Fragen wegen der Hygienekonzepte, die wir aber fast alle prompt beantworten können. Weitere Unterstützungshilfen bieten wir auf unserer Homepage.

Stellen Sie aufgrund der Corona-Krise nun einen überdimensionalen Schwund an Mannschaften fest?

Wiedemann: Wir haben keinen größeren Schwund als in den Vorjahren zu verzeichnen. Das freut uns, denn auch wir hatten Sorge, dass der Rückgang der aktiven Mannschaften aufgrund der Krise größer werden würde.

Würden Sie also sagen, dass der Badische Fußball-Verband bis jetzt ganz gut durch die Krise gekommen ist?

Wiedemann: Ja, das kann man so sagen.

Wie war denn in all den Monaten der Austausch mit dem DFB? Hat der Dachverband immer konkrete Vorgaben gemacht oder konnten Sie als BFV recht autark entscheiden?

Wiedemann: Es gibt vom DFB Kann-Regelungen, bei denen die Verbände individuell entscheiden können. Es gibt aber auch einen verbindlichen Teil, der für alle gleich gilt.

Neu sind in dieser Saison „alternative Spielmodelle“, so wie beispielsweise in der Landesliga Odenwald mit der „doppelten Einfachrunde“. Werden solche Modelle verbandsweit oft angewandt oder sind sie nur die Ausnahme?

Wiedemann: Es sind nur vereinzelte Ligen, die alternativ spielen, insbesondere im Odenwald (Anm. d. Red.: auch die Kreisklasse B). Das liegt aber auch daran, dass wir noch ganz gut weggekommen sind, was die Größe der Staffeln angeht. Wir haben keine Staffel mit mehr als 20 Mannschaften. Ich finde es gut, dass sich die Vereine der Landesliga Odenwald dafür ausgesprochen haben, das Modell der „doppelten Einfachrunde“ anzuwenden, weil hier ja im Vergleich zu anderen Gebieten noch vermehrt witterungsbedingte Ausfälle drohen. Ich halte das Modell vor allem in der zweiten Saisonhälfte auch für eine spannende Variante, die viele Zuschauer ziehen kann. Die Einteilung der Gruppen verspricht ausgeglichenere Spiele, weil die Teams vom Niveau her ähnlich stark sind. Wir werden am Ende der Saison genau analysieren, wie es denn nun gelaufen ist. Aber ich bin da sehr optimistisch.

Sind alternativen Spielmodelle nicht auch eine Chance für die Zukunft?

Wiedemann: Das halte ich nicht für ausgeschlossen. Der Modus „Jeder gegen jeden“ ist sportliche sicher am fairsten, aber Alternativen beinhalten auch viele Vorteile. Ich finde es nun eine gute Möglichkeit, diese Dinge mal zu testen.

Das Modell „Jeder gegen jeden“ ist gefühlt 70 Jahre alt. Kann der Fußball so nicht auch schicker und moderner werden und damit wieder attraktiver für Jugendliche, die eben nicht von Mitte August bis Anfang Dezember und von Anfang März bis Anfang Juni jeden Sonntag auf dem Platz stehen wollen? Junge Leute wollen sich nicht mehr so sehr verpflichten wie das noch vor zig Jahren der Fall war.

Wiedemann: Da gebe ich Ihnen absolut Recht. Man tut sich immer schwer, alte Gewohnheiten zu verändern. Deshalb bietet „Corona“ hier vielleicht wirklich eine Chance, Dinge im Spielbetrieb moderner zu gestalten.

Gibt es in Baden noch andere Modelle wie „Auf- und Abstiegsrunde“?

Wiedemann: Es gibt im Prinzip viele Modelle, die wir fast alle diskutiert haben. Wir haben uns dann aber dafür entschieden, nur ein alternatives Spielmodell anzugehen, das unserer Ansicht nach am besten passt. Wenn man sämtliche Modi den Vereinen zur Wahl gestellt hätte, wäre es wieder schwer geworden, Mehrheiten zu finden. Man hätte beispielsweise gleich mit kleineren Gruppen beginnen können. Doch dann kommt schon die Frage auf: Wie teilt man die ein? Nach geografischen oder nach sportlichen Gesichtspunkten? Auch Playoffs wären möglich gewesen, doch uns war wichtig, dass die Mannschaften möglichst die gleiche Anzahl an Spielen haben. Wenn man die erste Playoff-Begegnung verliert, ist die Saison zu Ende, während andere noch weiter spielen.

Aber solche K.o.-Spiele wollen die Leute doch sehen; das zeigen doch jedes Jahr die hohen Zuschauerzahlen bei Relegationsspielen.

Wiedemann: Das stimmt, aber auch die Auf- und Abstiegsgruppen versprechen Spannung, weil man quasi immer punkten muss – gegen den Abstieg noch mehr als um den Aufstieg, denn es steigt ja die Hälfte aller Teams ab. Könnte der Spielmodus während der Saison geändert werden? Beispiel Kreisliga Buchen: Sie ist 18 Mannschaften stark, die Vereine wollten aber nach dem herkömmlichen Modell „Jeder gegen jeden“ spielen. Wenn es terminlich, aus welchem Grund auch immer, eng werden würde, könnte man dann noch auf ein alternatives Modell „umswitschen“?

Wiedemann: Grundsätzlich ist in dieser Saison vieles denkbar. Wir müssen uns vieles für besondere Fälle, vor allem natürlich wegen Corona, offen halten. Theoretisch ist es denkbar, den Modus noch während der Saison zu ändern, weil es grundsätzlich immer besser ist, eine sportliche Entscheidung herbeizuführen als bei einem eventuellen Abbruch irgendwelche Wertungen vornehmen zu müssen. Allerdings wird eine Änderung des Spielmodus’ in der Praxis nicht leicht umsetzbar sein. Wir können jetzt nicht hergehen und nach einer möglichen Saisonunterbrechung sagen: Jetzt spielt nur noch der Erste gegen den Zweiten, um den Meister zu ermitteln.

Also ist es nicht so, dass der BFV für alle möglichen Szenarien Notfallpläne in der Schublade liegen hat?

Wiedemann: Wir haben uns natürlich viele Gedanken gemacht und sind auf vieles vorbereitet. Aber es gibt so viele denkbare Szenarien, dass man nicht auf alles vorbereitet sein kann. Wir haben jetzt ja die Spielordnung dahingehen geändert: Wenn es noch einmal zu einem Abbruch kommen sollte, kann der Verband sagen, wie sie gewertet wird. Es steht aber zusätzlich noch drin, was alles in Betracht kommen könnte. Zum Beispiel: Wenn die überwiegende Zahl der Mannschaften zum Zeitpunkt des Abbruchs weniger als 50 Prozent der Meisterschaftsspiele bestritten haben, dann kann es auch zu einer Annullierung der Saison kommen, weil dann zu wenige Spiele gespielt sind, um eine sportliche Einschätzung treffen zu können. Ist man allerdings über diese Schwelle drüber, dann würde wieder die Quotientenregelung greifen – dieses Mal aber mit Absteiger. Alle Konstellationen können wir dabei aber nicht berücksichtigt haben. Noch ein Beispiel: Eine Mannschaft kann aufgrund eines Corona-Ausbruchs wochenlang nicht spielen. Dann wird aber die Saison abgebrochen, die Mehrzahl der Mannschaften hätte 50 Prozent der Begegnungen gespielt, nur diese eine eben nicht. Könnte man jetzt diese eine Mannschaft absteigen lassen oder nicht? Was ist, wenn mehrere Mannschaften solch eine „Corona-Pause“ einlegen müssten? Man sieht: Man kann nicht jeden Einzelfall regeln.

Aber ganz konkret: Am ersten Spieltag der Landesliga Odenwald kommt es gleich zum Derby Oberwittstadt gegen Rosenberg. Angenommen: Am Tag danach würde bei einer Mannschaft ein positiver Corona-Fall bekannt. Was passiert dann?

Wiedemann: Es gibt da unterschiedliche Situationen, aber in diesem konkreten Fall wäre es recht einfach: Die Vereine müssen direkt mit der örtlichen Gesundheitsbehörde in Kontakt treten, wenn nicht die Behörde bereits über die Kontaktnachverfolgung des Spielers an den Verein herangetreten ist. In diesem Fall ist dann auch der Verband zu informieren und dann muss zusammen mit der Gesundheitsbehörde das weitere Vorgehen abgesprochen werden. Wenn es dann eine Anordnung geben sollte, dass die gesamte Mannschaft in Quarantäne müsste, würden die weiteren Spieler dieses Teams abgesetzt – so lange wie die Quarantäne angesetzt, plus noch ein wenig Vorbereitungszeit für das nächste Spiel.

Und den Gegner betrifft das dann nicht?

Wiedemann: Das kann man nicht pauschal sagen; das entscheiden die Behörden. Der „Klassiker“ wäre ja der: Ein Spieler meldet sich am Spieltag beim Trainer und sagt, er weise die typischen Corona-Symptome auf. Was passiert dann? Der oder die Spieler müssen auf die Partie verzichten und zum Arzt. Heißt: So lange kein positiver Befund nachgewiesen ist, müsste die Mannschaft ohne diesen oder diese Spieler auskommen.

Noch einmal sportlich auf den Odenwald geschaut: Erstmals hat mit dem FV Lauda der Meister der Landesliga auf den Aufstieg in die Verbandsliga verzichtet. Auch der „Vize“ Oberwittstadt wollte nicht. Glauben Sie, dass solch ein Handeln Schule macht, und „der Odenwald“ künftig öfter verzichtet, weil vor allem die jüngste Vergangenheit gezeigt hat, „dass man eh keine Chance hat“?

Wiedemann: Nein, das glaube ich nicht. Türkspor Mosbach hatte beispielsweise großes Interesse aufzusteigen. Das zeigt, dass es Mannschaften gibt, die in die Verbandsliga wollen. Aber klar: Es gibt in der Landesliga nur eine Handvoll Bewerber, die sich die Verbandsliga als gute Spielklasse vorstellen können.