Ravenstein

Großes Klavierkonzert in Ravenstein Virtuoser Kanzlerbegleiter und Traumschiffpianist Waldemar Grab gastierte / Anekdoten aus einem bewegten Leben

Klänge berührten die Seelen der Zuhörer

Archivartikel

„Wer am Wochenende nicht in der Kirche war, hat echt etwas verpasst.“ Das sagten viele Besucher, die dort waren und Waldemar Grab erlebten.

Merchingen. Die Zuhörer zeigten sich sehr berührt und persönlich von den Ausführungen des Traumschiffpianisten Waldemar Grab angesprochen. So ging es auch Pfarrer Dr. Dietmar Reizel, der zusammen mit dem Kirchengemeinderat das Konzert mit Waldemar Grab organisiert hatte.

Gefühlvolle Klänge

Über 100 Besucher lauschten am Samstagabend den gefühlvollen Klängen des Pianisten. Mit Laptop und Beamer ausgestattet, führte Waldemar Grab seine Zuhörer durch ein gut zweistündiges Programm, das von einer Pause unterbrochen wurde, in der die Besucher auf dem Lindenplatz draußen vor der Kirche bei einem Punsch und sebst Gebackenem über ihre Eindrücke sprachen. „Man könnte meinen, da spielen sechs Hände und nicht nur zwei“, bemerkte ein Besucher.

Doch nicht nur die Virtuosität von Waldemar Grab auf dem Flügel beeindruckte, sondern auch dessen Lebensgeschichte: In den 70er und Anfang der 80er Jahre war er Begleiter von Altbundeskanzler Helmut Schmidt und Leiter der Kanzlermaschine. Zusammen mit Helmut Schmidt und auch Hans-Dietrich Genscher flog er um die Welt. Seine Erlebnisse und interessanten Anekdoten belegte er mit Bildern: Schnappschüsse, in denen man Helmut Schmidt in ungezwungener, lockerer Haltung im Flugzeug sieht.

Später erzählte Waldemar Grab, wie ihn Wolfgang Rademann, Produzent der ZDF-Fernsehserie „Das Traumschiff“, am Klavier entdeckt hatte. Mit dem Kreuzfahrtschiff MS Deutschland tourte er nun um die Welt, nachdem er diese bereits mit der Kanzlermaschine umrundet hatte, insgesamt 86 Mal.

Doch das bewegte Leben in der „5-Sterne-Society“ gab Waldemar Grab nicht die Erfüllung für sein Leben, nach der er sich immer wieder sehnte. „Geld und Ansehen geben dem Menschen nicht die Lebensmitte, die ihn erfüllt“, so Grab in einer seiner zahlreichen Erzählungen, die das Konzert begleiteten. So kam es, dass er nach einem Konzertabend auf der MS Deutschland in der Nacht noch an Deck ging, um abzuschalten und den Sternenhimmel auf sich wirken zu lassen. „Ich habe mich gefragt, ‚Was ist der Sinn des Lebens?’“, so Waldemar Grab.

„Ich habe Klavierstücke gespielt, die von viel Gefühl und schöner Traurigkeit handeln, aber letztlich doch keine Antwort auf die Existenzfrage des Menschen geben. Ich habe viel gesucht im Buddhismus und fernöstlichen Religionen, aber doch keine befriedigende Antwort auf meine Lebensfragen erhalten.“

Wieder in seiner Kabine, sei ihm eine Gideon-Bibel in die Hand gefallen, in der er zu lesen begann. Insgesamt über zwei Jahre las er. Irgendwann reifte in ihm der Entschluss, „es einmal mit dem christlichen Glauben zu probieren.“

„Ich habe diesen Schritt bis heute nicht bereut“, so Waldemar Grab weiter. „Der Glaube an Christus ist das, was meinem Leben eine Mitte gibt.“

Trauriges nicht ausgespart

Solche und ähnliche Erzählungen streute er während des Konzertes immer wieder ein. Er erzählte aus seiner Kindheit, seinem kleinen Dorf im Westerwald, in dem er aufwuchs, Flugzeuge am Himmel beobachtete und sich sagte: „Mit so einem Flugzeug möchte ich auch mal fliegen.“

Aber auch ihn prägende traurige Erfahrungen sparte Grab nicht aus: So erzählte er etwa von seinem geplanten Flug mit der Concorde von Paris nach New York am 25. Juli 2000, der von seiner Reederei im letzten Moment umgebucht wurde, weil die Plätze für Mitarbeiter einer anderen Firma gechartert wurden. Auf diese Weise entging er dem Tod.

Dennoch musste er den Verlust seines Onkels und seiner Tante beklagen, die in die Concorde gestiegen waren, um ihn in New York mit ihrer Anwesenheit zu überraschen. Dazu kam es dann nicht mehr. Auch die Begebenheit in einem Taxi in Fernost ließ das Publikum in der gut gefüllten Merchinger Kirche nicht kalt: Der Kapitän seines Schiffes rief ihm noch zu, „ich fahre mit meinen Leuten schon mal voraus, nimm du das nächste Taxi! Wir treffen uns dann am Kai!“

Doch dazu sollte es nicht mehr kommen, weil dieses Taxi verunglückte und die Insassen ums Leben kamen. Zum zweiten Mal war Waldemar Grab nur knapp dem Tod entronnen. „So etwas macht was mit dir – das lässt dich sehr nachdenklich werden.“

Mit gekonnten Improvisationen spielte er auf dem Flügel auch Stücke, die melancholisch anmuteten und zum Nachdenken über das Leben anregen sollten. Virtuos ohne jede Note ließ er bei aller Schwere immer wieder seine ansteckende Fröhlichkeit durchblitzen, die zu einem bejahenden Leben und zur Lebensfreude einlud.

An das Klavierkonzert schloss sich ein musikalischer Familiengottesdienst am Sonntagmorgen an. Pfarrer Dr. Reizel gestaltete den Rahmen, Waldemar Grab bewegte die mit 100 Teilnehmern gut besuchte Merchinger Kirche zum Mitsingen bekannter Kirchenlieder.

Gut besuchter Gottesdienst

Die meisten Texte wurden per Beamer auf eine Leinwand projiziert, so dass jeder gut mitsingen konnte. Am Ende des Konzerts am Samstag sowie des Gottesdiensts am Sonntag waren sich die Besucher sowie die Organisatoren und Helfer mit Pfarrer Dr. Reizel einig, dass ähnliche Veranstaltungen in Zukunft gern wieder stattfinden dürfen.