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Adieu, GEZ: So sähe eine Fernsehwelt ohne Öffentlich-Rechtliche aus

Archivartikel

17,50 Euro, die Deutschland entzweien. Doch wäre die monatliche Ersparnis wirklich den Wegfall aller öffentlich-rechtlichen Services wert? 

Es ist erst wenige Tage her, da beschloss das Bundesverfassungsgericht, der Rundfunkbeitrag bleibt bestehen – zum Entsetzen vieler. Eine im Mai durchgeführte repräsentative Umfrage ergab, dass 42 Prozent der Deutschen sich gegen die nach wie vor als GEZ bezeichnete (obwohl der Name GEZ am 31.12.12 abgeschafft wurde) „Zwangsgebühr“ aussprechen. Wohl jeder von uns dürfte schon mal geknirscht haben, angesichts des manchmal fragwürdigen Programminhalts auf ARD, ZDF und Co. Die 17,50 Euro monatlich, sie treiben bei vielen den Puls in ungeahnte Höhen. Selbst Verfechter des starken Staats werden hier oftmals zu anarchokapitalistischen Libertären, die auf Abschaffung und Total-Privatisierung pochen. Grund genug, auf den folgenden Zeilen mal eine Welt zu skizzieren, in der der Rundfunkbeitrag wirklich abgeschafft wurde.

1. Au revoir, Kostenlos-TV

Es gibt aktuell in Deutschland, abgesehen vom Internet, drei Möglichkeiten, über die man Fernsehen empfangen kann:

  • DVB-T2 per Antenne
  • DVB-S per Satellit
  • DVB-C per Kabelfernsehen
Gerne kann man zur Vervollständigung auch noch den Web-Livestream dazunehmen. Denn er ist der vierte Beweis dafür, dass es nur gegen Verträge und Geld geht. Das noch frei empfangbare Satelliten-TV wird mittelfristig ebenso nur noch codiert zu sehen sein, wie es Kabelfernsehen schon heute ist. Ja, selbst digitales Antennenfernsehen ist mittlerweile codiert – bis auf eine große Ausnahme: Die öffentlich-rechtlichen Sender. Die kann jeder empfangen, der sich eine DVB-T2-Antenne an den Fernseher steckt.

Ohne Rundfunkgebühr gäbe es keine kostenlose TV-Grundversorgung mehr. Jeder, der fernsehen wollte, müsste dazu mit irgendeinem Unternehmen einen Vertrag abschließen und monatliche Gebühren bezahlen – für Kabelfernsehen aktuell gut 20 Euro monatlich.

2. Tschüss, Radio

Viele Rundfunkgebührenkritiker vergessen, dass diese sich nicht ausschließlich aufs Fernsehen bezieht, sondern auch des Deutschen nach wie vor beliebteste akustische Informationsquelle, das Radio. Wie es ohne „GEZ“ aussähe, vermag man angesichts des weitgehend unbemerkten Streites erkennen, der uns früher in diesem Jahr fast eine Abschaltung des UKW-Rundfunks beschert hätte.

Nicht nur, dass über die ÖR-Sender eigenständige Radioprogramme ausgestrahlt werden, sie sind auch große Betreiber von Sendeanlagen. Ohne Rundfunkgebühr passierten also in der Radiowelt zwei Dinge:

  • Sämtliche Radiosender, die nicht die marktwirtschaftliche Relevanz des Mainstream-Dudelradios („Das Beste der 80er, 90er und von heute“) besäßen, würden sofort untergehen. Schon heute wird Spartenradio, etwa für klassische Musik, Jazz usw. beinahe ausschließlich von ÖR-Sendern bedient. Alle Sender brächten nur noch Einheitsbrei.
  • Das UKW-Radio wäre mittelfristig tot. Schon heute liegen weite Teile des Antennennetzes in der Hand weniger Privatbetreiber – die aber durch den Umstieg auf digitales DAB-Radio viel lieber ein ähnliche Abo-Modell wie schon heute beim Fernsehen hätten, dies bislang nur deshalb nicht durchsetzen konnten, weil sich u.a. der ÖR dagegenstemmt. Noch ist DAB zwar frei empfangbar, bei einem Monopol wäre es damit aber wohl schnell vorbei.

Das bedeutet, keine Zehn-Euro-Radios für die Küche mehr. Kein knarziges, aber immerhin verständliches Empfangen mehr. Bei Digitalradio gibt es nur entweder oder – voller Empfang oder Stille. Garniert mit viel Privatsender-Werbung.

3. Bye Bye, Sport

Den wenigsten Menschen ist heute bewusst, welch gigantischen Impakt Privatfernsehen auf die Sportwelt hatte. Als RTL 1988 erstmals eine eigene Fußballsendung („Anpfiff“) zeigte, wurde Fußball auf einen Schlag werbewirksam – weil zwischendurch Werbespots geschaltet wurden, werden mussten, es war und ist ja Privatfernsehen ohne „Zwangsgebühr“.

Schon heute kann der geneigte Fußballfan sehen, welche zweifelhaften Segnungen aus dieser Melange entstehen. Ohne Fußballsender-Abo geht heute nur noch wenig, die Öffentlich-Rechtlichen können im Kampf um die TV-Lizenzen längst nicht so mithalten, wie es die finanziell potenten Privaten vermögen. Dann eben wie heute Boxen und Formel-1 auf RTL? Leider falsch, ohne ÖR lägen die Ausstrahlungsrechte, erst recht für alles, was interessant ist, bei denen, die ihre Ausstrahlung codieren und teuer per Abo verkaufen. Schon heute gibt’s die Champions League nur noch via Abo – ohne ÖR gälte das mutmaßlich auch für EM, WM und Co. Eine solche Gelddruck-Lizenz würde sich kein Privatsender entgehen lassen.

Ganz ohne Rundfunkgebühr würde das auch jeden anderen Sport betreffen. Warum zeigen ARD und ZDF heute Leichtathletik-WMs? Weil es gegenüber Fußball und Co. weniger Breiteninteresse mobilisieren kann. Kaum ein Privatsender würde sowas zeigen, sonst würde man es heute bereits. Solche Ereignisse wären also vermutlich gar nicht, zumindest nicht in der Länge, im Free-TV zu sehen. Das mag denjenigen nicht interessieren, der solchen Sport eh nicht anschaut – aber der tut es dann auch heute schon nicht. Wohl aber würden alle Fans leiden.

4. Adios, Nachrichten

Es gibt Menschen, die verfluchen Tagesschau und Heute als „Staats-Nachrichten“, die vonseiten der Regierung gesteuert würden, zumindest aber in deren Interesse berichteten. Man kann dies lapidar ins Reich der Verschwörungstheorien verorten und auf die Neutralitätsverpflichtung der Öffentlich-Rechtlichen verweisen.

Fakt ist aber: Ganz ohne ÖRs könnten wir uns von Nachrichten, wie wir sie heute kennen, verabschieden, dann wäre der gelenkte Rundfunk real. Wie funktioniert ein Privatsender? Er finanziert sich nur über Werbeeinahmen. Nun braucht es keinen Hut aus Alufolie, um abzusehen, dass die Themenauswahl in einer reinen Privat-TV-Welt nicht ganz so ausgewogen wäre, wie es angesichts des journalistischen Kodex‘ verpflichtet wäre. Angenommen, der (fiktive) Autohersteller Morensa wäre in dieser Welt in einen massiven Rückrufskandal verwickelt, hätte aber auf dem (ebenfalls fiktiven) Privatsender RKTX viel Werbung geschaltet – würde dann die allabendliche Nachrichtensendung auf diesem Kanal so neutral und geboten-kritisch über den Skandal berichten, wie es angebracht wäre? Kaum. Wer das nicht glaubt, einfach mal bei Firmen-Skandalen die ÖR-Meldung dazu mit den 20-Uhr-Nachrichten im Privat-TV vergleichen.

Ohne ÖR müsste man sich bei jeder Nachricht fragen, in wie weit ihr Tenor von einem dahinterstehenden Unternehmen gesteuert wird.

© Africa Studio | Rein informative Dokumentationen ohne Fokus auf Action und Abenteuer? In einer ÖR-freien Welt sehr wahrscheinlich nicht. 

5. Do Swidanja, Programmvielfalt

Natürlich kann man vom Tatort, von Rosamunde Pilcher, den Roten Rosen und Konsorten halten, was man möchte. Doch wer solche Sendungen ihre mangelnde Qualität ankreidet, wird sich hoffentlich nicht dazu versteigern, dem, was die Mainstream-Privatsender servieren, das Gegenteil zu attestieren: Tatort vs. Alarm für Cobra 11? Die jungen Ärzte contra Unter uns?

Was aber viel wichtiger wäre, sind die Spartensender, die es mittlerweile sowohl bei den Öffentlich-Rechtlichen wie den Privaten gibt. Welcher Private würde sich wohl ohne Phoenix der vielleicht langweiligen aber demokratisch höchst notwendigen Übertragung von Bundestagsdebatten widmen? Fänden sich in dieser Welt dann noch Private, die in Dokumentationen über Tiere und Pflanzen berichten, ohne dass es dabei actionlastig nur um „die tödlichsten aller Zeiten“ geht? Und was ist mit dem Ausland? Heute übernimmt es die Deutsche Welle, in aller Welt ein Bild von Deutschland zu vermitteln. Haben Mexikaner, die derzeit die DW Español empfangen können, irgendeine Werberelevanz für hiesige Privatsender? Nein, daher gäbe es solches TV in der Post-ÖR-Ära auch nicht mehr – wie so vieles andere.

Eine Welt ohne Öffentlich-Rechtliche…

…würde uns allen im Monat 17,50 Euro ersparen. Könnte man mit diesem Geld Sinnvolleres anstellen? Vielleicht. Man könnte sich eine gute Flasche Wein davon gönnen. Könnte im Restaurant zu Abend essen – allerdings dürfte man schon kein Rumpsteak bestellen, müsste Partner und Kids zuhause lassen und selbstverständlich könnte man das nur einmal monatlich tun. Natürlich kann man über die ÖR-Praxis, Zahlungssäumige notfalls sogar ins Gefängnis zu stecken, den Kopf schütteln. Man kann ihnen vorwerfen, bei ihrer Programmplanung oftmals an der Zuschauerschaft vorbeizuplanen. Alles richtig und es gibt zweifelsohne viel Verbesserungsbedarf. Aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was uns erwarten würde, wenn die Öffentlich-Rechtlichen morgen verschwänden. Schon heute kann man in den USA sehen, wie das aussähe – feindliche, höchst einseitig und im Sinne mächtiger Konzerne berichtende Großsender. Gigantische Werbeblöcke und „Verblödungs-TV“, bei dem es nur um Action, leichte Verdaulichkeit und natürlich maximale Zielgruppenrelevanz geht. Alles, was nicht dem Mainstream-Interesse entspräche, würde entweder planiert oder wäre nur gegen zusätzliche Abos erhältlich. Ob all diese Nachteile die 17,50 Euro Zwangsgebühr aufwiegen, muss jeder für sich selbst entscheiden. Fakt ist aber, in Sachen Abgaben gäbe es in Deutschland weitaus gewichtigere Baustellen…