Osterburken

Vortrag in Osterburken Vortrag über die Revolution von 1848/49 im Neckar-Odenwald-Kreis / Dr. Michael Kitzing aus Singen beim Historischen Verein Bauland zu Gast

„Preßfreiheit ist nicht gleich Pressefreiheit“

Archivartikel

Osterburken.„Preßfreiheit ist nicht gleich Pressefreiheit“, eröffnete Michael Kitzing seinen gut besuchten Vortrag im Römermuseum Osterburken. Auf Einladung des Historischen Vereins Bauland zeichnete er sowohl die Gründe für den Ausbruch der Revolution im Bauland als auch die Ursache für ihr (vorläufiges) Scheitern in den Wirren von 1849 nach.

Verstanden die Bürger in den Städten unter Pressefreiheit das Recht auf freie Meinungsäußerung, wollten die Bauländer Bauern eine Befreiung von der Pression durch die verhassten Grundherren, die vor allem in Gestalt des Leininger und Wertheimer Fürsten das Leben auf dem Land bestimmten.

Da im Zuge der Revolutionskriege gegen Frankreich ab 1792 diese Fürsten ihre linksrheinischen Gebiete verloren hatten, wurden sie 1803 durch den Reichsdeputationshauptschluss mit rechtsrheinischen Territorien entschädigt. Sie waren dem Großherzog von Baden und dem bayerischen König unterstellt, behielten aber die meisten ihrer Privilegien.

Als Unterherren kontrollierten die Leininger und Wertheimer Fürsten die lokale Gerichtsbarkeit, hatten ein Monopol auf die Jagd und die Fischerei und sie bestimmten bei der Wahl der Pfarrer, der Bürgermeister und Gemeinderäte mit. Darüber hinaus war ein solches Amt auch finanziell interessant.

Neben der Befreiung von den Gemeindelasten erhielt der Grundherr Zuzugs- und Abwanderungsgelder und einen Anteil bei Erb- und Verkaufsangelegenheiten. Darüber hinaus kassierten sie einen Blut-, Bau- und Getreidezehnt. Zudem waren die Bauern zur Fronarbeit verpflichtet. Die Not der Bauern, auch in Folge von Missernten, führte zu Verbitterung. Die Februarrevolution in Paris führte zwischen dem 6. und 9. März 1848 zum Aufstand in der Region. In Erinnerung an die Anfangserfolge der sogenannten „Hellen Haufen“ von 1525 wurden die Vorgänge als neuer Bauernkrieg aufgefasst, was auch einen starken literarischen Niederschlag fand. Überall wurden Rentämter angegriffen. Vor allem Pfarrer, Notare und Anwälte wurden als Elemente der leiningischen Ordnung durch die dörflichen Eliten, in der Regel Wirte und Gemeinderäte, angegangen. Noch aber war der Großherzog und Landesherr nicht das Ziel.

Die Ereignisse gingen von Ort zu Ort. Rund zwei Dutzend antisemitische Angriffe waren zu verzeichnen. Dabei waren die Bauern durch frühkommunistische Ideen angestachelt, die den Diebstahl bei Reichen guthießen. Da Juden als vermögend galten, hielt man sich an diesen schadlos. Für vier Tage brach die Herrschaft der Krone komplett zusammen, zumal pro Amtmann nur ein Gendarm bereitstand, der zum Teil mit den Aufständischen kooperierte. Insgesamt fehlte ein bürgerliches Gegengewicht, resümierte Kitzing. Daher musste der Staat militärisch reagieren. Den Höhe- und Endpunkt fanden die Ereignisse am 9. März mit dem Einmarsch badischer Soldaten.

Insgesamt waren die Folgen für die Bauern überschaubar, da sich die Beteiligten gegenseitig mit Alibis versorgten. Nur bei den Bürgermeistern und den Gemeinderäten ließ sich deren Mitwirkung nicht verleugnen. Allein in Osterburken setzte es, so Kitzing, 20 Jahre Haft und 14 000 Gulden Strafe. Erneut unruhig wurde es im November infolge der Erschießung des Parlamentariers Robert Blum. In den Odenwaldgemeinden gedachte man seiner mit Steuerverweigerungen. Neu war der nun wachsende Zorn auf das Haus Baden, der sich unter anderem in der Zeitung „Der Volksführer“ in Heidelberg niederschlug. Im Winter entstanden in der Mehrheit republikanische Volksvereine, die Tausende zu mobilisieren vermochten und liberal-konservative Vaterländische Vereine. Zuletzt stand der Kampf badischer Revolutionäre um Rastatt. Gescheitert sind die Bemühungen letztlich an den unterschiedlichen Interessen der Beteiligten und am Rückzug allzu vieler, die nicht bereit waren, für ihre Ideale auch zu kämpfen.

Gescheitert aber ist die Revolution nur kurzfristig. Bereits in den 1860ern erhöhten sich die Partizipationschancen der Menschen beträchtlich, was 1919 in die erste republikanisch-demokratische Verfassung auf deutschem Boden mündete, schloss Kitzing seinen Vortrag.