Osterburken

Historischer Verein Bauland Vortrag „Kriegsende in Osterburken“ von Dr. Jörg Scheuerbrandt zog zahlreiche Zuhörer an

„Ein Thema, das auf den Nägeln brennt“

Archivartikel

Osterburken.Vor einem vollen Haus hielt Museumsleiter Dr. Jörg Scheuerbrandt im Römermuseum Osterburken auf Einladung des Historischen Vereins Bauland einen Vortrag zum Thema „Kriegsende in Osterburken – Der Krankenzug der KZ Neckargerach und Neckarelz und der Vormarsch der Amerikaner“.

Im Frühjahr 2020 jährt sich das Kriegsende zum 75. Mal. Die dramatischen Ereignisse sind in Osterburken unvergessen. So ist es verständlich, dass nicht nur einige Zeitzeugen, sondern viele interessierte Zuhörerinnen und Zuhörer, auch aus der Umgebung den gut recherchierten Ausführungen Scheuerbrandts lauschten. Er rekonstruierte aus altem Kartenmaterial, US-Heeresberichten und Zeitzeugenaussagen die Ereignisse sehr genau. Beeindruckend war seine medien- und kartengestützte Präsentation, die das Vordringen der US-Amerikaner dem Publikum anschaulich machte.

Starke amerikanische Bewegungen waren in den letzten Kriegswochen im Raum Osterburken-Adelsheim zu verzeichnen. Durch einen schnellen Vorstoß im Bereich Rhein-Neckar-Main-Odenwald Richtung Würzburg sollte seitens der Amerikaner ein Rückzug der Wehrmacht in die Alpenfestung verhindert werden. Die zu erwartende Offensive führte zu einer Räumung der Neckarlager durch die SS und die Verschleppung der Häftlinge ins KZ Dachau, der zahlreiche Menschen zum Opfer fielen.

Zusammenbruch der Wehrmacht

Das schnelle, aber nicht überall konsequente und vor allem nicht zeitgleiche Vordringen der Amerikaner durchkreuzte allerdings diese Pläne. Ihre Offensive führte Ende März nicht nur zum weitgehenden Zusammenbruch der Wehrmacht im Bauland, sondern auch zur Irrfahrt des KZ-Zuges, der am 29. März in Neckarelz und Neckargerach zusammengestellt worden war.

Er sollte über Mosbach und Osterburken Richtung Osten fahren. Dem Zug wurde zuerst von der nördlichen amerikanischen Angriffsspitze Richtung Würzburg, kurze Zeit später auch im Südwesten und Süden der Weg abgeschnitten. Bei Heilbronn hatten die SS zahlreiche Brücken zuvor zerstört und den Vormarsch bis Mitte April erheblich behindert und verzögert.

In allen Bereichen südlich von Mosbach sah es ähnlich aus. Die SS hielt daher Heilbronn und Umgebung. Damit klaffte zwischen den amerikanischen Stoßkeilen eine gewaltige Lücke. Deshalb wurde die südliche Angriffsspitze nach Norden verschoben und konnte den Vormarsch erst geraume Zeit später fortsetzten. Dies machte eine Flucht des Zugs nach Süden letztlich unmöglich.

Der Zug rollte Richtung Neckarelz bis Jagstfeld zurück und wurde dort auf die Linie Stuttgart-Würzburg umgeleitet. Auf dieser Linie erreichte er am 31. März Osterburken, von wo er gegen Mittag desselben Tages nach Adelsheim zurückgeschoben wurde. Dort setzten sich die SS-Wachen dann ab.

Andere SS-Einheiten hatten die Kirnau-Brücken gesprengt, um die Amerikaner zu bremsen. Zwischen Osterburken und Adelsheim selbst hatte die Wehrmacht Position bezogen. Die Häftlinge kümmerten sich die folgenden Tage am Zug um sich selbst, sie wurden von der Wehrmacht an einer Flucht gehindert.

Am 2. April nahmen die Häftlinge Kontakt mit der Wehrmachtsführung in Adelsheim auf und erhielten die Erlaubnis, in Oberschefflenz um Essen zu bitten. Aus den Ereignissen kann möglicherweise geschlossen werden, dass der Kommandeur in Adelsheim den Häftlingen angesichts der weit vorgerückten Amerikanern eine Rettungschance geben wollte, zumal Oberschefflenz am 2. April gefallen und „der Amerikaner“ sehr nahe war.

Stadt am 4. April 1945 besetzt

Am 3. April 1945 hatten die Deutschen den Stadtkern von Osterburken aufgegeben und sich auf die südlichen Anhöhen zurückgezogen, von wo sie den Einmarsch der Amerikaner bis 15 Uhr beobachten konnten.

In einem Zangenangriff, der bis zum 4. April andauerte, wurde Osterburken endgültig besetzt und die Häftlinge gesichert. An eine geregelte Versorgung der Menschen war angesichts des Zieles der Amerikaner, die Wehrmacht weiter zu verfolgen und zugleich Heilbronn in einer gewaltigen Zangenbewegung zu umfassen, nicht zu denken.

Der Raum Osterburken wurde, aufgrund der zahlreichen zerstörten Brücken, zu einem Nadelöhr des amerikanischen Vormarsches, der den Abtransport der Menschen bis weit in den April unmöglich machte.

Die Bewohner von Osterburken nahmen sich, unterstützt von amerikanischen Rationen, der Menschen mehr als drei Wochen an. Die ersten Verwundeten konnten erst am 6. April weggebracht werden. Mitte April erfolgte der endgültige deutsche Frontzusammenbruch. Ab dem 19. April erfolgte die Wegverlegung aller Häftlinge aus Osterburken.

Mit diesen Ausführungen beendete Jörg Scheuerbrandt den Vortrag. Zahlreiche Fragen aus dem Publikum und die Erinnerungen der anwesenden Zeitzeugen bekundeten zum Schluss nochmals das große Interesse an dem äußerst spannenden Vortrag. cg