Osterburken

Historischer Verein Bauland 60 Zuhörer besuchten einen Vortrag von Professor Thomas Baier

Dichter Ovid und die Sprache des Herzens

Archivartikel

Osterburken.Uralt, aber nicht altbacken – der antike Dichter Ovid war schon vor 2000 Jahren wahrlich nicht von gestern. Seine literarischen Bilder spiegeln eine schon fast moderne und aktuelle Denkweise innerhalb der antiken Welt wider. Vor rund sechzig Zuhörern entfaltete Professor Doktor Thomas Baier von der Universität Würzburg auf Einladung des Historischen Vereins Bauland im Römermuseum Osterburken seine Gedanken zu seinem Thema „Amor als Kulturstifter – Erotisierung, Humanisierung und Verbürgerlichung des Mythos bei Ovid“. Traditionell nutzten Lateinschüler der umliegenden Gymnasien den Vortrag als Vorbereitung auf das Abitur.

Für den Referenten stand fest, dass das Entscheidende das ist, was zwischen den Zeilen steht. Das gilt auch für Ovid – davon ist Thomas Baier überzeugt. Während der Dichter Vergil mit seinem Epos „Aeneis“ das Kaiserhaus verherrlichte, hinterfragte Ovid die Hervorhebung des Militärischen in den Epen und forderte ihn auf diese Weise zum Dichterwettstreit heraus.

Zugleich rief er seine Leser dazu auf, das Leben nicht immer ganz so ernst zu sehen. Für ihn begann die Rhetorik mit der Liebe. Die Sprache des Herzens war aus seiner Sicht die beste Lehrmeisterin. In der Umsetzung seiner Ideen bewies er eine erstaunliche und schalkhafte Kreativität.

Helden entheroisiert

Treffen sich befreundete Helden, erwartete man im Epos die Huldigung der Taten des einen durch den anderen. Bei Ovid änderte sich die Sichtweise, weil bei ihm der eine Held den anderen – ganz bürgerlich – nach dessen Kindern fragt. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass der Dichter in seiner Zeit unglaublich beliebt war, so Baier. Er überschritt durchaus die Grenze ins Laszive, ließ sich aber – kultiviert und Werte gebunden wie er zeitlebens war – persönlich nichts zu Schulden kommen.

Ovid war stets bemüht, die Kunst durch die Kunstfertigkeit zu verbergen. Alles sollte echt und natürlich wirken. Weder dürfe man als Heuchler ertappt werden, noch solle die Kunst als solche sofort zu erkennen sein. Ob als Künstler oder Jurist: Alles müsse minuziös vorab geplant sein, aber solle spontan und leicht aussehen. Nur, wenn die Kunst verborgen sei, wirke sie. Durchschaue man die Kunst, wirke sie peinlich und zerstöre darüber hinaus auch die Glaubwürdigkeit. Ovid war ein Verfechter von sorgfältiger Nachlässigkeit und lehnte zu dick aufgetragene Schminke ab, erzählte der Referent.

An Beispielen aus der Mythologie zeigte Professor Baier, dass Ovid Sympathien für Gebildete, Zarte und (un)schuldige Opfer hatte. Dieser Dichter stand auf der Seite der Frauen. Die Liebe der Göttin Venus zu Mars sei ein bekannter Mythos, den Ovid in seinen Metamorphosen erzählte. Der gehörnte Ehemann der Göttin, der grobschlächtige Vulkan, der die im Bett ertappten Ehebrecher mit unsichtbaren Netzen festhielt, lud die ganze Götterwelt „zur Besichtigung“ ein. Während die männlichen Götter die demütigende Situation genossen, blieben die Göttinnen aus Solidarität zu Venus der Zurschaustellung und Demütigung fern.

Göttin Venus als Opfer

Ovid schaffte es, Venus zum bedauernswerten Opfer ihres stotternden und minder intelligenten Ehemanns zu machen. Klug ist der, der über den Betrug seiner Frau diskret hinwegsieht. Dies war nicht nur eine Lebensweisheit im Privaten. Wie der Professor berichtete, ging Ovid damit getarnt gegen die Ehegesetze des Kaiser Augustus vor. Dieser hatte nämlich den Ehebruch erstmalig in der Geschichte zur Straftat gemacht. Welch Ironie, denn waren doch Romulus und Remus, die mythischen Gründer Roms und die direkten Vorfahren des Kaisers, Sprosse einer unehelichen amourösen Aktivität des Gottes Mars.

Ovid, der das zivilisierte Leben in Rom so liebte, wurde von Kaiser Augustus ins Exil nach Tomis am Schwarzen Meer verbannt. Über die Gründe seien keine genauen Informationen bekannt.

Obwohl er in den Metamorphosen die Vergöttlichung des Kaisers pries, konnte er keine Rücknahme der Verbannung erreichen. Der von Ovid als maßvoll dargestellte Zorn Jupiters, des höchsten Gottes, war leider kein Beispiel für den Kaiser. Aber trotz aller Maßnahmen gegen ihn war der Dichter davon überzeugt: „Nicht einmal Zeus wird meine Metamorphosen zerstören können.“ Und das galt natürlich auch für Augustus. Damit sollte Ovid recht behalten.