Osterburken

Vortrag des Historischen Vereins Bauland Interessante Geschichte des westlichen Nachbarlandes beleuchtet

Bis zur Unabhängigkeit war es ein langer, erbitterter Weg für Belgien

Osterburken.Um die Geschichte Belgiens ging es in einem Vortrag des Historischen Vereins Bauland im Osterburkener Römermuseum. Studienrat Christian Göckel umriss den Kampf des Königreichs Belgien um seine Unabhängigkeit von seiner Entstehung 1831 bis zum Versailler Vertrag 1919. Zuvor gedachten die Versammelten still der kurz zuvor verstorbenen stellvertretenden Vorsitzenden Vereins, Marianne Fath.

Mehrmals besetzt

Belgien war laut Göckel in seiner wechselvollen Geschichte schon von den Römern, den Franken, den Spaniern, den Österreichern, von den Franzosen, den Preußen, den Briten, den Niederländern und den Deutschen besetzt. Das Land ohne natürliche Grenzen konnte sich aber stets seine eigene Identität bewahren – trotz seiner ab Anfang des 14. Jahrhunderts bestehenden faktischen Zweiteilung in eine flämisch-niederländische und wallonisch-französische Bevölkerungsgruppe.

Jedem Angreifer von außen traten schon früh die emanzipierten Stadtbürger aus Flandern und Brabant entschlossen und letztlich auch erfolgreich, weil unbeugsam, entgegen. Und dennoch hat nahezu jede Besatzungsmacht Belgien ihren Stempel aufgedrückt, so der Referent.

Arie löste Revolution aus

1831 machte sich Belgien nach einer Revolution, ausgelöst durch eine Freiheits-Arie in einer Oper in Brüssel, von den Niederlanden unabhängig. Deren König Wilhelm I. hatte zuvor wirtschaftlich klug, politisch allerdings höchst ungeschickt agiert. So setzte er 1815 mittels diverser Manipulationen eine die Belgier klar benachteiligende Verfassung für das im Zuge des Wiener Kongresses entstandene Vereinigte Königreich der Niederlande durch. Auch benachteiligte der protestantische Fürst das katholische Belgien in der Folgezeit ökonomisch.

Dem Treiben der revoltierenden Belgier sah er ratlos wochenlang zu. Letztlich setzten einige hundert Revolutionäre gegen Zehntausende niederländische Soldaten (davon zwei Drittel gebürtige Belgier) die Unabhängigkeit durch. Gegen die Brüsseler, die ihre Stadt mit Wurfgeschossen aller Art verteidigten, waren die Niederländer machtlos, erzählte Göckel.

Unter seinem deutschstämmigen König Leopold I. von Sachsen-Coburg-Gotha behauptete sich Belgien trotz anhaltender Grenzstreitigkeiten mit den Niederlanden. 1839 erfolgte die abschließende, allseits international anerkannte Regelung: Belgien erhielt seine heutigen Grenzen und den Status ewiger bewaffneter Neutralität. Eine Geschäftsgrundlage, die Belgien nicht schützen sollte.

Der „Code Civil“

Frankreich hingegen legte mit seinem napoleonischen „Code Civil“ die Grundlage für die liberale Verfassung von 1830, die dem König, abgesehen vom militärischen Oberbefehl, eine repräsentative Rolle zuwies. Diese moderne Konstitution unterschied Belgien laut dem Referenten deutlich von den übrigen Monarchien in Europa.

In der Folgezeit konnten sich die Belgier durch ihr diplomatisches Geschick dem Zugriff des Auslands entziehen. 1866 wäre Belgien beinahe Opfer eines von Frankreich angestrebten preußisch-französischen Kuhhandels geworden. Kaiser Napoleon III. hatte den Preußen vorgeschlagen, gegen die Übernahme von Belgien und Luxemburg die sich abzeichnende preußische Vorherrschaft über Deutschland zu akzeptieren. Der Sieg Preußens und seiner Verbündeten 1870/71 über Frankreich entzog diesem Plan aber die Grundlage, so der Studienrat.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 wurde das unvorbereitete Belgien von Deutschland unter Bruch des Abkommens von 1839 angegriffen. Im Zuge des Schlieffenplans versuchte Deutschland, Frankreich durch einen umfassenden Schlag an seiner Nordostgrenze zu überrumpeln. Zwei Wochen leisteten die Belgier heldenhaften Widerstand. Dies führte letztlich zum Scheitern des Schlieffenplans. Allerdings musste die belgische Zivilbevölkerung dies mit fürchterlichen Rachemassakern, durch den Brand der berühmten Bibliothek in Leuwen und der Vernichtung von Ypern bitter bezahlen. Deutschland unterstützte im Ersten Weltkrieg eigennützig den kulturell nahestehenden flämischen Bevölkerungsteil gegen die Wallonen. Die Wallonen waren durch ihre starke industrielle Entwicklung im 19. Jahrhundert ökonomisch im Gegensatz zu heute bessergestellt als die Flamen in Flandern. In der Armee aber wurden die Wallonen von flämischen Offizieren schikaniert. Das galt allerdings ebenso für die flämischen Soldaten, die kein Französisch sprachen. Mit tatkräftiger deutscher Unterstützung wurde dieser ursprünglich innerflämische Sprachenstreit zwischen Oberschicht und der einfachen Bevölkerung zu einem gesamtbelgischen Politikum, der sich noch heute in starken separatistischen Tendenzen in beiden Landesteilen manifestiert.

All dies aber hielt die Belgier nicht davon ab, sich schnell mit den Deutschen versöhnen zu wollen. Diese politische Weitsicht, die auch nach dem Zweiten Weltkrieg wiederholt werden sollte, trug maßgeblich zur Entstehung der heutigen Europäischen Union bei, berichtete Göckel.

Zahlreiche Fragen rundeten den Vortragsabend ab.