Niederstetten

Crailsheim Verein „Mehr Demokratie“ organisierte Demonstration

„Unverhältnismäßige Panikmache“

Crailsheim.So manch einer rieb sich am Samstag um 15 Uhr in Crailsheim verwundert die Augen: Was ist denn da los? Und dann noch in der Langen Straße, in der sonst an einem Samstag um diese Uhrzeit normalerweise kaum etwas los ist? Vor allem jetzt, in Zeiten von Corona? Eine Veranstaltung! Man weiß ja schon fast gar nicht mehr, wie das ist: wenn sich Leute treffen.

In diesem Fall hält der Verein „Mehr Demokratie“ vor dem Rathaus zwei Stunden lang eine angemeldete Kundgebung zum Thema „Musizieren und lesen für die Demokratie – Grundrechte wiederherstellen“ ab. Versammlungsleiter Wolfgang Sechser nennt es „eine musisch-künstlerische Performance mit Redebeiträgen“.

In Crailsheim kommen insgesamt rund 300 Teilnehmer, diejenigen mitgezählt, die länger stehenbleiben. So genannte Hygieneclowns achten mit Zollstöcken penibel darauf, dass Kontaktbeschränkungen beachtet und Mindestabstände von eineinhalb Metern eingehalten werden. Jemand von „Mehr Demokratie“ hat extra ein Schild für die Presse gemalt. „Wir sind KEINE Rechtsradikalen, Linksradikalen, Reichsbürger, Impfgegner oder Verschwörungstheoretiker“, steht darauf. Ein anderer hat mit Kreide Folgendes auf die Straße gekritzelt: „Maske auf und Klappe halten?“

„Freiheit gegen Sicherheit?“ steht vorne in roten Buchstaben auf dem weißen Shirt von Wolfgang Sechser, und hinten drauf heißt es „Angstfreier Kontakt“. „Wir sind heute nicht gegen jemand hier, sondern für etwas“, sagt er. Nach mehr als acht Wochen Corona-Einschränkungen sei es höchste Zeit, für Demokratie, Werte und Grundrechte einzutreten. Es gehe auch darum „wieder Lebensfreude auf die Straße bringen“.

Es spricht nicht nur Sechser. Da ist ein Arzt, für den der emotionalste Moment in der Corona-Krise war, als es hieß, die Enkel müssten sich jetzt von den Großeltern fernhalten. Da ist eine Schülerin. „Was ich sehe“, sagt sie, sei „eine aus Angst geleitete staatliche Ordnung“. Da ist eine Mutter, die schmerzt, „wenn Kinder vor Kindern zurückzucken“. Da ist ein Masseur, dessen Welt mit Kontakt und Berührung zu tun hat. Umarmungen seien für ihn ein Grundbedürfnis und würden dem Stressabbau dienen. Und weniger Stress stärke das Immunsystem.

Und dann ist da noch das Grundgesetz. Der Blick von „Mehr Demokratie“ richtet sich aufs Geleitwort von Frank-Walter Steinmeier. Darin bemüht der Bundespräsident Sätze wie diese: „Der Staat ist um des Menschen willen da, nicht der Mensch um des Staates willen“; „Die Würde der menschlichen Persönlichkeit ist unantastbar“.

„Instrumentalisiert“

Von der Politik und in der Berichterstattung sei Angst geschürt worden, findet Wolfgang Sechser. Bilder von todkranken Menschen seien instrumentalisiert worden, alles „eine unverhältnismäßige Panikmache“. Er betont, dass er keiner politischen Partei angehöre und sich nicht vor einen Karren spannen lasse. Aber er stehe lieber früher auf als später, „wenn es nur eine Wahrheit gibt“. Sechser war bisher noch nicht in Schweden, aber was er aus der Ferne beurteilen kann: „Dort wird auf Selbstbestimmtheit gesetzt. Die schaffen das richtig gut. Das ist Demokratie.“ Er fragt sich: „Warum wird uns das vorenthalten?“

„In der momentanen Krise liegt das Risiko eines dauerhaften Verlustes unserer demokratischen Rechte“, meint Wolfgang Sechser. „Die Gefahr eines „Hygienediktates“ mit der Beendigung lebensfroher sozialer Bezüge.“

Aber es bestehe auch die Chance, „eine zunehmend gierige überglobalisierte Welt wieder mit mehr regionaler Solidarität, analoger Herzlichkeit und sozialer Initiativkraft in eine freiere und lebenswertere Welt zu verwandeln“ – das wäre dann für Sechser eine Welt, in der „nicht Panik zur politischen Methode wird, weil der Tod wieder zu unserem Leben dazugehört und nicht verdrängt wird“. jsi