Niederstetten

Kabarett mit Nektarios Vlachopoulos in Niederstetten „Bin vielleicht sogar deutscher als Ihr“ / Wunderbar heitere ironische Art

„Oder doch nur ein lustiger Grieche?“

Niederstetten.Mit einem hochvergnüglichen Kulturabend und seinem Programm „Ein ganz klares Jein“ eroberte der Kabarettist und Slam-Poet Nektarios Vlachopoulos die Zuschauer in der Alten Turnhalle in Niederstetten.

Der in Bretten geborene Wahl-Stuttgarter und ehemalige Deutschlehrer mit – wie er es selbst bezeichnet – „griechischem Integrationshintergrund“ tritt seit März 2008 auf Literatur- und Kleinkunstveranstaltungen zwischen Flensburg und Zürich auf. 2011 gewann er das große Finale der deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaft in Hamburg sowie 2012 die Rheinland-Pfälzische und 2015 die baden-württembergische Poetry Slam Meisterschaft.

Zudem wurde Nektarios Vlachopoulos mit verschiedenen renommierten Preisen ausgezeichnet wie etwa dem Passauer Scharfrichterbeil (2016), dem Jury- und Publikumspreis des Bielefelder Kabarettpreises (2017), dem Goldener Rostocker Koggenzieher (2017) sowie dem Kleinkunstförderpreis Baden-Württemberg 2017.

In Niederstetten gastierte er bereits vor rund zwei Jahren, damals im Kult mit seinem ersten abendfüllenden Soloprogramm „Niemand weiß, wie man mich schreibt“.

Mit einem ganz klaren „Jein“ und mit viel (Wort-)Witz beschäftigte sich Vlachopoulos in seinem gleichnamigen zweiten Soloprogramm nicht nur mit Flirts, „Beziehungskisten“ sowie anderen Facetten des Lebens und Alltags, sondern insbesondere auch mit der Suche nach sich selbst und seinen Ursprungswurzeln.

„Ich bin 50 Prozent Grieche und 100 Prozent Deutsch“, meinte er. „Und vielleicht sogar deutscher als Ihr“ – denn schließlich könne er im Gegensatz zu den meisten Mitbürgern sogar die IBAN seines Bankkontos auswendig. „Oder bin ich doch nur ein lustiger Grieche?“

Auf wunderbar heiter ironische Art spielte er in einer und Parodie mit „klassischen“ sowohl griechischen als auch deutschen Klischees, wobei er die Züge von fremdenfeindlichen Vorurteilen einfach umdrehte. „Ich habe nichts gegen Deutsche, solange es nicht zu viele auf einem Haufen sind“, bekannte er ebenso wie, dass er auch mal ganz gerne „zum Deutschen“ auf einen Mett-Igel und ein Bananen-Weizen gehe sowie sogar ein paar Sachsen im Bekanntenkreis habe. Andererseits sei unter ihm eine deutsche Familie eingezogen und seither rieche es im Treppenhaus immer penetrant nach Sauerkraut.

Nicht alle Deutschen seien kriminell oder asozial, und viele gingen sogar arbeiten, dennoch wolle er sein Kind nicht auf eine ansonsten nur von deutschen Kindern besuchten Schule schicken, um zu vermeiden, dass sein Sprössling verkehrte Vorbilder wie etwa Uli Hoeneß, Martin Winterkorn oder Jan Ulrich erhalte. „Berlin ist total überfremdet – da ruft der Muezzin zur Kehrwoche“, konstatierte Vlachopoulos als satirische Spitze gegen Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit.

Zu den weiteren köstlich amüsanten Höhepunkten des aktuellen Vlachopoulos-Programms „Ein ganz klares Jein“ zählten unter anderem zum einen die Lesung einer Passage aus dem populären Erotikroman „Fifty Shades of Grey“ in schwäbischer Mundart.

Zum zweiten seine fremdartigen und skurrilen Situationen, Begegnungen und Erlebnisse in einem Technoclub, wo er sich als Günter Wallraff einem Gast gegenüber ausgibt, der behauptete, in dem Club Manuel Neuer gesehen und ein Bier spendiert zu haben.

„Horst Seehofer ist nicht misstrauisch dem Islam gegenüber, sondern vielmehr neidisch auf ihn“, mutmaßte Vlachopoulos, der sich außerdem auch politisch beispielsweise mit seiner Erzählung gab, er kenne ein Mitglied der Jungen Union, das sogar wirklich zukunftsorientiert sei – „zumindest in 50 Jahren“. Vielleicht sollten sich die Menschen einfach eingestehen, auch mal irrational zu handeln und gegebenenfalls zu scheitern. „Rennen Sie auf einen Hundebesitzer zu und rufen Sie ihm zu: Keine Angst, er will nur spielen“.

Als stürmisch geforderte Zugabe zeigte sich Vlachopoulos als Sprachwissenschaftler und erst recht begeisternder Sprachjongleur bei einer Geschichte inklusive gemimten Dialogen im Stil von Vokalgedichten und Lautmalereien beispielsweise des österreichischen Dichters und Schriftstellers Ernst Jandl.

In der Summe präsentierte der Kabarettist, Poetry-Slammer und diplomierte Hobbylexikograf „ein ganz klares Jein“ als (vermeintliches) Manifest der Unverbindlichkeit zum Beispiel über die randgesellschaftlichen Probleme der äußeren Mittelschicht in Zeiten, in denen sich das „brave Bürgertum“ angesichts einer immer schnelleren, lauteren und mehr verwirrenden Lebenswelt nach einfachen Lösungen sehnt.

Kein „Jein“, sondern ein ganz klares „Ja“ gab es bei seinem Gastspiel in Niederstetten geradezu allemal für das, was der „Deutsche mit griechischem Integrationshintergrund“ nebst seinem zweiten Programm zu bieten hatte: Abwechslungsreich, mal humorig und witzig zum Lachen, mal tiefsinnig ironisch oder philosophisch zum Schmunzeln, mal als Kabarettist und Comedian, mal als Poetry-Slammer sowie mit rasanter Geschwindigkeit, treffender Präzision, stilvollem Esprit, hoher Intelligenz und sympathischen Charme.

Kurzum ein hoch gelungener und heiter unterhaltsamer Kulturabend in Niederstetten speziell auch in Coronazeiten.