Niederstetten

Justiz Tatbestand der Heimtücke erfüllt / Landgericht Ellwangen hat Tatablauf recht genau konstruiert / Gericht spricht von „Absolutem Vernichtungswillen“

Lebenslange Haft im Gerabronner Feuer-Mordprozess

Gerabronn.Weil er seine Frau in ihrem Auto mit Benzin übergossen und angezündet hat, ist ein Mann vor dem Landgericht in Ellwangen wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Das Gericht sah es am Mittwoch als erwiesen an, dass der 48-Jährige seine von ihm getrennt lebende Ehefrau heimtückisch getötet hat. Der Tat in Gerabronn im Kreis Schwäbisch Hall war ein Streit um ein Wohnhaus und den Unterhalt vorangegangen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Mit Benzin übergossen

„Getragen von einem absoluten Vernichtungswillen“ hatte der Deutsche nach Überzeugung des Gerichts die 45-Jährige Mitte November vergangenen Jahres auf dem Weg zu Arbeit abgefangen, geschlagen und mit Benzin übergossen. Die Frau konnte laut Anklage kurz aus ihrem Wagen fliehen. Ihr Mann hatte sie aber wieder hineingeschoben und eine brennende Zigarette ins Fahrzeug geworfen. Der Anklage nach starb die Frau an der folgenden „explosionsartigen Verpuffung“.

„Ich habe meine Frau umgebracht.“ Das hat der Angeklagte am 14. November 2019, einem Donnerstag, außer Atem gesagt, als er um 8.16 Uhr bei der Polizei angerufen hat. „Ich war’s“, sagte er gegen 8.40 Uhr einem Kriminalbeamten, nachdem er vor seinem Haus in Gera-bronn festgenommen worden war.

Schon nach dem dritten Verhandlungstag gab es keinen Zweifel mehr an der Schuld des Angeklagten. Selbst die Verteidiger bestreiten die Täterschaft des 48-jährigen Busfahrers nicht.

Aus der am Dienstag abgeschlossenen Beweisaufnahme ergibt sich ein fast lückenloses Bild dessen, was sich am Morgen des 14. November abgespielt hat: Um 7.25 Uhr verlässt der Busfahrer sein Wohnhaus in Gerabronn. Aus der Garage nimmt er einen 20-Liter-Kanister, einen Schlosserhammer und ein Teppichmesser mit. Mit seinem BMW X5 Pickup fährt er um 7.29 Uhr an der Aral-Tankstelle vor. Er füllt knapp 18 Liter Benzin in den Kanister, kauft zudem Zigaretten und fährt Richtung Elpershofen weiter.

Kurz nach 7.30 Uhr fällt der schwarze BMW einem Landwirt auf. Das Auto steht zwischen Elpershofen und Binselberg in der Nähe der Zufahrt zur Brettachhöhe am Straßenrand. Im Wagen sitzt ein Mann. Ein Mitarbeiter der Brettachhöhe, einer Außenstelle der Weckelweiler Gemeinschaften, passiert auf dem Weg Richtung Binselberg um 7.45 Uhr den späteren Tatort. Dort stehen der BMW und der Renault des Opfers Front an Front am Wegesrand. Ein Mann steigt aus dem BMW aus.

Um 7.54 Uhr geht der erste Notruf bei der Polizei ein. Er stammt von einer 26-jährigen Frau, die gesehen hat, wie ein Mann die Fahrerscheibe des Renault einschlägt und der Frau im Auto Schläge versetzt. Sie beobachtet kurz darauf auch, dass die Frau wegläuft und von dem Mann verfolgt wird.

Ein zweiter Notruf folgt eine Minute nach dem ersten. Jetzt ruft eine 18-jährige Arbeitskollegin des Opfers an, die aus nächster Nähe gesehen hat, wie der Mann die neben dem Renault am Boden kauernde Frau schlägt. Unterdessen hat eine 48-jährige Rollerfahrerin auf dem Weg von Binselberg zur Arbeit auf der Brettachhöhe den Tatort passiert. Auch sie sieht, wie ein Mann die Fahrerscheibe einschlägt, und hört die Frau im Auto schreien. Kurz darauf beobachtet sie, dass der Mann mit einem Kanister etwas ins Auto hineinschüttet. Von dieser Zeugin stammt der dritte Notruf, der um 8 Uhr eingeht. Einen vierten Notruf setzt die 18-jährige Frau um 8.05 Uhr ab, nachdem der Renault in Flammen aufgegangen ist. „Der verbrennt die Frau“, ruft sie völlig aufgelöst.

Er rief selbst die Polizei

Der Mann fährt nach Hause. In Binselberg kommt er an der 26-jährigen und der 18-jährigen Zeugin vorbei; eine von ihnen erkennt im Fahrer den Angeklagten. Zu Hause angekommen, zieht sich der Mann um, wirft seine versengte und mit Blut verschmierte Jacke in den Müll, legt seine Hose und sein Sweatshirt in den Wäschekorb und ruft die Polizei an. Als sie eintrifft, lässt er sich widerstandslos festnehmen. Nicht annähernd so genau wie der Tathergang lässt sich die psychische Verfassung des Angeklagten rekonstruieren.

Die Frage, was zu diesem Ausbruch brachialer Gewalt geführt hat, ist offen geblieben. Am 6. November hatte der Mann mit seiner Frau eine Unterhaltsregelung getroffen und sich dabei zur Zahlung von monatlich 800 Euro verpflichtet. Keine Einigung war jedoch über das gemeinsame Haus getroffen worden. Der Mann bot seiner Frau eine Abfindung von 140 000 Euro an und hatte über diesen Betrag bereits eine Kreditzusage. Die Frau jedoch forderte 170 000 Euro. Eine 61-jährige Arbeitskollegin des Busfahrers schildert diesen als freundlich, zurückhaltend und hilfsbereit. An ihm sei ihr auch nach dem 6. November nichts Besonderes aufgefallen. Am 11. November jedoch, dem Montag vor dem Tattag, habe der Mann eine Haltestelle ausgelassen. Nach dem Grund befragt, habe ihr Kollege mit geröteten Augen gesagt, es gehe ihm nicht gut und dass er sich Sorgen mache, er müsse sein Haus verkaufen. In seinem persönlichen Umfeld hat der Angeklagte durchaus Unterstützung gefunden. Seine Söhne erklärten sich bereit, ihn finanziell zu unterstützen; einer von ihnen hätte ihm seine Ersparnisse überlassen.

Eine enge Vertraute war seine 39-jährige Cousine, die ihm im Umgang mit Behörden und den Rechtsanwälten beistand und über eine Vollmacht verfügte. Sie berichtete vor Gericht, der Angeklagte habe sie gebeten, seinen BMW zu verkaufen, damit er seine Verpflichtungen aus dem Vergleich mit seiner Frau erfüllen könne. Eine wichtige Rolle scheint der Brief einer Rechtsanwältin zu spielen, den der Angeklagte am Abend vor der Tat bei seiner Cousine abgeholt hat. Auch darin ist es wohl um Ansprüche seiner Frau gegangen, die geltend machte, dass sie für die Familie auf eine eigene Karriere verzichtet habe und deshalb jetzt nur wenig Geld verdiene. Sie hätten vereinbart, am folgenden Tag über diesen Brief zu reden, sagte die Cousine. erz