Niederstetten

Kleinkunst Kabarettabend mit Christoph Maul und Musiker Martin Rohn im Autokino Niederstetten / „Söder hat die ganze Kreide gefressen“

„Lasst die Kultur nicht ganz sterben“

Beim Kabarettabend mit Christoph Maul und Musiker Martin Rohn im Autokino in Niederstetten erleben alle Beteiligten eine neue Form der Abendunterhaltung. Maul spricht von der Not der Künstler.

Niederstetten. Wie sich wohl Christoph Maul fühlt auf dieser Bühne? Vor ihm sind schemenhaft drei Reihen Autos zu sehen, die per Lichthupe signalisieren, wenn sie etwas witzig finden. Es gibt eine erfolgreiche Filmreihe, Cars, in der alle Charaktere Autos sind: So ähnlich dürfte es aussehen, wenn die Filmhelden Spaß haben. Statt dessen sind es vom Corona-Virus auf Abstand gehaltene Menschen, die Dank der ausgegebenen Bluetooth-Lautsprecher Kleinkunst im großen Format genießen, von Autokarosserien vor Ansteckung geschützt.

Dank der Großleinwand ist Mauls Mimik noch in der dritten Reihe zu erkennen wie sonst im kleinsten Saal nicht; auch stört es höchstens den Partner, wenn bei Martins Rohns gesungenen Rüttelreimen laut mitgesungen wird: Das Erlebnis echter Kleinkunst kann so eine Aufführung im Autokino freilich kaum ersetzen. Für die Künstler dürfte es noch schwieriger sein – sie werden um ihren Beifall gebracht. Und ums Interagieren mit dem Publikum.

Der Koch und der Rapper

Hadert Maul mit den Kontaktbeschränkungen? Zieht er kräftig vom Leder gegen die Pandemie-Bekämpfung, die so viele Kunstschaffende um ihre Existenz bringen könnte? Mitnichten. „Ich bin so glücklich, auftreten zu können; live ist‘s viel schöner, aber es geht wenigstens weiter“, erklärt er seinem Publikum, also den Autos. Und wo er in der die Nation spaltenden Corona-Frage steht, wird spätestens deutlich, als er gegen „den Rapper und den veganen Koch“ vom Leder zieht, mithin gegen Xavier Naidoo, Attila Hildmann und all die anderen, die von Verschwörungen fabulieren, die sich nach ein bisschen Facebook-Lektüre zutrauten, die Situation besser einschätzen zu können, als Wissenschaftler, deren Lebensaufgabe es sei, Viren zu erforschen.

Wie bei einem Brand sei das, sinniert er, zu dessen Bekämpfung ja auch die Feuerwehr gerufen werde „und nicht der Metzger und der Florist“.

Und überhaupt: „Krieg gegen das Virus? Wer in einem Krieg ist, hat andere Sorgen als Klopapier und Hefe.“ Auch sonst hat er einiges anzumerken zu Dingen, die schief gehen. Zu Menschen etwa, die ihr Essen auf Facebook teilen, statt mit denen, die es brauchen. Zum Überfluss an Rücken- und Fitnesskursen und dem Mangel an aufrechter Haltung.

Bundeswehr leiht sich Helikopter

Wie es sich für den Spielort Nieder-stetten ziemt, nimmt er sich die benachbarte bayrische Landespolitik vor: Es sei kein Wunder, dass die Schulen in Bayern so schnell auf Tablets umgestiegen seien, meint er, wo doch der Söder die ganze Kreide gefressen habe. Oder er reitet auf der Bundeswehr rum, die sich vom ADAC Hubschrauber ausleihen müsse. Ach ja: Der ADAC ist schuld, wenn das von der Bundeswehr „im trockensten Sommer sei immer“ unter Beschuss genommene Hochmoor wochenlang brennt: „Die haben keine Löschpanzer zu verleihen.“ Nebenbei erzählt Maul, wie Radfahrer auf Wischwasserdüsen reagieren und Warteschlangen im Supermarkt auf Witzbolde mit zu viel Zeit.

„Natürlich fehlt die Reaktion der Leute und der persönliche Kontakt zu den Gästen davor und danach“, sagt Maul im Gespräch, aber das sei bei TV-Aufzeichnungen auch nicht anders.

Der Abend in Niederstetten sei interessant gewesen, „halt anders, wie derzeit das ganze Leben ander ist, für uns alle.“ „120 Aufführungen im Jahr möcht ich so nicht spielen“, so sein Fazit, aber es gehe ja vor allem darum, das Live-Kabarett zu erhalten. „Lasst die Kultur nicht ganz sterben.“

Existenzbedrohend

Was ihm Sorgen bereitet? „Ganz, ganz, ganz viele Künstler, haben Rücklagen für einige Wochen, einige Monate, für die ist diese Krise existenzbedrohend.“

Nun werde niemand des Geldes wegen Kleinkünstler, aber eine lange Zeit ohne Einkommen sei richtig schlimm, auch für Tontechniker, Agenturen, Veranstalter, sagt der 41-Jährige, der selbst hauptberuflich im Einkauf und als Produktentwickler bei einem Hotelausstatter tätig ist – derzeit in Kurzarbeit aber ohne Sorgen. „Es belastet mich, dass so viele liebe Kollegen kämpfen.“