Niederstetten

In der Alten Turnhalle Die deutsche Irish-Folk-Band riss das Publikum erneut zu Begeisterungsstürmen hin / Eine der besten Bands ihres Genres

Fiddle, Pipes und faszinierende Stimmen

Archivartikel

Wer „Irish-Folk“ sagt, kommt nicht um „Cara“ herum. Die 2003 gegründete deutsche Irish-Folk-Band wird inzwischen als eine der besten Bands des Genres gehandelt.

Niederstetten. 2010 und 2011 erhielten sie mit zwei Irish Music Awards den ultimativen Ritterschlag, beim weltweit größten Irish Festival in Dublin begeisterten sie 2014 ihr Publikum ebenso wie bereits beim Milwaukee Irish Fest 2009, wo ihnen rund 130 000 Besucher zujubelten.

In Niederstetten gastierten sie jetzt zum vierten Mal: Schon fast ein Heimspiel. Kein Wunder also, dass sich rund um die Vorbachstadt eine echte Fangemeinde entwickelt hat, die immer weitere Kreise zieht.

Begrüßt wurden die Fans mit aus der Tiefe nebelverhangener Moore herüberklingender Uilleann Pipes: Den Zauber verbreitet Hendrik Morgenbrodt, der im späteren Verlauf des Konzerts mit „A trip to Blarney“ ein schier umwerfendes Solo auf der Ellenbogenpfeife hinlegt. Bereits seit dem elften Lebensjahr lebt Morgenbrodt seine Liebe zum Dudelsack. Vollends an die Sackpfeifen verloren ging er fünf Jahre später, als er den Sound der Uilleann Pipes entdeckte. Er spielt die Pipes nicht nur in höchster Perfektion, als Pipemaker und gelernter Holzblasinstrumentenmacher hat der Tübinger den Cara-Dudelsack eigens für den Cara-Sound, den er seit 2014 mit prägt, gebaut.

In seine Pipes fällt Gudrun Walther mit der Fiddle ein. Die aus der Pfalz stammende Cara-Frontfrau ist mit Folk aufgewachsen und hat mit sechs Jahren die ersten Folksongs auf der Geige gespielt. Das diatonische Akkordeon, das sie mit ebenso großer Präzision und sprühender Begeisterung spielt wie die Geige, gesellte sich später hinzu. Dazu eine begeisternde Stimme, kreatives Songwriting – das Konzert bot gleich mehrfach Neues aus ihrer Feder - und ein erfrischendes Moderationstalent: Die Mischung ist so einhundertprozentig irisch, dass sich der Gedanke aufdrängt, der Storch habe sich bei ihrer Lieferung nach Irland verflogen.

Mit der aus Edinburgh stammenden Pianistin und Singer-Songwriterin Kim Edgar, die 2013 zu Cara fand, hat Gudrun Walther nicht nur eine perfekt ergänzende zweite Leadsängerin gefunden. Wie sich die Stimmen umeinanderschlingen, wie sie in „Two Magicians“ – der von Kim modern komponierten traditionellen Weise – die Flügel ihrer Stimmen weit, weit ausspannen, wie beide mit Klangfarben von eisig funkelndem Stern bis zu tosender Feuerlohe facettenreich die Gefühlswelt abtasten, ist schlicht bezwingend.

Die Schottin und die irisch geprägte Deutsche liefern sich auf der Bühne einen Wettstreit um die traurigsten, schaurigsten, blutigsten Moorgeschichten ebenso wie um die rasantesten und heitersten Springtänze, die den Besuchern auf den Sitzplätzen in der Alten Turnhalle viel Selbstbeherrschung abverlangen, um nicht gleich mitsamt Stuhl durch die Halle zu hüpfen. Völlig gebannt hat Kim Edgar ihr Publikum bereits mit den ersten, perlenden Pianoklängen, die sich in das Eröffnungsstück mengen.

Völlig in seinen Bann gezogen hat auch Rolf Wagels – im nicht der Bühne angehörenden Lebensbereich Tierarzt, ansonsten auch perfekter Trommelbauer und erster „ausländischer“ Bodhrán-Lehrer der Craiceann-Summerschool auf den irischen Aran-Inseln – die Zuhörer. Mit welcher Verve, ungeheurer Vielfalt vom sanftesten Rauschen bis zum furiosesten Wirbel über alle Tonhöhen hinweg er die irische Ramentrommel singen, tosen und toben lässt, raubt dem Publikum den Atem. Kein bisschen hinter ihm zurück steht Jürgen Treyz mit Guitarre und Dobro, der wie Wagels Cara bereits seit der Gründung angehört. Sein Gitarrenstudium am Münchener Gitarreninstitut MGI ergänzte er um Folk, traditionelle und Mittelalterliche Musik und das von ihm gegründete, auf Folk und akustische Musik spezialisierte Tonstudio „artes“ in Esslingen. Zu hören ist er neben „Cara“ auch bei „Litha“ und „Deitsch“. Ob er ein funkelndes Feuerwerk auf den Saiten zündet oder ob die Töne ganz zurückgenommen die Stimmen umspielen: Es ist ein Genuss, ihm zuzuhören.

Auch nach rund zwei Stunden fiel es dem Publikum schwer, Cara ziehen zu lassen: Traurige Balladen, Songs der See, mystische Klänge, wirbelnde Tänze, bitterböse Traditionals, rein instrumentelle Weisen und auch durchaus politisch gemeinte Songs wie „Isn’t it Time to be Worried“ (Gudrun Walther) machten den Abend zu einem kreuz und quer durch Irland führenden unvergesslichen Erlebnis, das auch Begegnungen mit Seebären, mittelalterlichen Rittern, untreuen Ehefrauen, Mord und Totschlag umfasste.

Ganz schreibfrisch davon Etliches: Tiefernst wie „A Trip to Blarney“, köstlich heiter wie „The naked Man in the Whirlpool“, himmelhoch jauchzend und so totbetrübt, dass man weinen könnte: Cara zog an diesem hochkarätigen Abend alle Register bis hin zum Blues. Mitnehmen müsste man das können! Was selbstverständlich auch ging: Am CD-Stand waren nicht nur die klingenden Silberlinge, sondern auch die Autogramme der fünf Künstler gefragt. So ausgestattet, lässt sich die Zeit bis zum nächsten Auftritt in Niederstetten besser überstehen.