Niederstetten

Akademie Schloss Kirchberg Hochkarätige Referenten und engagierte Diskussionen bei den zweiten Öko-Marketingtagen

Bioverbände sehen sich in der Verantwortung

Archivartikel

Zwei Tage tauschten sich Vertreter von Verbänden, Handel und Politik auf Schloss Kirchberg über neue Wege der Vermarktung nachhaltig produzierter Nahrung aus. Das Ziel ist 50 Prozent Bio.

Kirchberg. „Wir reden über die Klimakrise, dabei sind wir mittendrin“, machte Charlotte von Bonin (Fridays for Future Stuttgart) zum Auftakt der zweiten Öko-Marketingtage der Akademie Schloss Kirchberg unmissverständlich klar, dass es ein Weiter so aus Sicht ihrer Generation nicht geben kann.

Dieser Einschätzung schloss sich Thomas Jorberg, Vorstand der GLS Bank, tags darauf an. Die Bewegung Fridays for Future fordere „keine enkeltaugliche Zukunft, sondern eine kindertaugliche“, das mache die Brisanz der Situation deutlich. Jorberg sprach für die Bewegung Entrepreneurs for Future, zu der mehr als 4000 Unternehmen gehören, über verantwortungsvolles Unternehmertum: „Jede wirtschaftliche Tätigkeit macht nur Sinn, wenn sie ganzheitlich dem Wohl aller Menschen gilt.“ Das jüngst in Berlin verabschiedete Klimapaket sei „weitestgehend wirkungslos“, „eine grobe Fahrlässigkeit“ und „eine verpasste Chance“. Er warnte eindringlich: Jeder Tag Verzögerung mache die Veränderung zerstörerischer.

Die Wissen um die Verantwortung ist da – und sie ist groß. Das Wort steht für die „Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass (innerhalb eines bestimmten Rahmens) alles einen möglichst guten Verlauf nimmt“ gleichermaßen wie für die „Verpflichtung, für etwas Geschehenes einzutreten“.

„Nachhaltigkeit“ degeneriert

Die Referenten machten deutlich: Das Bewusstsein für die Verantwortung der an der Wertschöpfungskette Beteiligten reicht in die Vergangenheit wie die Gegenwart gleichermaßen. Rund 220 Vertreterinnen und Vertreter aus der (Bio-) Landwirtschaft, dem Handel, der Produktion, der Wissenschaft und der Politik diskutierten über zwei Tage bei dem Öko-Branchentreff über zukunftsfähige Konzepte.

Zur Verantwortung des Handels nahm etwa Horst Lang von der Globus SB-Warenhaus Holding Stellung. Er stellte fest: „Der Begriff Nachhaltigkeit ist degeneriert.“ Er skizzierte das Leitbild des Unternehmens, das in der Verantwortung für Mensch, Natur und Umwelt liege. Jeder der Globus-Märkte biete regionale Produkte an, die rund um seinen Standort hergestellt werden. Lang forderte einen Paradigmenwechsel: „Weg von Marktanteil, hin zum Anteil am Leben.“

Ein höherer Lebensstandard, das sei auch Ziel einer Aktion der Alibaba Group, China, berichtete deren deutscher Vertreter Fabian Sinn.

Seit 2014 richtet das Unternehmen auf dem Land Servicestationen ein, um der dörflichen Bevölkerung Chinas mehr Perspektiven zu bieten. Das funktioniere auch andersherum – Waren aus dem Dörfern gelangen dank E-Commerce und die neuen logistischen Möglichkeiten in den Städten. Rund 30 000 Dörfer hat Alibaba bisher erschlossen, in den nächsten Jahren sollen es 150 000 werden – ein Sechstel aller chinesischen Dörfer.

Eine Podiumsdiskussion beschäftigte sich mit der Frage: „Verantwortungsbewusste Vermarktungswege – Show oder Substanz?“. Mit Julian Beer, Geschäftsführer Einkauf Lidl, hatte die Runde einen selbstkritischen Gesprächsteilnehmer aus dem Lebensmitteleinzelhandel (LEH) am Tisch. Der LEH habe nicht-nachhaltige Strukturen geschaffen, „jetzt versuchen wir zu korrigieren“. Das Unternehmen Lidl, das jüngst eine viel diskutierte Partnerschaft mit Bioland eingegangen ist, versuche mit seiner „Marktmacht Akzente zu setzen“.

Bioland-Präsident Jan Plagge griff in seinem Referat „Bioverbände in der Verantwortung“ dieses Thema auf. Verantwortlich im Sinne der eigenen Ideale? „Wir sind gut, aber davon sind wir noch weit entfernt“, konstatierte er: „Ich dachte immer, Argumente zählen, aber es zählt die Mehrheit.“ Daher gelte es, das „Feindbild“ nicht zu kultivieren, sondern zu „Veränderungspartnerschaften“ zu kommen.

Bund soll Weichen stellen

„Zielvorgaben zu setzen ist Aufgabe von Politik“, hielt Harald Ebner, Bundestagsabgeordneter vrt Bündnisgrünen, dagegen. Der Bund müsse die Weichen stellen, Öko-Landwirtschaft stärker zu fördern. Sie habe die Lösungen für die Biodiversitätskrise wie die Klimakrise.

Hier sei die Landesregierung auf einem guten Weg, versicherte Friedlinde Gurr-Hirsch (CDU), Staatssekretärin für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg. Sie habe zwei Runden Haushaltsberatung hinter sich, sagte die Politikerin und kündigte an: „Wir werden zusätzliches Landesgeld für Biodiversität, Beratung, Schulung und Stärkung der Wertschöpfungsketten bereitstellen.“ Und ganz konkret: „Wir haben jetzt 40 Prozent Außer-Haus-Verpflegung – das ist schon ein Hebel für Bio.“ ask/noa