Neckar-Odenwald

Zahlen zählen – oder?

Zahlen zählen in unserer Welt. Vieles wird an Zahlen gemessen. In etlichen Bereichen geht es um hohe Zahlen: Wirtschaftswachstum, der Erfolg von Projekten, die Wirksamkeit von Medikamenten. In anderen zählen die kleinen Werte: Im Sport, wenn es um Geschwindigkeit geht wie im Skisport. Da entscheiden sogar hundertstel Sekunden über Sieg oder Niederlage. Eine niedrige Zahl gilt es beim CO2-Fußabdruck zu erreichen oder bei Abgaswerten.

Die Zahlen der Corona-Pandemie halten uns seit Monaten in Atem: die der Corona-Infizierten und deren Anstieg oder ihr Zurückgehen, die Zahl der an oder mit Corona Gestorbenen, aber auch der inzwischen Genesenen. Gigantische Geldsummen füllen die Schlagzeilen, die auf-gewandt werden, um die wirtschaftlichen Schäden zu begrenzen.

Was zählt und was überzählig ist, zumindest für mich, das habe ich in den letzten Monaten durchbuchstabiert. Da galt es, das Pfarrhaus mit Speicher und Keller leer zu räumen. Etliches fiel mir dabei in die Hände, von dem ich einmal dachte, das könne sich auszahlen, weil es praktisch oder schön ist oder auch andere erfreut.

Wenn man wie wir in eine deutlich kleinere Wohnung zieht, dann heißt es, auch von schönen Dingen Abschied nehmen. So kam es – nach der Corona-Pause – zu einem Flohmarkt am Ende des Grundstücks. Manch einer zog mit seinem Gegenstand strahlend davon: „Das kann ich prima gebrauchen!“ oder: „Ist das schön!“

Zahlen spielten da keine Rolle mehr. Es zählte ein Lächeln, die Freude am „Schnäppchen“– die übrigens zu gar manchem dieser Gegenstände geführt hat.

Corona hat noch anderes, was zählt und erzählenswert ist, zu Tage gebracht: Liebe und Verbundenheit über allen Abstand hinweg – wer wollte sie messen? Verständnis und praktische Hilfen, Fantasie und Kreativität, andere zu erfreuen. Das, was unser Leben wirklich lebenswert macht, lässt sich nicht in Zahlen fassen.

Irgendwann habe ich entdeckt, dass Gott unser Starren auf Zahlen nicht mitmacht. Er rechnet anders als wir. Manchmal ergeben bei ihm zwei und zwei den Wert zehn. Es ist nicht viel, was wir einbringen können, und das Ergebnis erstaunt uns zutiefst. Ein anderes Mal spricht alles für den Erfolg schlechthin, und es läuft nichts zusammen. Dann sind 80 und 50 nicht 130, sondern nur 30. Es hängt nicht alles von Zahlen und unserem Einsatz ab.

Gott schenkt dem, was wir tun und lassen, das Gelingen. Darum können wir ihn bitten. Er schenkt auch Lichtblicke in schwierigen Zeiten wie strahlende Augen, wenn wir einander mit Liebe beschenken.

Irmtraud Fischer, Pfarrerin i. R.

Zum Thema