Neckar-Odenwald

Workshop der Freien Wähler des Neckar-Odenwald-Kreises Podiumsdiskussion über ehrenamtliches Engagement und Erfahrungen aus der Kommunalpolitik

Statt sich zu beschweren lieber anpacken

Neckar-Odenwald-Kreis.Noch vor den Veranstaltungsabsagen wegen des Coronavirus trafen sich die Freien Wähler des Neckar-Odenwald-Kreises zum diesjährigen Workshop in Osterburken im Römermuseum. Kreisvorsitzender Bruno Herberich begrüßte die Teilnehmer und dankte Erwin Knörzer-Ehrenfried und dem Ortsverein Osterburken für die Organisation und Tamara Zimmermann vom Römercafé für die Bewirtung.

Gesellschaftlicher Wandel

Interessant und kurzweilig gestaltete sich das Impulsreferat von Bürgermeister und Kreisrat Thomas Ludwig (Seckach). Mit dem Thema „Was bewegt die kommunale Familie aktuell und was sind die künftigen Herausforderungen?“ griff dieser schwere und zugleich wichtige sowie aktuelle Themen auf. Ludwig sprach deutlich von einem gesellschaftlichen Wandel, der viele – leider nicht nur schöne – Gesichter hat. Das Anspruchsdenken werde stetig größer und persönliche Egoismen lauter, ganz nach dem Motto „Mir ist kein Opfer zu viel, das mein Nachbar für mich bringt“.

Diese negativen Veränderungen kämen immer mehr auch in den Kommunen an und sowohl Kommunalpolitiker als auch Beschäftigte in den Rathäusern würden damit zusätzlich konfrontiert. Leider werde dabei auch vor einer Verletzung von Persönlichkeitsrechten nicht halt gemacht, auch in der öffentlichen Berichterstattung, wodurch das gesellschaftliche Klima und Leben leide. Zusätzlich kämen laufend neue beziehungsweise erweiterte Themenfelder als Aufgaben in den Rathäusern hinzu, welche noch vor Jahren unvorstellbar waren. Dem nicht genug, werden ständig neue Standards gesetzt und Vorschriften immer umfangreicher, so Ludwig in seiner Betrachtung. Mit zahlreichen Erfahrungen der Anwesenden wurde der Beitrag ergänzt und rege diskutiert.

Vertieft und erweitert aus dem gesamten kommunalpolitischen Spektrum wurde der Workshop dann mit einem offenen Podiumsgespräch, bei dem sich Landrat Dr. Achim Brötel, Bürgermeister Thomas Ludwig und Neugemeinderätin Jenny Damico aus Hardheim den Fragen stellten.

Spielräume werden kleiner

Auf die Frage, was sich im Laufe ihrer beruflichen Tätigkeit in der Kommunalpolitik verändert habe, veranschaulichte Landrat Brötel, dass die Spielräume des Handelns und der Umsetzung immer kleiner werden, die Erwartungshaltung der Bevölkerung jedoch steigt. „Auch der Tonfall wird rauer, das muss man gerade in der letzten Zeit leider häufiger feststellen“, so Brötel.

Dass sich kommunalpolitisches Engagement dennoch lohne und erforderlich sei, bekräftigte Thomas Ludwig. Nur so habe man es in der Hand, Gemeinden und Wohnumfelder im Rahmen des Möglichen zu gestalten. „Wenn wir nichts tun, werden wir gestaltet“, ergänzte der Landrat.

Jenny Damico aus Gerichtstetten, die seit den jüngsten Kommunalwahlen Gemeinderätin in Hardheim ist, erklärte ihre Motivation für ihr ehrenamtliches Mitwirken am politischen Leben in der Gemeinde. Händeringend wurden dort Kandidaten gesucht. „Jeder beschwert sich, aber kein tut etwas dafür“, erklärte sie. Auch in den Vereinen sei es heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr, dass Menschen Verantwortung übernehmen. Ihre Kandidatur war ihre Art Danke zu sagen und Verantwortung zu übernehmen. Es sei ihr schon immer wichtig gewesen, sich zu engagieren. Nun ist sie mit Herzblut dabei und sagt: „Es ist toll, mitgestalten zu können“.

Dass bei dieser Tätigkeit auch die Öffentlichkeitsarbeit über soziale Medien eine Rolle spiele, stellte sie auf Nachfrage fest. Wichtiger sei jedoch der direkte Kontakt zur Bevölkerung. Das Verständnis sei größer, wenn in einer Diskussion persönlich die jeweiligen Sichtweisen erläutert werden. Unmut könne so oftmals direkt im Kern erstickt werden. Auch Achim Brötel vertrat diese Auffassung, zumal die Hemmschwelle in sozialen Medien deutlich niedriger sei als bei einem persönlichen Gespräch. Bei Entgleisungen, die mittlerweile leider zunehmen würden, sei allerdings auch eine klare Haltung angebracht, so der Landrat. Thomas Ludwig ergänzte außerdem, dass er in direkten Gesprächen, unter anderem bei Besuchen von Jubilaren oder Jahreshauptversammlungen, mehr über die Belange der Bevölkerung erfahre, als je über soziale Medien möglich sei.

Verändert sich die Gesellschaft?

„Die Mehrheit der Bevölkerung lebt und handelt nach dem christlichen Menschenbild. Lediglich eine Minderheit kennt keine Grenzen und stellt Forderungen zunehmend lauter und aggressiver“, so die Meinung von Thomas Ludwig. Jenny Damico betonte, dass dies abschreckend sei, und appellierte zu mehr Toleranz und Verständnis.

Ob bei dem erreichten Wohlstand ein gesellschaftliches Um- oder Neudenken erforderlich sei, wollte Moderator Bruno Herberich von den Podiumsgästen noch wissen.

Brötel meinte, dass trotz zahlreicher Probleme auch das Positive in den Vordergrund gerückt werden dürfe. „Wir können stolz sein auf das, was wir in den vergangenen Jahren erarbeitet haben.“ Damico fügte hinzu, dass die Gemeinden einfach nicht für alles zuständig sein könnten. Da sei durchaus mehr persönliche Verantwortung gefragt. Thomas Ludwig forderte mehr gesellschaftliche Anerkennung für das, was in ehrenamtlichem Engagement geleistet werde. Und schließlich sei auch die Wertschätzung größer, wenn selbst Hand angelegt wurde.

Ganz konkret drehten sich weitere Fragen um das „Problemkind Bahn“ sowie den Busverkehr, den Ausbau des Glasfasernetzes, den Wald sowie den Ausbau erneuerbarer Energien. Diese Fragen und das insgesamt interessante Podiumsgespräch zeigten die Vielfalt des kommunalen Spektrums und auch den Reiz und die Herausforderung sich zu engagieren, so das allgemeine Resümee.

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