Neckar-Odenwald

Geschichte erleben Literaturmuseum wurde in Oberschefflenz eröffnet / Raum für Lesungen und Workshops ist gegeben

Museum erinnert an Augusta Bender

Archivartikel

Das neu eröffnete Literaturmuseum in Oberschefflenz beeindruckt mit Professionalität. Es gibt für Besucher viel zu entdecken.

Oberschefflenz. Man könnte es glatt übersehen. Doch das wäre tragisch. Das neue Literatur-Museum Augusta Bender ist ein Juwel in der Museumslandschaft nördlich des Neckars und sucht seinesgleichen.

Allein die Widmung für eine Frau ist ungewöhnlich. „Nur vier der insgesamt 100 Häuser zwischen Bad Mergentheim und dem Bodensee, die im Portal Literaturland Baden-Württemberg gelistet sind, erinnern an Frauen, die sich als Schriftstellerinnen einen Namen gemacht haben“, erläutert Dorothee Roos, die Schriftführerin des Trägervereins des Literaturmuseums Augusta Bender in ihrer Einführung. Und darüber hinaus sei es die erste Einrichtung dieser Art zwischen Möckmühl und Heidelberg.

An Schriftstellerin erinnern

Was muss in einer jungen Frau vorgehen, die mit gerade 16 ihre Heimat verlässt? In diesem Museum wird an sie erinnert. Anhand verschiedener Stationen wird das Leben von Augusta Bender (1846 bis 1924) gewürdigt und dabei ihr umfangreiches Werk wiederentdeckt.

Ein Intro-Film lässt Menschen von heute über die Schriftstellerin und Heimatdichterin, die 1846 als sechstes Kind eines Oberschefflenzer Bauernehepaars zur Welt kam, zu Wort kommen. „Zwei moderne Räume in sechs Farben spiegeln die verschiedenen Phasen ihres Lebens wieder“, so Roos. Drei Ebenen öffnen dabei den Blick. An den Wänden finden sich ein Zeitstrahl und Bilder sowie Karten, Briefe und Stiche in Vitrinen.

Schubläden dienen der Erweiterung und Vertiefung. Sieben fahrende Kästen thematisieren die Schwerpunkte ihrer Arbeit und regen zur Diskussion und Eigenarbeit an. Die Professionalität der Ausstellung und ihrer Konzeption steht großen Museen in nichts nach.

Benders zeitloses Themenspektrum, darunter Globalisierung und Frauenfragen, bietet viele Anknüpfungspunkte für heutige Veranstaltungen und einen regen Austausch. Der Hauptraum ist daher unter anderem für Lesungen oder Workshops gedacht. Er dient als Plattform für die Beschäftigung mit moderner Literatur und regt zur Diskussion über aktuelle Themen aus Kultur und Gesellschaft an.

„Benders Sicht soll Zugang und Inspiration bieten, das Museum ein Treffpunkt für Menschen aus Benders Heimat, der Region und dem weiteren Umkreis sein“, so Dr. Georg Fischer, Ideengeber und Mitkonzipient der Ausstellung. Das didaktische Konzept weist dabei Schülern eine zentrale Rolle zu. „Neben der Informationssammlung stehen Konzepte zur Eigenarbeit bereit“, so Fischer, zugleich Kassier des Trägervereins.

Für Bender war Bildung elementar. Bewusst setzte sie sich vom damals geltenden Frauenbild als Hausfrau, Mutter und Ehefrau ab. „Heimchen am Herd“ zu sein – nein, das kam für die selbstbewusste Frau, die es bis zur Dozentin in den USA brachte, nie in Frage. Das Schreiben war für sie Transformation ihrer Gedanken und ihrer Lebenswelt.

Bender, die nie heiratete und kinderlos blieb, musste zeitlebens um Bildung kämpfen. 1864 machte sie ihren höheren Schulabschluss und arbeitete von 1865 bis 1867 als eine der ersten Frauen beim Telegraphenamt Karlsruhe. Es folgte eine Ausbildung und verschiedene Engagements als Privatlehrerin und Gouvernante in einer US-Diplomatenfamilie, die sie mit der neuen Welt in Kontakt brachte. Das veränderte ihr Leben.

Viele Besuche in Amerika

Mit 26 Jahre wurde sie zur Wanderin zwischen zwei Welten. Viele Male überquerte sie ab 1871 „den großen Teich“. In den Vereinigten Staaten wurde sie Privatlehrerin, Kulturvermittlern und engagierte sich in der Frauenbewegung.

Erst 1897 kehrte sie als Schriftstellerin endgültig nach Baden zurück. Sie verfasste ab 1855 Gedichte, Novellen und Romane und daneben eine Volksliedersammlung. Dazu kamen autobiographische Schriften, journalistische Arbeiten und ein soziokulturelles Porträt von Oberschefflenz.

Bender, die 1924 verarmt in Mosbach starb, ist durch dieses Museum in gewisser Weise nach Oberschefflenz heimgekehrt.

Weiteres Angebot

Dank des Engagements von Dr. Georg Fischer, den weiteren Mitgliedern des Literaturmuseums Augusta Bender, der Gemeinde und dem Land steht den Schefflenzern und ihrer Umgebung nun ein weiteres Angebot zur Verfügung. Ein langer Weg ist damit erfolgreich an seinem Ende.

Der Trägerverein des Museums wurde im Mai 2017 gegründet und hat bisher rund 70 Mitglieder. Der Bau und die Gestaltung des Museums, der Räume und der Themen dauerten drei Jahre. Der Bürgermeister von Schefflenz, Rainer Houck, und der Gemeinderat zeigten sich über die neue Ausstellung erfreut. Ursprünglich wollte Fischer, der das Werk von Augusta Bender 1988 bei seinem Umzug nach Schefflenz entdeckt hatte, alle ihre Werke „nur“ auf CD bringen. Daraus wurde die Idee eines Museums.

Dieses Portal wird vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst gefördert. In diesem Zusammenhang unterstützt die Arbeitsstelle für literarische Archive, Museen und Gedenkstätten in Baden-Württemberg im Deutschen Literaturarchiv Marbach Projekte im Bereich Literatur im Land. Bislang flossen durch das Land und die Gemeinde Schefflenz rund 31 000 Euro an Förderung.

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