Neckar-Odenwald

An der Seite von Kriminalitätsopfern Wechsel in der Leitung des „Weißen Rings“ im Neckar-Odenwald-Kreis

Ein neues Gesicht für die Opferhilfe

Archivartikel

Neckar-Odenwald-Kreis.„Es ist 23 Uhr, Dezember, das Handy klingelt, eine weinerliche Frauenstimme: Mein Mann hat mich verprügelt und mich und die Kinder rausgeworfen.“ Was Hugo Brenner da aus seiner ehrenamtlichen Arbeit der vergangenen 15 Jahre schildert, ist Alltag für die Menschen, die sich im „Weißen Ring“ engagieren, jener Organisation für Opferhilfe, deren Außenstelle im Neckar-Odenwald-Kreis Brenner seit Anfang 2009 geleitet hat. Und nun den Stab übergibt an Manfred Beuchert. Des einen Abschied und des anderen Einstieg hatte man eigentlich feierlich und mit Musik im Frühjahr begehen wollen. Im kleineren Rahmen und Corona-gemäß geschah dies nun im Landratsamt in Mosbach.

Hausherr, Landrat Dr. Achim Brötel, brachte seine Anerkennung für das Wirken des Opferhilfe-Vereins im Allgemeinen wie im Besonderen zum Ausdruck, stellte es in den Zusammenhang einer aktiven Sicherheitspartnerschaft aus kommunaler Kriminalprävention, Zivilcourage sowie eben Schutz und Hilfe für Opfer, wenn es trotzdem passiert: „Es kann jeden von uns treffen.“ In 40 bis 60 neuen Fällen pro Jahr leistete der Weiße Ring im Neckar-Odenwald-Kreis (NOK) Soforthilfe. In Form von menschlichem Beistand, persönlicher Betreuung, Begleitung zur Polizei oder in Gerichtsverfahren, er vermittelt juristischen oder psychologischen Beistand, kämpft für Entschädigungsansprüche oder unterstützt auch finanziell. „In Ihrer Zeit“, wandte sich der Landrat an Brenner, „wurden stolze 67 500 Euro für Soforthilfen ausgegeben.“

Auf Landesebene wird der Weiße Ring kommissarisch von Hartmut Grasmück geleitet. Mit Hugo Brenner verabschiedete der ehemalige Heilbronner Polizeipräsident einen ehemaligen Kollegen aus diesem Ehrenamt. „Die Außenstelle des Weißen Ring im NOK, eine von 39 in Baden-Württemberg, kann als Musterbeispiel genannt werden, und Hugo Brenner muss für sein herausragendes Engagement und seine vorbildliche Arbeit in der Opferhilfe Respekt und Dankbarkeit geschuldet werden.“

Engagiert habe er sich zudem in regionalen Arbeitskreisen gegen häusliche Gewalt und sexuellen Missbrauch. Grasmück verwies zudem auf eine Initiative des Weißen Ring, der mit einer „No-stalk-App“ ein weiteres Instrument hervorbringt, um Menschen dabei zu unterstützen, selbstbestimmt und aktiv gegen Stalking vorzugehen.

Thema wird groß geschrieben

„Das Thema Opferschutz wird beim Polizeipräsidium großgeschrieben“, stellte Hans Becker als dessen Präsident in Heilbronn fest. Im Präsidium gibt es einen eigenen Opferschutzkoordinator. Mit diesem und vier Außenstellenleitern treffe er sich regelmäßig zum Austausch. Sei Hugo Brenner als ehemaliger Chefermittler in Kapitaldelikten prädestiniert gewesen für das Amt bei Weißen Ring, so sei Manfred Beuchert die ideale personelle Nachbesetzung, denn er verfüge über einen riesigen Erfahrungsschatz als Polizeibeamter.

Für Außenstellenleiter a.D. Hugo Brenner hat „alles seine Zeit“. Dass er in seiner 15 Jahre währenden Zeit in der Opferarbeit 640 Fälle mit seinem Team bearbeitet habe, darüber staunte Brenner selbst. „Hinter jedem Fall aber steht ein ganz persönliches Schicksal“, sagte der 75-Jährige und fügte mit einem Schmunzeln hinzu, dass die Soforthilfe des Weißen Ring zuweilen auch missverstanden werde. „Es gibt Leute, die sich mit Problemen ihrer Steuererklärung bei uns melden; etwa ein Drittel der Anrufe sind solche ‚Leerläufe’.“

An der Notwendigkeit der Hilfen, auch solcher finanzieller Art, aber ließ Brenner keinen Zweifel. Er zeigte sich daher froh und dankbar, in Manfred Beuchert einen geeigneten Nachfolger gefunden zu haben, der sich stark für die Nöte der Opfer interessiere und alle persönlichen Voraussetzungen mitbringe.

Auch Beuchert ist Polizeibeamter, aktiv im Dienst, im Kreis- und Gemeinderat. Das sichere eine weiterhin enge Verzahnung der Opferhilfe mit den staatlichen Sicherheitskräften und den politischen Gremien sieht Landrat Brötel darin eine große Chance. „Helfen“ stehe für ihn schon immer im Mittelpunkt seines Lebens, zeigte Manfred Beuchert Freude über das Angebot (Brenners), diese Ehrenamt zu übernehmen.

Seinen Weg in die Nachfolge habe er „Kommissar Zufall“ zu verdanken, einem Small Talk mit Hugo Brenner in der Mosbacher Fußgängerzone. Die Vorfreude auf das Amt stieg noch durch die Grund- und Weiterbildungslehrgänge, die Beuchert bereits absolviert hat, durch die Aussicht, mit einem erfahrenen Team vor Ort sowie dem zuständigen Landesbüro des Weißen Ring in Stuttgart und der Bundesgeschäftsstelle in Mainz dieses Ehrenamt auszuüben. Der neue Außenstellenleiter bezeichnete diese Aufgabe als „spannend und hochkomplex“.

Derart motiviert könnte gelingen, was Achim Brötel über eine mögliche Amtszeit Beucherts frohlockte. Mit Blick auf zweimal 15 Jahre Außenstellenleitung durch Hugo Brenner und dessen Vorgänger Rüdiger Werner meinte der Landrat: „Ich finde es ausgesprochen beruhigend, dass wir uns frühestens im Jahr 2035 wieder nach einer Nachfolge umschauen müssen.“ (ubr)

Zum Thema