Neckar-Odenwald

Die Kunst, warten zu können

Am Sonntag beginnt die Adventszeit. Pünktlich zum 1. Dezember dürfen die Kinder – aber auch wir Erwachsenen – das erste Türchen am Adventskalender öffnen. Wir zünden am Adventskranz die erste Kerze an und holen am Mittwoch zum Barbaratag Zweige von den Bäumen ins Haus, damit sie an Weihnachten blühen. Wir alle kennen Bräuche, die durch den Advent führen und auf Weihnachten deuten. Mit jeder Kerze, die wir an den kommenden Sonntagen am Adventskranz anzünden, wird es heller. Und je mehr Türchen offen stehen, umso näher sind wir dem Weihnachtsfest. Unsere Adventsbräuche wollen uns das Warten verschönern.

Parallel dazu erleben wir aber auch eine andere Realität: Bereits im Oktober werden die ersten Sterne aufgehängt, im November schmecken die Plätzchen am besten und schon vor dem 1. Advent sind viele Gärten mit Lichterketten hell erleuchtet. Irgendetwas scheint uns anzutreiben. Genießen wir länger, wenn wir früher beginnen? Oder vergeht die Zeit so schnell, dass wir mehr Zeit für das Erleben brauchen? Oder wollen wir das Fest nicht erwarten?

Wir haben den Luxus, frei und unabhängig zu sein. Das gibt uns unbegrenzte Möglichkeiten und diese weitgehend losgelöst von der Zeit. Das Wunschauto lässt sich unkompliziert finanzieren und selbst mein Kind kann ich heute per Kaiserschnitt zum Wunschtermin bekommen. Dabei geht uns aber etwas sehr Wichtiges verloren: das Warten. Im Warten steckt nicht nur Geduld und Reife, sondern auch viel Freude: die Vorfreude und die Erwartung. Die Vorfreude schenkt uns Kraft und Hoffnung. Immer wieder erleben wir die Vorfreude als etwas Wunderbares. Denken Sie zum Beispiel an Ihre Urlaubsplanung: Ist es nicht wunderbar, sich Gedanken über den nächsten Urlaub zu machen, und steigt nicht die Vorfreude auf den Urlaub, umso näher er rückt? Genau so freue ich mich über die Adventszeit, weil sie mich auf Weihnachten einstimmt.

Neben dem ganzen Weihnachtstrubel, der in den nächsten Wochen zu erleben ist, wünsche ich Ihnen auch eine bewusste Zeit des Advents und des Wartens. Genießen Sie die Vorfreude auf die Feiertage und den Jahreswechsel. Freuen Sie sich auf die Zeit zwischen den Jahren, wie auch immer Sie diese Zeit gestalten werden. Das Warten lohnt sich – die Vorfreude ist eine sehr schöne Freude.

Christian Richter, Dekanatsreferent Mosbach-Buchen

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