Neckar-Odenwald

Heimatkalender „Unser Land 2021“ Vom „rechten Glauben“ bis zur „Casino-Gesellschaft“ / Manches Gegenwarts-Phänomen ist älter als es scheint

Brücken gebaut zwischen Gestern und Morgen

Archivartikel

Mosbach.Im kleinen Kreis fand die Präsentation des aktuellen Heimatkalenders „Unser Land 2021“ im Mosbacher Landratsamt statt (die FN berichteten). Mitgewirkt haben unter der Ägide des umtriebigen Herausgeber-Trios um Gerhard Layer wieder 74 Autorinnen und Autoren. Mit dabei sind Künstler des Wortes und der Zeichenstifte, Forscher und Dichter, Premierengäste und Stamm-Autoren.

Die Mischung macht’s

Gerade in Zeiten mit fast täglich wechselnden Pandemie-Gegenmaßnahmen bietet das leuchtend rot hinterlegte Werk eine gute Konstante. Da bekannterweise seit Heraklit nichts so beständig ist wie der Wandel, entdecken treue Fans unter den Lesern dieses Jahr gleich zwei Neuheiten. Insgesamt aber – so viel Beständigkeit muss sein – ist es wieder die bewährte Mischung, die das besondere „Unser-Land-Gefühl“ ausmacht.

Mehr noch, es gelingt vielfach, Brücken aus der Vergangenheit in die Gegenwart respektive Zukunft zu schlagen. Bei der Lektüre wird schnell klar, dass manches aktuelle Phänomen – von der Pandemie bis zur Nachhaltigkeit – gar nicht so neu ist, wie es in der täglichen Hektik scheinen mag.

Da der „Vogel des Jahres 2021“ aus Anlass des 50. Jubiläums der Aktion des Naturschutzbundes Deutschland erstmals in Form einer öffentlichen Urwahl entschieden wird, musste Mitherausgeber Dr. Karl Wilhelm Beichert nach einer Alternative für den Kalenderstart suchen. Deshalb bietet er einen Überblick über die Jahresvögel von 1971 bis 1997.

Zwischen Historie und Naturgeschichte pendelt Nancy Neidig, die in der Edelkastanie rund um Heidelberg ein Relikt der alten Römer sieht. Dass man über einen Mistkäfer sogar ein lesenswertes Gedicht schreiben kann, beweist Bernhard Theis.

Werner Kramer legt dar, dass es sich bei dem „Modebegriff“ der Nachhaltigkeit um eine Option handelt, die die Forstwirtschaft bereits seit dem 18. Jahrhundert kennt. Optisch überzeugend ist Alfred Seitz’ Waldgebet „Vor einem Lärchenbaum“ aufs Blatt gebracht.

Apropos rechter Glauben. Auch zu kirchen- und religionsgeschichtlichen Themen gibt es in „Unser Land“ einiges zu entdecken. Kirchenbauten in Neckargemünd und Hirschhorn werden beschrieben, aber auch Flurkapellen im Buchener Stadtteil Hettingen. Hier schlägt ein Förderverein ebenso die Brücke in die Zukunft wie in Neidenstein, wo sich engagierte Bürger für die ehemalige Synagoge einsetzen.

Aktuell ist auch der Beitrag über den Buchener Theologen Konrad Koch, genannt Wimpina. Der Gegenspieler Luthers ist zudem Gründungsrektor der Universität Frankfurt an der Oder. Aus Anlass des 560. Todestags errichteten die Buchener dieses Jahr auf dem Brunnen vor dem Rathaus eine Wimpina-Figur.

„Mein Walldürn in den Fünfzigern“

„Traum oder Albtraum“ ist der Text von Eberhard Ackermann überschrieben, der sich nachdenklich mit der Walldürner Innenstadt in den 50er Jahren und heute auseinandersetzt.

Ludwig Strauß informiert über die Soldatenwallfahrt nach Walldürn, die von 1976 bis 1999 bestand.

Namen sind nicht nur Nachrichten. Auch als Zeitzeugen berichten sie und haben in „Unser Land“ diverse Auftritte. So war der Winterhauch das Revier des pfiffigen Wilderers Jörgmichel.

Nach Mannheim geht es mit dem „Blumepeter“, der ebenfalls nur selten um eine Antwort verlegen war. Mit Marianne Weber lernen wir die erste Rednerin des demokratischen badischen Parlaments von 1919 kennen, mit Karl Christ einen Privatgelehrten und Ziegelhäuser Heimatforscher.

Hiltrud Rückerts Aufsatz „Aus Ton und Feuer“ thematisiert regionale Irdenware und das Hafnergewerbe. Als Ziegelhütte begann die Geschichte eines Gehöfts unweit von Lohrbach. Der Tannenhof mutierte später zum christlichen Erholungsheim und Dank Else und Alfred Ernst zu einer beeindruckenden Sammlung ländlichen Kulturguts, das derzeit saniert, gesichert und neu aufgestellt werden soll. Hans Slama informiert über den Mudauer Odenwald von der Römerzeit bis zur Ersterwähnung 1271.

Gerlinde Trunk beleuchtet das Areal, auf dem die neue Buchener Stadthalle steht, aus historischer Sicht.

Freud’ und Leid nah beieinander

Dass Freud und Leid mitunter nahe beieinander liegen, zeigt sich auch im Heimatkalender.

Mitherausgeber Karl Heinz Neser forschte über die „gutbürgerliche“ Casino-Gesellschaft von Aglasterhausen, während Michael Böhm an Tanzkapellen nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert. Dass Seuchen und ihre Bekämpfung die Menschen nicht erst seit Corona beschäftigen, zeigt Manfred Kilian für Seckach auf. 1937/38 konnten Sperrmaßnahmen zum glimpflichen Verlauf der Maul- und Klauenseuche führen.

Über den Zusammenhang zwischen mangelnder Hygiene und ansteckenden Krankheiten fand Kreisarchivar Alexander Rantasa in einer alten Akte des Mosbacher Gesundheitsamts Wissenswertes.

Zum Thema