Neckar-Odenwald

Anliegen ernst nehmen

Archivartikel

Wenn meine Oma mit ihren damals 96 Jahren vom Rentnerstammtisch nach Hause kam, lohnte es sich zuzuhören. Vor allem wenn man über das bedeutende Dorfgeschehen informiert sein wollte. Zuerst schimpfte sie, wie jung dort alle seien, dann gab es einen Überblick über aktuelle Todesfälle und Scheidungen. Und manchmal erfuhr ich auch etwas über mich selbst.

Zum Beispiel, dass die alten Herren, die sich sonntags auf dem Sportplatz mühsam auf die Bande stützten, mich eine „linke Sau“ genannt hatten, weil ich aufgrund der für mich inakzeptablen Vereinspolitik streikte, weiterhin als Spieler Woche für Woche meine Knochen hinzuhalten.

Meine Vermutung, dass sich diese Tradition der Stammtische der derben und feigen Sprüche mit der Zeit ebenso schnell in Luft auflöst, wie sich die Reihen der grauen Scharen auf dem Sportplatz Jahr für Jahr lichten, hat sich nicht bestätigt.

Auch viele junge Menschen scheinen Gefallen daran zu finden über andere herzuziehen. Einer dieser modernen Stammtische nennt sich Lehrerbewertungsportale, wie ich vor kurzem im Radio auf dem Weg zur Arbeit gehört habe. Eine Möglichkeit im Internet Lehrerinnen und Lehrern in Fächern wie „Fachliche Kompetenz“ oder „Beliebtheit“ Schulnoten zu geben. Moderne Stammtische also. Anonym. Öffentlich. Und weit über alle Sportplatz- und Dorfgrenzen hinweg sichtbar, zugänglich und zum Missbrauch einladend.

Als Jugendreferent ist es mir ein großes Anliegen, die Stimmen und Anliegen junger Menschen zu hören und ernst zu nehmen. Ebenso glaube ich, dass eine ehrliche Rückmeldung unserer Jugendlichen, sowohl Lehrkräften als auch uns im Jugendbüro guttut und uns die Chance gibt, unsere Arbeit weiterzuentwickeln. Gerade deswegen muss es unser Auftrag sein, Möglichkeiten zu schaffen, wie junge Menschen ihre Meinung einbringen können, ihnen den Mut zu geben, zu dieser Meinung zu stehen und ihnen die Fähigkeiten zu vermitteln, dies konstruktiv und persönlich zu tun.

Meine Oma hat dieses Internet und anderes „neumodisches Gelump“ nie mehr verstanden und interessiert. Cybermobbing war wohl eines der wenigen Wörter, die sie beim Kreuzworträtsel nicht eintragen konnte. Aber wenn ich ihr erzählt hätte, wie viele Menschen heute unter dieser neuen Dimension der Stammtische leiden, das hätte sie schockiert.

Michael Miltenberger, Leitung und Jugendreferent mit Schwerpunkt für Werkreal- und Gemeinschaftsschule im Jugendpastoralen Team Odenwald-Tauber

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