Mudau

Hinweis an der Kreuzung Heimatverein erinnert an einen Mord vor 200 Jahren und seine Folgen

Die Erinnerung wachhalten

Archivartikel

Schloßau.In seiner Verpflichtung, historische Begebenheiten zu bewahren, bemüht sich der Heimat- und Verkehrsverein seit dem vergangenen Jahr, einen Hinweis an der Stelle anzubringen, an der vor 200 Jahren Johann Stephan Seitz von Wilderern erschossen wurde. Inzwischen wurde auch vom Grundstückseigentümer, dem Haus Leiningen, die Einwilligung erteilt.

Die heute wieder stark frequentierte Kreuzung am Passübergang zwischen Neckar und Main an der Straße von Kirchzell nach Eberbach und von Schloßau nach Hesselbach war schon in der Römerzeit wichtig. Die Römer sicherten den Pass mit einem Kleinkastell. Im Mittelalter war an der Fernstraße nach Frankfurt eine Zollstelle und da keine Möglichkeit bestand, diese Stelle zu umgehen, nannte man sie „Zwing“, man wurde quasi gezwungen.

Ein Bildstock stand hier, um den sich folgende Sagen ranken: Am Abzweig an dem alten Weg von Schloßau nach Schöllenbach, kurz nach der Seitzenbuche, verlässt dieser die Straße nach Hesselbach. Er wurde auch „Mainzer Steige“ oder Schöllenbacher Steige“ genannt. Auch Pilger nach Walldürn haben diesen Weg benutzt. Der Sage nach wurde hier einem Schöllenbacher auf dem Heimweg übel. Die anderen holten Hilfe im Dorf. Als sie wieder zurückkamen fanden sie den Zurückgelassenen tot mit dem Kopf im „Sand“ steckend. Eine andere Sage dazu berichtet von einem Bäcker aus Schöllenbach, der vor einem Gewitter in einem hohlen Baum Schutz gesucht haben soll und in ihm stecken blieb. Er gelobte im Falle seiner Rettung, die auch gelang, einen Bildstock zu errichten. An dieser Stelle wurde tatsächlich ein Bildstock im Jahre 1772 mit zwei Halbkugeln in Form von zwei Brötchen errichtet, welche heute als ein Standeszeichen eines Bäckers gedeutet wird. Der Bildstock wurde dann ins Museum in Amorbach gebracht.

Die ehemalige Bedeutung dieser Strecke dokumentiert auch ein Steinkreuz in Schöllenbach mit Hammer und Zange als Insignien. Der Sage nach sollen sich hier zwei Hammerschmiede zu „Tode gekitzelt“ haben.

Als das Fürstenhaus Leiningen ab 1803 durch Napoleons Diktat hier in den Besitz großer Wälder kam, legte es ab 1807 einen sogenannten „Thiergarten“, also Wildpark an. Durch diesen führten auch öffentliche Wege oder Straßen. Auf diesen herrschte aber noch wenig Verkehr. An den Ein- beziehungsweise Ausgangsstellen zum Park wurden „Zaunknechtshäuser“, auch Jägerhäuser, genannt, erbaut.

Wilderei im Park

In diesen wohnten die Forstgehilfen, die die Tore geschlossen halten und das Wild füttern mussten. Sie liefen auch den Zaun ab, um Beschädigungen festzustellen. Die zur Einfriedigung verwendeten Eichenpfähle waren ein beliebtes Frevelobjekt, genauso wie die Wilderei im Park. Auch die Hölzerlipsbande, die hier zeitweise umherstreifte, hielt sich darin auf. Die Parktore gaben schließlich den Gebäuden den Namen „Torhaus“ und sie erinnern heute noch an deren Standorte, wie „Schloßauer, Kailbacher, Frankfurter Tor undsoweiter. Das Schloßauer Tor stand ehemals etwa zwischen dem heutigen Waldeingang und der „Seitzenbuche“ links der Straße.

Am 1. Juli 1819 nahm hier Johann Stephan Seitz, der beim leiningenschen Militär und erfolgreich als Jägerbursche gedient hatte, seinen Dienst auf. Schon am 23. Oktober des gleichen Jahres wurde er nicht weit von seinem Haus entfernt tot aufgefunden. Seine Leiche fand man unter einer Buche etwa 70 Meter von der Kreuzung entfernt, rechts der Straße Richtung Hesselbach. Er war erschossen worden. Die Tat wurde beobachtet und der Zeuge sagte aus, dass zwei Wilderer mit geschwärzten Gesichtern ein Stück Wild davontrugen, während ein Dritter Seitz niederschoss. Die Mörder konnten aber nicht identifiziert werden. Es gab mehrere Verdächtigte, darunter auch die in der Nähe lebenden und als Wilderer bekannten Wassermüller. Seitz hinterließ seine Verlobte, mit der er zwei Kinder hatte. Die Tragik dabei ist zudem, dass die aus Beerfelden stammende Frau schon zu ihm gezogen war. In zwei Tagen sollte die Hochzeit stattfinden und sie hatte deshalb schon ihr Heimatrecht in Hessen aufgegeben. Die Gesetze waren damals hart und sie wurde aus Baden ausgewiesen und in Hessen war sie nicht mehr willkommen. Schließlich durfte sie doch in Beerfelden bleiben.

Der heutige Name „Seitzenbuche“ taucht in den 1840er Jahren auf und hält damit die Erinnerung an diesen Mord wach, ebenso ein Gedicht. Übrigens sollen in der Buche, die man in den 1950er Jahren aus Sicherheitsgründen entfernen musste, Kugeln und Bleibatzen gefunden worden sein. Mehrere Sagen, die den Mordfall als Grundlage haben, wurden wohl aus Missgunst dem Fürstenhaus gegenüber umgemünzt. So habe der Fürst scharf darüber gewacht, dass im Park nicht gewildert wurde. Seitz war der Sage nach in der Umgebung als gnadenloser Aufpasser gefürchtet. Schon elf Wilderer hatte er erschossen und dem zwölften war er auf der Spur. Er wollte ihn in besagter Nacht zur Strecke bringen, erschoss sich jedoch selbst.

Eine weitere Sage kreist um den Jäger Fischer, den Nachfolger von Seitz, der die Wilderer unterstützt und mit ihnen dunkle Geschäfte gemacht haben soll. Der Sage nach erschoss Fischer den Fürsten, als er dessen Wachsamkeit überprüfen wollte. Fischer schnitt ihm, da er ihn nicht erkannte, als Beweis die Zunge heraus. Tatsächlich erfror sich Fischer 1820 beide Beine auf dem Heimweg von Buchen nach Eberbach.