Mosbach

Duale Hochschule Abschaffung der „Konkurrenzklausel“ könnte den Standort Mosbach mit Bad Mergentheim viele Studenten kosten

„Es würde zu Verlagerungen kommen“

Archivartikel

Die einstige DHBW-Tochter in Heilbronn ist groß geworden, hat sich verselbstständigt und möchte nun dieselben Fächer anbieten wie die „Mutter“, die DHBW Mosbach. Für die ist das ein Problem.

Mosbach. Eine „Konkurrenzklausel“ verbietet es bislang, dass die Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) am Standort Heilbronn dieselben Studienfächer anbietet wie die DHBW in Mosbach. Der Hintergrund: Bei der Gründung der Heilbronner Hochschule, die ja 2010 als Außenstelle der DHBW Mosbach begonnen hatte, wollte man verhindern, dass sich die beiden Standorte Konkurrenz machen.

Schließlich hatten die Gründerväter der Mosbacher Studienakademie das Haus bewusst in den ländlichen Raum gelegt, um diesen zu stärken und um von dort aus die Betriebe im nordbadischen ländlichen Raum, aber auch die Firmen der Region Heilbronn-Franken mit Hohenlohe zu versorgen.

Den ländlichen Raum stärken

Gäbe es bestimmte oder gar alle Studienfächer künftig im kaum 30 Kilometer entfernten Heilbronn, würde wahrscheinlich mancher Student aus dem Ballungsraum Stuttgart/Heilbronn eher in der Käthchenstadt studieren wollen als in Mosbach. Vor allem aber sind es die Kooperationspartner, also die Ausbildungsbetriebe aus dem Raum Mittlerer Neckar, Heilbronn und Hohenlohe, deren Verlust die Mosbacher jetzt befürchten.

Denn anders als bei staatlichen Universitäten funktioniert das Studium an der Dualen Hochschule nur dann, wenn Firmen als Partner die Studenten unter Vertrag nehmen, in ihren Häusern in der Praxis ausbilden und für den theoretischen Teil an die DHBW schicken. Lässt eine Firma an einem anderen Hochschulstandort ausbilden, fehlen den Mosbachern Studenten. Studiengänge können nicht ausgelastet und im Endeffekt vielleicht gar nicht mehr angeboten werden. Die genannte Konkurrenzklausel in der Errichtungsverordnung der DHBW Heilbronn soll genau das verhindern. Doch jetzt, fünf Jahre nach der Gründung der eigenständigen DHBW Heilbronn, wollen die dortigen Verantwortlichen eine Aufhebung dieser Klausel. Der Aufsichtsrat der Gesamt-DHBW unterstützt das und hat die Landesregierung gebeten, die Verordnung zu überarbeiten. Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) scheint dem aufgeschlossen gegenüber zu stehen.

Das hat die Politiker aus der Region von Mosbachs Oberbürgermeister Michael Jann über Landrat Dr. Achim Brötel – von jeher ein Mahner in Sachen DHBW Heilbronn – über Minister Peter Hauk und Georg Nelius (MdL) bis hin zum grünen Betreuungsabgeordneten Manfred Kern (MdL) auf den Plan gerufen: Sie alle betonen, dass der Standort Mosbach nicht geschwächt werden darf. Die DHBW bringe junge Leute, Kultur, Kaufkraft und Arbeitsplätze in die Stadt. Betriebe aus dem Neckar-Odenwald-Kreis seien auf diese Ausbildungsstätte ebenso angewiesen wie die angehenden Studenten.

Und wie steht die Leitung der DHBW Mosbach zu dem Thema? Die FN haben bei der Rektorin, Professorin Gabi Jeck-Schlottmann, nachgefragt.

Frau Professorin Jeck-Schlottmann, welche Studienangebote, die eine Konkurrenz zu Mosbach sein könnten, möchte die DHBW Heilbronn einrichten?

Jeck-Schlottmann: Aktuell melden die Dualen Partner insbesondere in den Bereichen IT und Digitalisierung großen Handlungsbedarf. Welche Angebote konkret an der Studienakademie Heilbronn geschaffen werden sollen, ist aber noch völlig offen. Das hängt davon ab, wie eine eventuell geänderte Errichtungsverordnung aussehen könnte. Sie könnte weiter die Konkurrenz in manchen Studiengängen ausschließen, oder sie könnte eine völlige Öffnung bringen.

Welche Ausbildungsfirmen stehen hinter diesem Wunsch?

Jeck-Schlottman: Das ist uns im Einzelnen nicht bekannt. Klar ist aber, dass sie aus der Region Heilbronn-Franken kommen.

Es müssen ja viele Betriebe sein, wenn man von einem drohenden Verlust der Hälfte der Studenten spricht.

Jeck-Schlottmann: Diese Aussage stammt nicht von mir. Tatsache ist aber, dass rund ein Drittel unserer Studierenden aus dem Bereich Heilbronn-Franken und Hohenlohe kommt. Wir bedienen diesen Raum historisch bedingt – so war es bei der Gründung gewollt. Doch die Unternehmen aus dieser Region würden, wenn es dort entsprechende Angebote gäbe, möglicherweise nach Heilbronn gehen. Es würde zu Verlagerungen kommen.

Würden diese Ausbildungspartner sich dann ganz von Mosbach zurückziehen?

Jeck-Schlottmann: Auch das kann man im Vorfeld nicht einschätzen und ist sicherlich von der neuen Formulierung in der Errichtungsverordnung abhängig.

Wann sollen die Angebote in Heilbronn eingerichtet werden, wann würde diese Konkurrenzsituation frühestens eintreten?

Jeck-Schlottmann: Der Zeitplan ist uns nicht bekannt. Das liegt in politischen Händen. Zuallererst müsste ein Entwurf für eine geänderte Errichtungsverordnung erarbeitet werden, dann folgt ein Kabinettsbeschluss. Über den aktuellen Stand kann nur das Ministerium Auskunft geben. Wenn eine geänderte Errichtungsverordnung vorliegt, dann können Studienangebote in den darauf folgenden Studienjahren eingerichtet werden.

Sind auch Studienangebote des Campus Bad Mergentheim betroffen?

Jeck-Schlottmann: Ja, eindeutig. Wenn eine völlige Öffnung kommt, dann sind alle dort angebotenen Studienfächer betroffen. Aber auch wenn es nur die IT-Fächer betrifft, dann sind beispielsweise die am Campus Bad Mergentheim neu angebotenen Bereiche in BWL Digital Business Management und in Angewandter Informatik betroffen.

Böse Zungen sagen: Wenn die Klausel fällt, beweist das, dass das Geld, also starke Firmen entscheiden, was man wo studieren kann. Was sagen Sie dazu?

Jeck-Schlottmann: Bundesweit ist einfach zu wenig Geld im Hochschulwesen. Der gesamte Sektor von den Universitäten bis zu den Dualen Hochschulen ist unterfinanziert. Da kann man sich nur freuen über Drittmittel von starken Unternehmen und über starke Studienstiftungen, die finanzielle Mittel hereinbringen. Wir haben das Glück einer starken Stiftung „pro DHBW Mosbach“ mit über 70 solcher Firmen aus der Region, die uns unterstützen. Gut ist, dass wir so die Einflussnahme einzelner finanzstarker Unternehmen – im Sinne der Freiheit von Forschung und Lehre – ausschließen können.

Wie kann die DHBW Mosbach reagieren?

Jeck-Schlottmann: Wir haben auf die gestiegene Nachfrage nach einem Studium im Bereich IT und Digitalisierung bereits reagiert. 26 zusätzliche Kurse wurden an der gesamten DHBW zum jetzt im Oktober beginnenden Studienjahr eingerichtet. Unsere Angebote in Mosbach wurden im Bereich Wirtschaftsinformatik und Angewandte Informatik verstärkt. Das war durch eine interne Umschichtung der Ressourcen möglich. Bei der Wirtschaftsinformatik haben wir nun 120 statt bisher 90 Plätze für Studienanfänger, in der Angewandten Informatik sind es 90 statt bisher 60. 30 kamen durch die Schaffung eines Kurses in Bad Mergentheim dazu. Außerdem wurden 30 Studienanfängerplätze im neuen Angebot BWL-Digital Business Management in Bad Mergentheim eingerichtet. Insgesamt wurden also zusätzliche 90 Studienanfängerplätze geschaffen, das entspricht über die Dauer des Studiums 270 Studierenden.

Mussten Betriebe, beziehungsweise Studenten abgelehnt werden?

Jeck-Schlottmann: Nein. Es mussten keine Anfragen nach Studienplätzen in diesen Bereichen abgelehnt werden. Auch die Studienakademie Heilbronn kann innerhalb ihres Profils neue Studienangebote im Bereich Digitalisierung entwickeln und anbieten – das geht auch innerhalb der bestehenden Errichtungsverordnung.

Kann die DHBW Mosbach auf der politischen Ebene etwas tun?

Jeck-Schlottmann: Politisch wurde ja bereits reagiert. Wir freuen uns sehr über die breite politische Unterstützung von Oberbürgermeister Jann, Landrat Dr. Brötel, Minister Hauk sowie den Abgeordneten Kern und Nelius. Auch die Grünen des Neckar-Odenwald-Kreises haben sich für den Standort Mosbach ausgesprochen. Die politische Unterstützung bleibt aber weiterhin wichtig.

Wie geht es nun weiter?

Jeck-Schlottmann: Die Sachargumente liegen auf dem Tisch. Wir haben eine Abstimmung des Studienangebotes vorgeschlagen, passend zum jeweiligen Profil der Studienakademien und entlang der bestehenden Errichtungsverordnung – zum Wohle der Dualen Partner, der Studierenden und des Hochschulangebots im ländlichen Raum. Unsere Türen stehen offen für Gespräche. Wir müssen auf allen Ebenen reden – auf der Ebene der Hochschule und auf der Ebene der Politik. Ein Konflikt und öffentliche Debatten schaden uns nur – beiden Standorten und der gesamten DHBW. Bild: Hendrik Steffens