Mosbach

Tagebuch von Dietmar Riemann Eintrag vom 11. November 1989 befasste sich mit den Geschehnissen rund um den Mauerfall aus Sicht des Fotografen

„Aber das Irrationalste ist am 9. November passiert“

Berlin.„Mir geht es schlecht. Ich bin total am Boden. Arbeit ist für mich nur sehr schwer zu finden. Alle sagen mir das ins Gesicht. Aber mein seelischer Zustand hat vor allem etwas mit den Vorgängen in der DDR zu tun. Die politische Entwicklung in der DDR – vor Wochen noch nicht einmal zu ahnen – hat sich in den letzten Tagen überschlagen. In unserer alten Heimat hat es dramatische Veränderungen gegeben.

Bei den Leipziger Montagsdemonstrationen sind es immer und immer mehr Menschen geworden. Am 30. Oktober sollen es rund 300 000 Demonstranten gewesen sein, und am 6. November waren sogar 500 000 Menschen auf der Straße! Die Zahl derer, die in der DDR bleiben wollen und das auch artikulieren, nimmt ständig zu. Die Bereitschaft zum öffentlichen Protest hat längst auch viele erfasst, die nicht ausreisen wollen.

Am 1. November hat die Regierung der DDR die von ihr im Oktober verhängte Reisesperre in die Tschechoslowakei wieder aufgehoben. Die Visumpflicht wurde zurückgenommen. Egon Krenz hat bei seinem Volk um Vertrauen geworben und eine vage formulierte Reisefreiheit versprochen.

Aber kaum ein Mensch glaubt dem altgedienten SED-Mann. Allein am Wochenende des 4. und 5. November sind wieder über 15 000 DDR-Bürger über die CSSR in die Bundesrepublik geflüchtet. Am Freitag davor durften aus Prag schon einmal 4500 Ostdeutsche ausreisen. Am 4. November gab es in Ostberlin eine Riesendemonstration. Man hat die dort versammelten Menschen auf 500 000 geschätzt. Bürgerrechtler, Künstler und andere Prominente forderten als Redner unter starkem Beifall Reformen. SED-Sprecher wurden ausgepfiffen. Der Pfarrer Friedrich Schorlemmer erinnerte an das Luther-Wort: „Lasset die Geister aufeinanderprallen, aber die Fäuste haltet stille!“

Am 7. November ist die komplette Regierung der DDR zurückgetreten. Und am 8. hat sich das Politbüro des ZK der SED aufgelöst. Es soll jedoch unter Krenz neu formiert werden. Die ersehnte Reisefreiheit für DDR-Bürger will man jetzt per Gesetz festschreiben. Das Alles ist unvorstellbar, absolut unvorstellbar. Aber das Irrationalste ist am 9. November passiert. Man stelle es sich vor: Am späten Abend sind in Berlin die Grenzübergänge geöffnet worden. Nach 28 Jahren des Mauerbaus waren sie auf einmal offen. Dieses nationale Ereignis von unermesslichem Rang hat selbst in unserem kleinen mittelfränkischen Dörflein Steinach wie eine Bombe eingeschlagen, denn wer hätte das je ernsthaft für möglich gehalten?

Das kam so: Auf einer internationalen Pressekonferenz nach einer Sitzung des ZK der SED wurde das Politbüromitglied Günter Schabowski – eigentlich das ehemalige Politbüromitglied Schabowski, denn dieses „Büro“ wurde ja gerade erst aufgelöst – gegen 19 Uhr von einem westlichen Journalisten nach der von Egon Krenz für das Ende des Jahres angekündigten neuen Reiseregelung gefragt. Schabowski teilte daraufhin mit, dass jetzt jeder DDR-Bürger in den „Westen“ fahren dürfe, und zwar ohne besondere Gründe angeben zu müssen.

Und als man den Genossen Schabowski weiter fragte, ab wann denn diese Regelung gültig sei, sagte der sichtlich irritierte und überforderte Mann: „Sofort, unverzüglich.“ Danach haben sich die Nachrichtenagenturen überschlagen, weltweit. Die Tagesschau der Bundesrepublik blendete in ihren 20 Uhr Nachrichten den knappen Satz ein: „DDR öffnet Grenze.“

Wenig später begann etwas, das man wohl am ehesten mit dem Bruch eines Staudammes vergleichen kann. In den folgenden Stunden versammelten sich Tausende von Ostberlinern vor den Grenzübergangsstellen nach Westberlin. Gegen 21.30 Uhr sagte in Ostberlin irgendwo irgendein Grenzoffizier: „Wir fluten jetzt.“ Massen von Ostberlinern, aber auch Westberliner, kletterten gegen Mitternacht gleichzeitig auf die Mauer vor dem Brandenburger Tor und jubelten und jubelten. Die vom westlichen Fernsehen interviewten Menschen riefen immer wieder „Wahnsinn! Wahnsinn!“ in die Kameras.

Was ist da passiert am 9. November in Ostberlin? Ich verstehe das nicht. Welche Konstellationen sowjetischen und ostdeutschen Machtunvermögens haben sich da zu einer Sternstunde der Geschichte gemischt, denn so kann das doch kein Krenz und auch kein Gorbatschow gewollt haben? Das war doch wohl viel eher ein „Unfall der Geschichte“ – ein absolut glücklicher natürlich. Wahrscheinlich war nach der Entmachtung von Honecker und nach der Beseitigung von anderen Oligarchen aus der Hierarchie der SED der noch vorhandene Teil des einstmals perfekt funktionierenden Apparates restlos überfordert. Oder was ist da abgelaufen? Hat da keiner nach den Streitkräften, die Stasi und den Kampfgruppen gerufen?

Die SED wird ihre Macht endgültig verlieren, jedenfalls glaube ich das nun. Doch trotz der jüngsten, hoffnungsvollen Ereignisse in der DDR strömen immer noch täglich tausende Menschen von Ost nach West. Wir würden jetzt längst nicht mehr gehen, obwohl wir noch vor kurzem mehr Angst davor hatten, bleiben zu müssen, als vor den Unwägbarkeiten des Verlassens der Heimat. Aber es sind noch nicht alle Würfel gefallen im Osten Deutschlands. Mir fallen zwei andere 9. November in unserer deutschen Geschichte ein. Am 9. November 1918 endete zwar in Deutschland die Monarchie, und der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann rief an diesem Tag in Berlin die Republik aus, aber der Versuch, eine stabile demokratische Ordnung aufzubauen, scheiterte letztlich. Am 30. Januar 1933 feierte das deutsche Volk die Machtübergabe an Adolf Hitler und seine NSDAP. Und dann kam auch schon bald der 9. November 1938, der Tag, an dem in Deutschland die Synagogen brannten. Hoffentlich geht alles gut nach diesem 9. November, bei uns da drüben’.

Mit Tränen in den Augen sitze ich vor meinen Tagebuchseiten und ich denke dabei an eine Strophe aus einem Gedicht des bereits 1976 aus der DDR ausgebürgerten Dichters und Liedermachers Wolf Biermann, die mir mein Freund Albrecht E. einmal aufgeschrieben und geschickt hat: ,Wenn die neue Zeit mal nicht mehr bloß auf roten Pappen steht, wenn es eines wirklich schönen Tages drüben bessergeht. Du, dann wird’s mir hier im Westen sehr gemischt und elend gehen, wie so viele, die von drüben kamen, werd ich alt aussehn – alt und froh. Ich werde stammeln: Das, wofür ich dort gestritten, jetzt wird’s Wahrheit? Ja, ich habe all das nicht umsonst gelitten. Meine Leute sind das, die da jetzt in Leipzig und in Dresden ungeniert die Wahrheit sagen. Und das sind auch meine alten treuen Feinde, die jetzt zittern – denen geht’s jetzt an den Kragen!’

Diese wunderbare Vision, ich glaube, dass sie aus dem Jahr 1980 stammt, von einem der bemerkenswertesten und aufrichtigsten deutschen Künstler, erschüttert mich erneut bis tief ins Mark!“