Main-Tauber

Freiwillige Feuerwehr Nach wie vor eine Männerdomäne / „Wir brauchen mehr weibliches Personal“ / Teamarbeit wird großgeschrieben

Wow-Effekt, wenn die Atemschutzmaske weg ist

Archivartikel

Die Freiwilligen Feuerwehren bestehen nach wie vor hauptsächlich aus Männern. In der Region sind mittlerweile aber auch einige Frauen im Einsatz und sie ernten oft überraschte Reaktionen.

Main-Tauber-Kreis. Die Arbeit bei der Feuerwehr ist sowohl körperlich als auch seelisch fordernd. Schwere Gerätschaften müssen bewegt und bei Unfällen Hilfe geleistet werden. Auch heute noch verrichten vor allem Männer diese Aufgaben. Im Main-Tauber-Kreis engagieren sich zwar immer mehr Frauen für das Ehrenamt, dennoch bleiben sie in der Männerdomäne Feuerwehr nach wie vor unterrepräsentiert.

„Wir spüren seit etwa fünf Jahren, dass sich mehr Frauen und Mädchen für die Feuerwehr interessieren“, meint Andreas Geyer, Stadtkommandant in Bad Mergentheim, „und der Anteil erhöht sich stetig“. Auf etwa 400 aktive Feuerwehrmänner in der Kurstadt, in allen Abteilungen, kommen aktuell 60 Feuerwehrfrauen, in der Jugend finden sich unter knapp 200 Kindern und Jugendlichen zurzeit 63 Mädchen. Und die können mit ihren männlichen Kollegen durchaus mithalten. „Wir haben wirklich taffe Frauen hier, die unseren Männern in nichts nachstehen“, freut sich Andreas Geyer, „im Gegenteil, die gehen für manchen vielleicht sogar als Vorbild voran“.

Gerne sähe man darum auch weibliche Verstärkung in den Führungspositionen. „Momentan haben wir leider noch keine Frau als Abteilungskommandantin“, bedauert Geyer, „das wird sich aber hoffentlich in Zukunft ändern“. In Frauen- und Männerarbeit werde deshalb generell nicht unterschieden.

Das weiß auch Claudia Heidinger zu schätzen. Seit über 40 Jahren engagiert sich die Markelsheimerin bereits für die Feuerwehr. Mit zehn Jahren beim Spielmannszug angefangen, unterstützt sie die Wehr jetzt als Maschinistin und Truppführerin. „Wir machen genau dieselbe Arbeit und Ausbildung wie die Männer auch“, erzählt Claudia, „da wird nicht unterschieden, ob Mann oder Frau“. Unter ihren männlichen Kollegen fühlt sie sich deswegen komplett integriert.

„Wir haben hier in Markelsheim wirklich wahnsinniges Glück mit den Kommandanten und Kollegen“, findet sie, „da gibt es keinen einzigen, der einen belächelt. Wir werden behandelt wie jeder Mann auch“. Dennoch kann sie sich vorstellen, weshalb Frauen in der Feuerwehr nach wie vor unterrepräsentiert sind. „Die Hemmungen, wie die Angst vor dem Feuer und die schwere körperliche Arbeit, sind bei vielen noch sehr hoch“, überlegt die Markelsheimerin, „das ist schade. Es wäre schön, wenn noch mehr Frauen den Weg zur Feuerwehr finden würden“.

Blick nach Igersheim

Das wünscht man sich auch in den anderen Gemeinden im Kreis. „Gerade für die Tagbereitschaft wäre es gut, wenn wir mehr Frauen hätten, die tagsüber Zeit haben“, sagt Hermann Michel, Kommandant in Igersheim. Nur drei Frauen sind in der Gemeinde zurzeit im normalen Einsatzdienst tätig, eine weitere als Leiterin der Kindergruppe. „Im Jugendbereich haben wir etwa ein Drittel Mädchen, die meisten gehen uns aber irgendwann durch die Ausbildung, Umzug oder Familienverpflichtungen verloren“, bedauert Hermann Michel.

Sechs Frauen in Weikersheim

Das ist in allen Wehren ein bekanntes Problem. „Das ist wie bei den Jungs auch“, sagt der Weikersheimer Kommandant Jürgen Friedel, „da kommt irgendwann die Ausbildung dazwischen oder die Familienplanung. Manche kommen dann wieder, viele aber auch nicht“. Geblieben sind in den neun Weikersheimer Abteilungen zum jetzigen Zeitpunkt etwa sechs Frauen, die dienstälteste seit knapp 20 Jahren. „Wir brauchen einfach mehr weibliches Personal“, findet Jürgen Friedel.

Creglinger Stellungnahme

Den Grund für den zögerlichen Zulauf der Frauen sieht Dieter Thomas, Kommandant der Creglinger Wehr, in lange etablierten Ansichten. „Das sind von früher her so gewachsene Strukturen, dass vor allem Männer in der Feuerwehr tätig sind.“

Acht Frauen engagieren sich in Creglingen zurzeit unter rund 300 Feuerwehrmännern. Gerne sähe man noch mehr von ihnen in der Verantwortung. „Der Weg nach oben steht bei uns allen, die geeignet sind, offen. Da braucht man keine Hemmungen haben.“ Der Nachwuchs lässt derweil hoffen: Etwa die Hälfte sind Mädchen. „Wir hatten in den letzten zwei Jahren zwei weibliche Übernahmen aus der Jugend in die aktive Wehr“, erzählt Dieter Thomas, „das kann gerne noch mehr werden“. Denn unter den männlichen Kollegen würden die Feuerwehrfrauen überall sehr geschätzt.

Niederstetten war Vorreiter

„Es kommt immer noch vor, dass der eine oder andere Mann es allgemein nicht gerne sieht, wenn seine Frau zur Feuerwehr geht“, weiß Oliver Käss, Kommandant in Niederstetten. „Innerhalb der Wehr gibt es da aber überhaupt keine Probleme. Im Gegenteil, erfahrungsgemäß bringen Frauen mehr Ruhe in den Einsatz und der Umgangston ist generell sanfter“, schmunzelt Käss. In den 1970er Jahren war Niederstetten die erste Wehr im Main-Tauber-Kreis, die Frauen in den Dienst aufnahm. Seitdem waren etwa 60 Frauen für sie tätig, aktuell sind es noch 18, die sich in den verschiedensten Bereichen engagieren.

Ob als Gruppenführerin, in der Einsatzleitung am Funk oder als Feuerwehrsanitäterin, es sind keine Grenzen gesetzt. „Seit Mitte der 90er Jahre sind die Gerätschaften wesentlich leichter geworden“, erinnert sich Oliver Käss, „das erleichtert gerade für unsere Frauen die körperliche Arbeit in vielen Bereichen enorm“.

Dennoch kann natürlich jederzeit um Hilfe gebeten werden, weiß seine Frau Jennifer Käss. „Das Schöne ist die Teamarbeit“, findet sie, „auch Männer können nicht alles allein. Da hält man zusammen und niemand steht allein da“. Seit 1993 ist die Niederstettenerin für die Feuerwehr aktiv. 2012 wurde sie die erste weibliche Zugführerin im Main-Tauber-Kreis, seit 2010 ist sie zusätzlich Gruppenführerin.

„Man muss einfach seinen Mann stehen und auch mal derbe Sprüche abkönnen“, lacht Käss, „als Frau hat man in der Feuerwehr manchmal das Gefühl, man müsste sich beweisen, dabei stimmt das gar nicht“. Von Außenstehenden bekäme man aber schon ab und an den Unterschied zu spüren. „Die Aggressivität gegenüber Rettungskräften ist oft geringer, wenn man als Frau dasteht“, sagt sie. „Und wenn man unter der Atemschutzmaske rauskommt, haben viele Schaulustige den überraschten Wow-Effekt: Das ist ja eine Frau!“, grinst Jennifer Käss. Das Wichtigste sei aber die Begeisterung. „Feuerwehrler sind Menschen, die bereit sind, ihre Freizeit für die Allgemeinheit zu opfern.“ Deswegen ist bei der Wehr jeder willkommen – ob Mann oder Frau.