Main-Tauber

Familienbericht Dr. Michael Lippert legte Datentabellen vor / Hilfen zur Erziehung klettern kontinuierlich nach oben

Unterstützung von Familien nötiger denn je

Als reines Zahlenwerk präsentiert sich der Familienbericht alle zwei Jahre. Dennoch wird klar: Bei der Schaffung von Kinderkrippen- und -gartenplätzen gibt es keine Vorlaufzeit. Handeln ist angesagt.

Main-Tauber-Kreis. Eigentlich ist die Kurve, die Dr. Michael Lippert, stellvertretender Leiter des Jugendamts, den Mitgliedern des Jugendhilfeausschusses am Dienstag in der Kreisstadt präsentierte, eine positive. Die Kinderzahlen im Main-Tauber-Kreis steigen wieder. Dennoch: Der Abwärtstrend ab den Jahren 2003/04 bis 2012 ist nicht mehr aufzuholen. „In diesem Zeitraum sind es gegenüber früheren Jahren über 5000 Kinder, die nie geboren wurden und jetzt als Jugendliche fehlen“, so Lippert.

Geführt hat das zwar nicht zu einem Abbau von Betreuungsplätzen, sondern zu einem, auch gesetzlich vorgegebenen, Umbau des Betreuungsangebots, wie die jährliche Statistik des Jugendamts zeigt. Allein schon der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz sowie einen Krippenplatz ab einem Alter von einem Jahr bindet Platz- und Personalkapazitäten.

Dass die Kinderzahlen ab dem Tiefpunkt 2012 mit 943 Geburten im Main-Tauber-Kreis wieder steigen und 2018 bei 1215 Neugeborenen liegen, hat aber auch eine Kehrseite. „Die Kommunen haben wenig Vorlaufzeit, um ihre Betreuungsplätze anzupassen“, so Lippert, „und das bereitet vielen Probleme.“ Zwar gebe es für 34 Prozent aller unter Dreijährigen im Main-Tauber-Kreis Angebote, was im Landesvergleich ein guter Schnitt sei. Dennoch sei der Bedarf groß. „In den vergangenen sieben Jahren wurden allein so viele neue Plätze geschaffen wie es im gesamten Kreis im Jahr 2007 gab“, erläutert Lippert die Brisanz des Themas.

Einen weiteren Fokus legt der Familienbericht schon seit Jahren auf die Familienkonstellationen. Sie werden mit Belastungsfaktoren wie dem Bezug von Arbeitslosengeld, Hartz IV oder Sozialgeld in Bezug gesetzt. In den reinen Datentabellen verdeutlicht sich, dass Familien, bestehend aus Vater, Mutter und Kindern, kontinuierlich abnehmen. 2013 waren es noch 17,42 Prozent, bis Ende 2018 sank dieser Anteil auf 15,75 Prozent. Im Gegenzug stiegen die Alleinerziehendenhaushalte mit Kindern von 18,53 im Jahr 2013 auf 19,68 Prozent im vergangenen Jahr.

Ambulante Hilfen steigen

Ambulant vor stationär lautet die Devise des Jugendamts bei den Hilfen zur Erziehung bereits seit Jahren. Die Zahlen zeigen, dass dieser Vorgabe strikt gefolgt wird. Sind die stationären Hilfen zur Erziehung seit Jahren nahezu konstant, klettern die ambulanten Maßnahmen Jahr für Jahr in neue Höhen und liegen nunmehr bei knapp über 500.

Dass nicht allein das Jugendamt Hilfen anbietet, sondern auch Eltern nach Möglichkeiten suchen, wie sie ihr Leben mit Kindern, Arbeit und anderen Herausforderungen gemeistert bekommen, zeigen die Zahlen der Erziehungsberatungsstellen im Main-Tauber-Kreis. Angeboten werden sie im mittleren und nördlichen Kreisgebiet vom Caritasverband, im südlichen vom Evangelischen Kirchenbezirk Weikersheim.

„Mit fast 800 Beratungen sind das mehr Hilfen als die, die das Jugendamt angeboten hat. Das zeigt, wie hoch der Stellenwert dieses niedrigschwelligen Angebots ist“, erläuterte Dr. Michael Lippert dem Jugendhilfeausschuss.

Als Folgerungen für die Jugendhilfe im Main-Tauber-Kreis kristallisierte er mit Blick auf die Datenerhebung vier Punkte heraus: den weiteren quantitativen und qualitativen Ausbau der Kinderbetreuung; die Förderung der Erziehungskompetenz der Eltern durch Beratungsangebote sowie die Schaffung von Anlaufstellen, wie Familienzentren; Unterstützung von alleinerziehenden Müttern und Vätern sowie Patchwork-Familien bei der Inanspruchnahme von Hilfen zur Erziehung; Erhalt und Förderung moderner und attraktiver Jugendhilfe-Strukturen für Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und ihre Familien. Auf die Frage von Roland Ehrmann (AfD), warum die Kosten bei der Jugendhilfe gegenüber 2003 so stark gestiegen seien, nannte Lippert Faktoren wie erhöhte Mobilität in der Arbeitswelt und beim Wohnort, vermehrte Probleme in Familien sowie die steigende Zahl von Alleinerziehenden mit Mehrfachbelastung.

Konkrete Beispiele gefordert

Manfred Schaffert (CDU) forderte die Verwaltung auf, die allgemeinen Folgerungen für die Jugendhilfe doch an konkreten Beispielen festzumachen. Der stellvertretende Jugendamtsleiter nannte Familienzentren als eine Chance, die Erziehungskompetenz von Eltern zu fördern. Sie fungierten nicht allein als Treffpunkt, sondern auch als niederschwelliger Beratungsstützpunkt und Kommunikationsbörse. Einige Familienzentren seien bereits entstanden. Ein Landkreis allein und auch kein Land könne ein solches System aber flächendeckend stemmen. „Da müsste vom Bund noch viel mehr kommen“, so Lippert.

Jugendamtsleiter Martin Frankenstein konkretisierte die Folgerung der besseren Unterstützung von Alleinerziehenden und Patchwork-Familien mit der Aufstockung von Personal im Jugendamt. Damit werde ermöglicht, frühzeitig bei Familien vor Ort zu sein und je nach Bedarf Hilfen anzubieten, wenn es notwendig sei.