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Jubiläum Die Würth-Gruppe feiert an diesem Donnerstag ihr 75-jähriges Bestehen / Von der Schraubengroßhandlung zum Weltmarktführer

Unternehmenskultur spielt eine tragende Rolle

Archivartikel

Künzelsau.Er wollte selbstständig und unabhängig sein. Er wollte seiner Familie das Auskommen sichern. Im Juni 1945, mit Ende des Zweiten Weltkriegs, beschließt Adolf Würth, eine Schraubengroßhandlung zu gründen. Heute ist der Konzern mit Sitz im baden-württembergischen Künzelsau Weltmarktführer im Vertrieb von Montage- und Befestigungsmaterial.

„70 Jahre lang das Werden dieser Würth-Gruppe beobachtet und entscheidend mitgestaltet zu haben, gibt mir gegen Ende meiner Lebensspanne die Dankbarkeit, zusammen mit meiner Frau ein erfülltes Leben durchlebt zu haben, besonders, weil mehr als 78 000 stabile Arbeitsplätze geschaffen werden konnten“, so Prof. Dr. h. c. mult. Reinhold Würth

Der Wille setzt das Ziel

Durchsetzungsvermögen und Beharrlichkeit brachten Adolf Würth ans Ziel. Die Warenbeschaffung war in den Besatzungszonen nicht einfach. Räumlichkeiten waren schwer zu bekommen. In einem Nebengebäude der Künzelsauer Schlossmühle fand man schließlich einen Raum: Auf nur 170 Quadratmeter geht der Anfang des Weltkonzerns zurück.

Die ersten Schraubenlieferungen wurden mit einem geliehenen Ochsenkarren transportiert. Heute fahren täglich 90 Lkw mit 2250 Paletten, 49 000 Paketen und 750 Tonnen bestellter Ware vom Hof der Adolf Würth GmbH & Co. KG nur für die Würth Kunden in Deutschland.

Die erste Verkaufsreise führte Reinhold Würth 1951 nach Düsseldorf und ist richtungsweisend – raus aus der Region, raus in die Welt. Mit rund 2000 Mark Umsatz kam er zurück.

Sein Vater zeigte sich ihm gegenüber nicht sonderlich begeistert. Zu seiner Frau Alma sagte er heimlich: „Gar nicht so schlecht, was der Lausbub da zustande gebracht hat!“, was Reinhold Würth erst viel später von seiner Mutter erfährt.

„Die fünf Lehrjahre bei meinem Vater waren sehr wertvoll für mich“, fasst Reinhold Würth heute die kurze gemeinsame Zeit zusammen. Adolf Würth stirbt 1954 völlig unerwartet. Im Alter von nur 19 Jahren übernimmt Reinhold Würth den Zweimann-Betrieb. 1962 gründet er die erste Auslandsgesellschaft in den Niederlanden.

Heute gehören über 400 Gesellschaften in mehr als 80 Ländern zur Würth Familie.

„Schauen Sie hintern Berg und ums Eck“ lautet bis heute das Credo von Reinhold Würth. Die Strukturierung des Unternehmens in die Fachbereiche der Divisionen Metall, Auto, Industrie, Holz und Bau war ein weiterer Meilenstein in der Unternehmensgeschichte.

„Beständigkeit schafft Vertrauen“

„Jubiläen zu feiern, ist Teil unserer Unternehmenskultur – mein Vater feierte im letzten Jahr sein 70. Arbeitsjubiläum, in diesem Jahr seinen 85. Geburtstag und das Unternehmen jetzt sein 75-jähriges Bestehen. Diese Beständigkeit schafft Vertrauen. Dafür sind wir sehr dankbar“, freut sich Bettina Würth, Vorsitzende des Beirats der Würth-Gruppe.

Die Erfahrungen gegen Kriegsende und in den Jahren des Aufbaus haben Reinhold Würth stark geprägt. Nicht aufgeben, durchbeißen, sich konkrete Ziele setzen und visionäres Denken bestimmen seine Persönlichkeit und damit auch den Charakter des Unternehmens. Das weiterzugeben, ist ihm wichtig.

Neuer Rekordumsatz

2019 ist für die Adolf Würth GmbH & Co. KG, Keimzelle des Konzerns, Jubiläumsjahr und Erfolgsjahr: Das Unternehmen erwirtschaftet mit 7000 Mitarbeitern über zwei Milliarden Euro Umsatz. Der Konzern schreibt mit 14,3 Milliarden Euro ebenfalls einen neuen Rekordumsatz, weltweit haben über 78 000 Mitarbeiter an diesem Erfolg mitgewirkt. „Wenn man sich das richtig überlegt, ist das schon eine wahnsinnige Erfolgsgeschichte“, resümiert Norbert Heckmann, Sprecher der Geschäftsleitung der Adolf Würth GmbH & Co. KG. „Eine simple Schraubengroßhandlung in dieser eigentlich kurzen Zeit zum Weltmarktführer zu katapultieren, das versetzt auch uns heute noch in Staunen und Demut.“

Die Partnerschaft ist nach wie vor das stärkste Bindeglied zwischen Würth und seinen über 3,7 Millionen Kunden weltweit. Deshalb ist die Hälfte aller Mitarbeiter im Außendienst tätig: rund 33 000 weltweit. Eine Vertriebsmarke wird zur Herstellermarke.

Die Unternehmenskultur spielt bei Würth eine tragende Rolle. Wie wichtig Werte wie Zuverlässigkeit, Berechenbarkeit, Ehrlichkeit und vor allem auch Bodenständigkeit sind, hat das Unternehmen in diesem Jahr hautnah erlebt. Diese oftmals als traditionell verstandenen Werte haben für den Zusammenhalt gesorgt, der den Konzern durch die aktuelle Krise getragen hat und trägt.

In den frühen 1970er Jahren entdeckte Reinhold Würth die Leidenschaft zur Bildenden Kunst und beginnt, selbst zu sammeln. „Kunst bereichert unglaublich. Sie vermittelt, was noch möglich ist“, so Prof. Dr. h. c. mult. Reinhold Würth. Heute verzeichnet die Sammlung Würth über 18 300 Bilder und Skulpturen aus rund 500 Jahren. In nunmehr 15 Spielorte der Sammlung Würth in Europa, die allesamt auch öffentlich zugänglich sind, kommen jährlich rund 500 000 Besucher.

Außerdem reisen einzelne Leihgaben oder ganze Ausstellungen der Sammlung Würth immer wieder durch die Welt. Als jüngstes Haus kam 2020 das Museum Würth 2 mit einer ständigen Auswahl der Sammlung im von David Chipperfield Architects konzipierten Carmen Würth Forum in Künzelsau hinzu. Dort sind des Weiteren Konferenzräume für bis zu 700 Personen angesiedelt. Seit 2017 befinden sich dort unter anderem zwei Säle, in denen die Würth Philharmoniker beheimatet sind.

Kunst bereichert

„Die Beschäftigung mit der Kunst hat mich unglaublich bereichert“, sagt Reinhold Würth. „Sie hat mir oft vermittelt, was alles möglich ist auf dieser Welt.“ Kunst und Kultur bringen frischen Wind in Gedanken und Tun. „Dieses Unternehmen wäre tot, wenn es statisch wäre“, ist Reinhold Würths tiefe Überzeugung. „Es muss im Grunde jede Woche neu erfunden werden, ohne dass die Wurzeln und die Geschichte verlorengehen.“