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Selbermachen ist kreativ

Archivartikel

Von unserem Redaktionsmitglied

Wer Wahlplakate zerstört (oder verändert) macht sich strafbar - darüber habe ich am Freitag berichtet. Trotzdem kann ich eine gewisse Grundsympathie für kreative, originelle "Umdeutungen" nicht verhehlen.

Natürlich zeugt das Herunterreißen oder Stehlen der Plakate von keiner ernstzunehmenden Debattenkultur und ist schlicht und ergreifend gegen das Gesetz. Doch manch kleine Veränderung lässt den Betrachter mindestens ein wenig schmunzeln.

Wer im Internet "wahlplakate busting" googelt, der findet eine große Zahl an Aufschriften, Anfügungen und durchaus sinnreichen Überklebungen, die das Zeug haben, den Einzug ins Polit-Kabarett zu schaffen. Einige Wahlplakate sind ja schon an sich (unfreiwillig) komisch. Andere werden es, wenn ein Politiker mit Clownsnase versehen wird und auf einem schrägen Überkleber "Der Zirkus kommt" geschrieben steht. Bitte fühlen Sie sich jetzt nicht zu nächtlichen, subversiven Streifzügen angeregt. Für die Ver(un)zierungen sorgen schon - ob's uns gefällt oder nicht - andere.

Ich selbst habe bei wirklich jeder Wahl einen Politiker wochenlang quasi im Esszimmer hängen: Der Laternenpfahl, an dem die Wahlwerbung befestigt ist, befindet sich nur drei Meter weit von meinem Haus entfernt. Sagen wir mal so: Ich habe mich nicht nur daran gewöhnt, sondern den Kandidaten unlängst sogar mal drauf angesprochen. Er hat gelacht und ein gewisses Mitgefühl formuliert. Die engagierten Frauen und Männer wissen schon selber, dass sie einem spätestens kurz vor dem Wahltag durchaus etwas auf die Nerven gehen mit ihrer Dauerpräsenz - egal, ob sie die "richtige" Farbe vertreten oder eine andere.

Das Umdeuten, Neuinterpretieren von politischen Plakaten hat übrigens eine lange künstlerische Tradition. Es war der deutsche Grafiker und Fotomontagekünstler John Heartfield, der die Polit-Collage erfunden hat. Eine seiner bekanntesten Arbeiten ist mit "Millionen stehen hinter mir" (1932) betitelt. Sie zeigt Adolf Hitler, in dessen typisch nach hinten geklappte Hand ein Industrieboss ein Geldbündel legt. Dem Abgebildeten hat das nicht gefallen, der damaligen Linken ganz besonders. Später stand Heartfield übrigens auch in der DDR (wo er nach dem Krieg lebte) in der Kritik.

Auch Klaus Staeck hat in diesem Stil gearbeitet: Für ein Plakat verwendete er Albrecht Dürers Zeichnung "Bildnis der Mutter aus dem Jahre 1514", und hat es mit der Frage "Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?" kombiniert. Von seinen satirischen Werken fühlten sich vor allem konservative Politiker immer wieder provoziert.

Was ich zeigen will: Der Grat zwischen Kunst, Nonsens und Geht-Nicht ist schmal. Der wesentliche Unterschied ist wohl dieser: Haertfield, Staeck & Co. haben das Medium Plakat intelligent genutzt und nicht einfach Vorhandenes/fremdes Eigentum zerstört. Jeder kann bei den Kommunen (wie die Parteien) einen Antrag auf eine Plakatierungsaktion stellen. Den besonderen Parteienschutz wird er dabei zwar nicht genießen, aber wer etwas aufhängen will, wird schon einen Platz dafür finden. Und Selbermachen - auch Politisches - , das wäre doch wirklich kreativ.